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Protestanten

So oder so ist das Leben

Aus: Christ & Welt Ausgabe 28/2013

Auf die evangelische Kirche prasselt Kritik ein, seit sie eine Orientierungshilfe zur Familie veröffentlicht hat. Gibt es überhaupt jemanden, der das Papier gutheißt? Wir haben drei junge Theologen gefunden, die sich in ihrem Appell für den erweiterten Familienbegriff begeistern. Die Begeisterung der Redaktion über das Papier hält sich in Grenzen

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Das Reich Gottes ist angebrochen. Mitten in dieser Welt. Mit der Orientierungshilfe geht der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland den oft beschworenen, aber nie eingeschlagenen dritten Weg. Dieser Weg ist nicht liberal, nicht konservativ, er ist progressiv. Menschen werden diskriminiert, marginalisiert und ausgegrenzt. Dazu hat die Kirche zu lange ihren Segen gegeben. Damit soll jetzt Schluss sein. Stattdessen empfiehlt der Rat der EKD, ab sofort Menschen den Segen Gottes zuzusprechen: Singles, Getrennten, Wiederverheirateten, Lebensgemeinschaften, Kommunitäten, Alleinerziehenden, Homosexuellen, Menschen, die Rassismus ausgesetzt sind, Arbeitslosen, Behinderten und anderen, die bisher abschätzig und als nicht vollwertig und voll würdig betrachtet werden. Wo kommen wir da bloß hin?

Der Rat begibt sich damit auf unwegsames Terrain. Anstatt sich von einer fadenscheinigen Orthodoxie leiten zu lassen, folgt das Papier einer Ethik der Nächstenliebe. Als Orientierungshilfe ist die Veröffentlichung deshalb vielleicht ungeeignet. Anstatt Ausgrenzung zu empfehlen, richtet sich der Rat an der Ratlosigkeit aus. Der dritte Weg, den er einschlägt, verläuft abseits der Berechenbarkeit, abseits alles Planbaren und der Gewissheit. Er umarmt die zerbrochene Wirklichkeit, nimmt sich ihrer an und leidet mit. Er bettet sie ein in die Geschichte Gottes, die auch immer eine brüchige Geschichte ist. Gerade damit heißt er Menschen willkommen in ihrer Liebe, in ihrer Verunsicherung, in ihrer Zerrissenheit, in ihrer Freude und in ihrem Leid. Dieser Weg lädt ein, sich der Bewegung anzuschließen. Er bedeutet: Die Spuren der neuen, zukünftigen Welt sind aufspürbar in dieser Welt, in der Lebensrealität der Menschen. Eindeutige Antworten hat diese Sichtweise nicht zu bieten. Sie stellt Fragen und stellt infrage. Die Bewegung Kirche kommt so selbst in Bewegung. Sie ringt mit Gott. Die EKD ebnet mit der Orientierungshilfe den Weg in Richtung dieser neuen Wirklichkeit.

Dass dieser Vorstoß Kritik nach sich zieht, war den Autorinnen und Autoren klar. Aber auf den heftigen Shitstorm, der folgte, waren sie nicht vorbereitet. Die Orientierungshilfe sorgt für abstruse Reaktionen. Der Vorwurf: Die Veröffentlichung sei „der spektakuläre Versuch der Verweltlichung“, wie der „Spiegel Online“-Kolumnist Jan Fleischhauer schreibt. Auch Militärbischof Hartmut Löwe sieht das Papier kritisch. Die Veröffentlichung stelle, so Löwe, „einen revolutionären Bruch in der Kontinuität evangelischer Lehre und gemeinchristlicher Überzeugungen dar“. Kommentare wie diese erwecken den Anschein, die Kirche wäre tatsächlich nicht weltfremd genug. Was genau ist falsch daran, sich der Lebenswirklichkeit der Menschen anzunehmen? Was ist so schlimm an Verweltlichung?

„Das Wort ward Fleisch und wohnte mitten unter uns“, lautet es im Prolog des Johannesevangeliums. Trotzdem fällt es einigen offensichtlich schwer, wenn die Evangelische Kirche in Deutschland dieser himmlisch-irdischen Bewegung Nachfolge leisten will. Sie kommt den Menschen näher, wie Gott den Menschen nah kommt, indem er selbst Mensch wird. Und ist Gott, der Mensch wird, nicht das beste Beispiel für Verweltlichung? Neokonservative wie Fleischhauer können mit dem dritten Weg wenig anfangen. Für sie hat die Kirche eine klare Aufgabe in der Gesellschaft, und es bleiben ihr zwei Möglichkeiten, Orientierungshilfe zu leisten. Einerseits der konservative Weg: Ein klares Ideal von Familie wird mythisch überhöht, tradiert und als natürlich und einzig moralisch schützenswert betrachtet. Jede Abweichung wird da zur Sünde. Dieser Begriff wird aber nicht theologisch gefüllt. Stattdessen muss die Sünde herhalten für den sehr menschlichen und wenig göttlichen Wunsch nach Vereinheitlichung und Vereinfachung. Menschen werden ständig daran erinnert: Du bist schuldig. Die Männerdomäne hat das am liebsten den Frauen vorgehalten. Die ausdauernde Konfrontation mit dem Gegensatz des Bildes der „Sünderin“ Eva und dem Bild der „gehorsamen und jungfräulichen“ Maria sind ihre beiden Möglichkeiten. Sie muss sich entscheiden. Rein oder unrein. Gut oder böse. Gewalt ertragen oder allein erziehen. Der konservative Weg ist eher der gewissenhafte Schäferhund unter den Orientierungshilfen.

