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Das Unwesentliche: Friedhofsruhe

Spiel mir das Lied vom Code

Aus: Christ & Welt Ausgabe 19/2012

QR-Codes sollen fortan den Grabstein zieren. Hält jemand sein Smartphone an das Digital-Quadrat, plaudert er aus dem Leben des Toten. Wollen wir das?

Ich kann schweigen wie ein Grab? Das war mal! Denn Gräber schweigen nicht mehr. Marmorstein, Findling, Platte und Säule werden bald alle mit einem QR-Code versehen sein! QR-Codes sind diese schwarz-weiß gefleckten Quadrate, die mittlerweile auf allen Werbeplakaten, in Zeitschriften und selbst auf Bahnfahrplänen zu finden sind. Die kleinen Vierecke sehen aus, als seien sie einer Holstein-Kuh aus dem Fell geschnitten worden. Sollte ich dereinst in jene ultimative Rückenlage geraten, gibt dieser Code so ziemlich alles preis, was jemals über mich im Netz erschien – was ich selbst auf Facebook postete oder in Youtube stellte. Peinlich, peinlich! Auch was meine eventuell trauernden Hinterbliebenen mir so alles nachschicken, kann dann jeder dahergelaufene Friedhofsflaneur abrufen. Er muss nur ein Mobilfunktelefon mit Scannerfunktion besitzen und an das Quadrat halten. Das Internet öffnet sich.

Proben wir also den Ernstfall. Nehmen wir an, meine überschaubare Fangemeinde pilgert zu meiner letzte Ruhestätte – ich betone: RUUHÄÄÄ-Stätte!!! –, sie möchte dem verblichenen Straßenbarden huldigen. Jeder meiner Anhänger hält sein Smartphone an den Grabstein. Und schon ertönen meine Stimmungslieder aus dem Netz. Vorbei ist’s mit der Friedhofsruhe. Neben mir schläft ein Vuvuzela-Fanatiker, der auch eine Schar um sich versammelt! Grauenhafte Vorstellung! Da hatte es mein Sangesbruder Heinrich Heine doch noch besser. Ein welker Damenchor, ein knarzender Männergesangverein gab ihm ein Ständchen und gut war’s! Redende Gräber gibt es übrigens schon, wenn auch nur sinnbildlich in friesischen Seefahrergemeinden: „Hier ruht Pitter Petersen, dem in einer Sturmnacht am 5.November 1847 ein verirrter Hai ein Bein abbiss, worauf er selig verschied.“ Besäße sein Grab einen QR-Code, verwiese dieser auf folgenden Link: „Kunden, die sich für Pitter Petersen interessieren, kauften auch die DVD ,Der weiße Hai‘.“ Wollen wir das?

Erschienen in:
Ausgabe 19/2012
Redakteur:
Andreas Öhler (Redakteur)
Thema:
Das Unwesentliche
Stichworte:
Kultur, Ethik, Medien, Tod, Lebensstil