www.zeit.deProbe-Abo

Wolfgang Schäuble

Sind wir zu satt für Gott?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 51/2011

Eurokrise und Klimawandel lehren: Es gibt kein grenzenloses Wachstum. Und es darf auch keines geben, schreibt der Bundesfinanzminister. Gott weist den Menschen in seine Schranken. Ein Gastbeitrag für Christ & Welt von Wolfgang Schäuble.

© Jens Klingebiel/fotolia

Not lehrt beten: So weiß es ein deutsches Sprichwort. In der Tat ist es so, dass Menschen in besonders schwierigen oder bedrückenden Lebenssituationen sich oft auf Gott besinnen und sich im Gebet an ihn wenden. Fragen, die sich auf das Ganze des eigenen Lebens beziehen, auf seinen Sinn, auf wichtige Aufgaben und grundlegende Werte, stehen in solchen Situationen besonders deutlich vor Augen, während man sie in einem von beruflichen und familiären Pflichten ausgefüllten Alltag schnell vergessen oder verdrängen kann. Ja, in solchen Momenten wird einem auch mit aller Macht deutlich, dass man eben nicht die volle Kontrolle über sich selbst, seine Kräfte und seine Gesundheit hat, wie wir uns das gern einreden wollen, solange in unserem Leben alles gut geht.

Dennoch folgt aus dieser Beobachtung nicht, dass man an Gott nur denken oder an ihn nur glauben kann, wenn man krank, arm oder hungrig ist. Das wäre auch schlimm. Denn die Begrenztheit unserer Existenz, unserer Macht und unserer Möglichkeiten, die uns in solchen Situationen besonders deutlich wird, trifft in Wirklichkeit auf unser Leben als Ganzes zu. Sich ihr auszusetzen und sie anzuerkennen, ist für uns als Individuen wie auch für unsere Gesellschaft als ganze von grundlegender Bedeutung. Genau dies tut der Glaube an Gott. Er bringt auf einmalig prägnante Weise die Einsicht zum Ausdruck, dass es für uns Grenzen gibt. Wie wichtig auch immer wir uns nehmen, welche Rolle wir in der Gesellschaft, in Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik zu spielen glauben, welche Leistungen und Errungenschaften wir vorzuweisen haben, der Glaube an Gott sagt uns, dass es etwas und jemanden gibt, der vor und über uns steht. Bischof Reinelt hat das einmal, anlässlich des Gedenkens an die Dresdener Bombennacht im Zweiten Weltkrieg, auf die Formel gebracht: „Wo immer einer in der Welt nicht mehr weiß, dass er höchstens der Zweite ist, da ist bald der Teufel los.“

Eine solche Grenze brauchen wir, das können wir immer wieder bemerken. Die Krise der Banken und später der Wirtschaft und ganzer Staaten, mit der wir seit 2008 konfrontiert sind, wurde nicht zuletzt durch die grenzenlose Gier nach immer höheren Gewinnen an den Kapitalmärkten ausgelöst. So erfolgreich das marktwirtschaftliche Modell ist – und niemand kann im Ernst seine Abschaffung fordern –, sosehr beruht es auf Mechanismen, die, wenn sie nicht kontrolliert und begrenzt werden, im Wortsinn unmenschliche Konsequenzen hervorbringen.

Das grenzenlose Profitstreben, für das es keinen automatischen Haltepunkt gibt, die Erzeugung immer neuer Bedürfnisse in der Konsumgesellschaft und der Raubbau an den auf der Erde verfügbaren natürlichen Ressourcen, sie alle führen zu Zuständen, die für das menschliche Wohlergehen und sogar für das menschliche Überleben bedrohlich sind. Wenn in Durban, in Südafrika, über die Zukunft des Klimaschutzes verhandelt wurde, dann ging es dabei auch um Konsequenzen unserer Unfähigkeit zum Maßhalten und zur Selbstbegrenzung. Wenn die Europäische Union und insbesondere die Eurozone unter dem Druck der Finanzmärkte an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen, dann hat auch das mit menschlicher Maßlosigkeit zu tun.

Erschienen in:
Ausgabe 51/2011
Redakteur:
Wolfgang Schäuble (Bundesminister der Finanzen)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Kirchen, Kultur, Lebensstil