Der andere Weg wird dagegen oft als kontur- und orientierungslos wahrgenommen und belächelt. Alle haben sich lieb, das sei das Wichtigste. Diese Art der Orientierungslosigkeit bezeichnen manche als den „liberalen“ Weg. Alles ist erlaubt. In dieser Kirche fühlen sich also auch Menschen wohl, die eigentlich nur Bachs Kantaten hören wollen. Hier geht der Schäfer noch dem letzten verlorenen Schäfchen hinterher, um es in die Gruppe zurückzuholen. Je nach Geschmack, so heißt es, bleibt also das infantile Erziehungssystem oder das Wischiwaschi-Programm. Man könne ja einfach Über- oder Austreten, wenn einem der Weg nicht passt.

Das ist es, was von Kirche erwartet wird. Dass diese Projektion der Realität kirchlicher Praxis überhaupt nicht entspricht, bleibt dabei unbeachtet. Die Kirche spielt dieses Spiel oft genug mit. Deshalb erwartet auch niemand mehr etwas von ihr. Schon gar nicht, wenn „Orientierungshilfe“ draufsteht. Doch dieses Mal ist sie mutig und eben nicht wischiwaschi. Sie schimpft nicht mit erhobenem Zeigefinger. Gleichzeitig ist sie nicht belanglos. Menschen sollen leben, wie es ihnen beliebt. Entscheidend sind für die Orientierungshilfe allerdings die Haltung und der Umgang miteinander in den jeweiligen Lebensformen. Sie fordert Liebe, Verlässlichkeit, Vertrauen, Fürsorge, Verantwortung. Ihren Kritikern und Kritikerinnen passt das nicht ins Feindbild.

Woher kommt das Wissen darum, dass ein Leitbild nur zum Leben verhilft, wenn es klare Vorgaben zum korrekten Beziehungsverhalten vorschreibt? Sind solche Leitbilder nicht lebenshindernd und gewaltvoll? Und wie erlösend fühlt es sich an, davon befreit zu werden? Ich darf der Mensch sein, der ich bin. Ich werde in meiner Lebenssituation gehört und nicht pauschal beurteilt. Der Wunsch des Menschen nach ehrlicher Anerkennung wird erfüllt.

Gerecht geworden ist dem Konstrukt der heilen Familienwelt sowieso nie irgendjemand, das stellt die Orientierungshilfe richtigerweise fest. Diese treffende Analyse ist eine der Stärken der Veröffentlichung. Die Reaktionen sind umso erschreckender. Xenophobie beginnt anscheinend schon, wo das ach so traditionelle Familienbild nicht mehr als Bollwerk gegen den Zerfall der sogenannten christlichen Werte ins Feld geführt wird. Mit seiner Beobachtungsgabe wagt der Rat sich, wenn die Kritiker recht behalten, schon zu weit vor die sicheren Kirchenmauern. In Wahrheit macht die Orientierungshilfe den Balken im Auge der Kirche und der Gesellschaft nur sichtbar.

Das Papier der EKD behauptet: Familie ist vielfältiger als Vater-Mutter-Kind. Die EKD würdigt alle Beziehungsformen und damit auch das Leben der Menschen, die bisher nicht vorkommen im kirchlichen Selbstverständnis. Dabei argumentiert sie mit der Bibel und redet explizit von anderen Formen des Zusammenlebens als der heterosexuellen und monogamen Ehe. Familie sei, mit Jesus gesprochen, noch nicht einmal biologisch bedingt. Uiuiui, da wird der Rat aber frech.

Menschen lieben Menschen, sie bekennen sich zueinander, sie wollen ihr Leben und ihre Liebe teilen. Sie sorgen sich um Kinder. Trotzdem wird ihnen der Schutz vorenthalten, der der traditionellen Ehe vorbehalten bleiben soll. Eine Wahl haben sie nicht. Ihre zugeschriebene Andersartigkeit wird ihnen stattdessen durch Blicke und Gesten ständig vorgehalten. In Medien, Bürokratie und Bildung kommen sie nicht vor. Sie werden in Kategorien gezwungen, denen sie nicht entsprechen. Dieser Zwang beginnt für viele schon in der Kindheit. Eltern sind ständig darum bemüht, ihren Kindern Ausgrenzung zu ersparen. Transsexuelle werden erschlagen, und Pfarrer und Pfarrerinnen stottern bei ihrem Begräbnis. Statt sich klar auf die Seite der Schwachen und Ausgegrenzten zu stellen, bleiben sie sprachlos zurück. Fünf Menschen lieben sich, sie wohnen unter einem Dach und übernehmen gemeinsam die Verantwortung für Kinder. Die missachtenden Blicke und Kommentare prägen – sowohl in der Gemeinde als auch an anderen öffentlichen Orten wie der Kita, dem Arbeitsplatz, der Nachbarschaft. Wer sind die Eltern? Wer darf am Taufbecken stehen?

Rechtlich gibt es in Deutschland bisher nur Frauen und Männer. Intersexuell geborenen Menschen wird die Ehe verweigert, solange sie sich nicht unter physischen und seelischen Qualen klar einem der Geschlechter zuordnen. Jugendliche entdecken ihre Homosexualität und sehen keinen anderen Weg, als sich umzubringen. Ein Beispiel dafür, dass Homophobie nicht einfach nur unfreundlich ist, sondern tatsächlich in vielen Fällen tödlich. Sie wagen es nicht, Seelsorge in Anspruch zu nehmen, weil sie nicht wissen können, was sie erwartet. Geschiedene werden aus Gemeinden ausgeschlossen, in genau dem Moment, wo sie Gemeinde und Gemeinschaft am dringendsten brauchen. Diese Menschen werden in tiefe Krisen getrieben, die menschengemacht sind. Als Gemeindemitglieder sollen sie sich besser schämen für die Person, die sie sind. Sie werden mit hochgezogenen Augenbrauen angesehen und stigmatisiert.

Bloß: Kirche ist den Schutzbedürftigen verpflichtet! Das macht der Rat mit seiner Orientierungshilfe deutlich. Wo Menschen sich in Liebe und Verantwortung füreinander einsetzen und entscheiden, möchte ihnen die Kirche beistehen. Ein Christentum, das von Menschen verlangt, sich selbst zu verleugnen, wird dem obersten christlichen Gebot nicht gerecht. Wenn Menschen mit Scham sich selbst bekämpfen und verneinen sollen, um in die Gemeinschaft zu passen, können sie sich selbst und anderen nicht mit Würde und liebend gegenübertreten.

Das Papier ist, wie Ute Gerhard, die stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgruppe, richtig bemerkte, ein Richtungswechsel. Der Ratsvorsitzende dagegen rudert schnell zurück und betont, dass man mit dem Papier die klassische Perspektive nicht benachteiligen wolle. Die Frage ist, wie viel Mut übrig bleibt, wenn die harsche Kritik überstanden ist. Bisher sollte das Pfarrhaus den Menschen als Beispiel dienen. Die Orientierungshilfe orientiert sich nun umgekehrt an der Wirklichkeit vor der Pfarrhaustür. Sie bezieht den reichhaltigen Erfahrungsschatz des echten Lebens mit ein und lernt. Die Orientierungshilfe eilt dem vorherrschenden Bild im Pfarramt voraus. Das Pfarrhaus soll Vorbild des verantwortungsvollen Miteinanders in gelebter Nächstenliebe sein. Das war der sehr hohe Anspruch der protestantischen Tradition. Wollen und schaffen es die Gliedkirchen der EKD, in Zukunft diesem Anspruch gerechter zu werden, indem sie auch im Pfarrhaus alle Modelle von Familie vorkommen lassen?

Es muss beides gehen: nicht zurückrudern und Menschen gerecht werden. Gleichzeitig braucht es Hilfe, diese Orientierungslosigkeit zu ertragen und Ambiguität als lebensbejahend zu akzeptieren und zu erfahren. Welche Rituale kann und wird die Kirche den Menschen bieten, die unter dem Segen Gottes in bislang nicht vorgesehenen Beziehungsformen leben wollen? Wird sie zeigen können, dass die äußere Erscheinung des Kindes nicht ausschlaggebend dafür ist, wer Vater, wer Mutter, wer Bezugsperson ist?

Mit dem jetzt durchscheinenden Willen zur Inklusion vielfältiger Familienformen muss anerkannt und benannt werden, dass Menschen über lange Zeit auch von der Kirche durch verschiedene Mechanismen ausgeschlossen wurden und werden. Wie kann Versöhnung mit all denen gelingen, die traumatische Ablehnungserfahrungen in der Kirche gemacht und schon längst die Kirchenräume verlassen haben, denen Heimat genommen wurde? Wer ist und fühlt sich dafür verantwortlich?

Die Orientierungshilfe hat den Vorwurf der Beliebigkeit nicht verdient. Sie erkennt die Autonomie und Angewiesenheit sowie die Vielfalt von Familie an. Die Kirche fordert sich mit dieser Orientierungshilfe selbst heraus. Sie will Familien als verlässliche Gemeinschaft stärken. Dieser dritte Weg ist anspruchsvoll und zukunftsweisend.

Florence Häneke, 27 Jahre, Studentin der evangelischen Theologie. 

Friederike Luise Arnold, 26 Jahre, Studentin der evangelischen Theologie, dezentrale Frauenbeauftragte an der Theologischen Fakultät der
Humboldt-Universität zu Berlin.

Hannes Leitlein, 27 Jahre, Student der evangelischen Theologie.

Erschienen in:
Ausgabe 28/2013
Redakteur:
Friederike Luise Arnold, Florence Häneke und Hannes Leitlein
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch