Konklave
Sind wir bereit für einen schwarzen Papst?
Aus: Christ & Welt Ausgabe 10/2013
Viele Kandidaten werden als mögliche Nachfolger Benedikts XVI. gehandelt, darunter mehrere Afrikaner. Haben sie eine Chance? Wie modern ist der Vatikan?

Irgendwo in Süditalien, zwei schwarze Erntehelfer bei der Arbeit. Der eine zum anderen: „Es heißt, der nächste Papst wird ein Schwarzer.“ Der andere, genervt: „Typisch! Immer geben sie uns die Jobs, die keiner mehr machen will!“
Fürwahr, das Amt des Bischofs von Rom ist eine schwerere Bürde als je zuvor. Und wie um den Cartoon der Ordenszeitschrift „Nigrizia“ zu bestätigen, finden sich diesmal drei bis vier Namen schwarzer Kardinäle auf allen zirkulierenden Papabile-Listen. Vor acht Jahren war es nur ein einziger. Hat einer von ihnen reelle Chancen, in der Sixtina das Rennen zu machen und die katholische Kirche in eine neue Ära zu führen? Ist im Vatikan selbst der Boden dafür bereitet? Oder herrscht in der Verwaltung der Heiligen Römischen Kirche ein unsichtbarer Mechanismus, der Farbige von bestimmten Funktionen ausschließt?
Nach mehreren Jahren der Berichterstattung aus dem Vatikan war mein Eindruck zunächst, dass es im Vatikan eine unbewusste Geringschätzung farbiger Mitarbeiter geben musste, also die erste Stufe des Rassismus, es jedoch weniger schlimm ist als in der umgebenden westlich-säkularen Gesellschaft. Doch seit ich begann, gezielt zu recherchieren, stellte sich die Lage anders dar. Der Wendepunkt war das Telefonat mit einem Bischof schwarzer Hautfarbe, der im Vatikan tätig ist. Er wolle mit dieser Frage nichts zu tun haben, sagte er unumwunden. Dabei hatte ich ihn bislang als einnehmenden, intelligenten und gebildeten Interviewpartner kennengelernt.
Aber das Anliegen sei doch gerade, polemische, falsche Behauptungen richtigzustellen, wandte ich ein, und übrigens gehe es um ein Hintergrundgespräch, Namen müssten nicht ins Spiel kommen. Der Bischof wiederholte, was er gesagt hatte, und sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass unser Telefonat zu Ende war. Als ich auflegte, hatte ich verstanden, dass das Thema Rassismus im Vatikan ein nicht ansprechbares Thema ist.
Denn der brüske Bischof war der Letzte von mehreren schwarzen Kurienleuten, die ich kontaktiert hatte. Die Reaktionen waren alle gleich: Wut und Schweigen. Doch wenn es keinen Rassismus im Vatikan gibt, hat doch niemand einen Grund, wütend zu werden. Wenn es ihn aber gibt, sollte er dann nicht auch zum Thema gemacht und so überwunden werden? Das sollte die katholische Kirche eigentlich aus dem Missbrauchsskandal gelernt haben. Auch das Thema sexueller Kindesmissbrauch durch katholische Kleriker war ja im Vatikan bis vor zwei Jahren unaussprechlich und mehr noch: undenkbar. Dass das heute anders ist, ist gerade der Aufklärungsarbeit innerhalb der Kirche zu verdanken, die allerdings erst auf Druck von außen zustande kam.
Der schwarze Bischof muss auch deshalb über mein Ansinnen irritiert gewesen sein, weil 2009 ein außerordentlich kritisches Buch über Rassismus im Vatikan erschien. Der franko-ivorische Journalist Serge Bilé hat es geschrieben. Bislang ist es nicht auf Deutsch erschienen, doch übersetzt heißt der Titel: „Kann es sein, dass Gott die Schwarzen nicht liebt? Recherche über den Rassismus im Vatikan heute“. Das Buch besteht aus Interviews mit afrikanischstämmigen Kurienleuten und schwarzen Ordensfrauen in Italien. In Rom findet es sich in keiner öffentlichen oder Universitätsbibliothek, erst recht nicht in der Vatikanbibliothek oder an der Urbaniana, der Päpstlichen Universität für Mission. Ebenso wenig hat das katholische französische Kulturzentrum Saint Louis de France beim Pantheon das Werk im Katalog. Die angeschlossene Buchhandlung, heißt es, könnte es immerhin in zwei Wochen liefern, „frühestens“. Soll die Enquete über Rassismus im Vatikan in Rom nicht gelesen werden? Dass ich des Buches nicht habhaft werden kann, passt ins Bild, auch wenn es nur wenige belastbare Aussagen gibt. Einige aber doch. Die stammen freilich fast gänzlich von Vatikanmitarbeitern weißer Hautfarbe.
Auffallend wenige farbige Mitarbeiter sind in der Kurie tätig. Zwei schwarze Kardinäle haben hohe Leitungsverantwortung: Robert Sarah aus Guinea und Peter A. Turkson aus Ghana, Präsidenten des Päpstlichen Caritas-Rates Cor Unum beziehungsweise des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden. Ein beigeordneter Sekretär aus Tansania, Erzbischof Protase Rugambwa, wirkt an der mächtigen Missionskongregation, die für sämtliche Teilkirchen des Südens zuständig ist. Bischof Barthélemy Adoukonou aus Benin ist Sekretär des Päpstlichen Kulturrates, und bis vor drei Monaten war der nigerianische Monsignore Fortunatus Nwachukwu Protokollchef am Staatssekretariat, ehe ihn Papst Benedikt als Nuntius nach Nicaragua schickte.
Alles in allem ergibt das keine gute, aber auch keine schlechte Bilanz. Auffallend dünn wird es für die Afrikaner hingegen auf der Ebene der „ufficiali“, also derer, die die Arbeit erledigen. In diesen mittleren bis gehobenen Ebenen an der Kurie sind Europäer, besonders Italiener, und Nordamerikaner in der erdrückenden Mehrheit. Polemisch formuliert, arbeiten dort sogar mehr Frauen als Schwarze. Nur an Stellen, wo funktionelle Gründe Kräfte aus den afrikanischen Ortskirchen erfordern, ist ihre Präsenz nennenswert, etwa bei Radio Vatikan oder in der Missionskongregation. Dort erklärte mir ein weißer Ordensmann überzeugend, aus seiner Sicht bestehe das Problem Rassismus im Vatikan nicht, zumindest an seinem Dikasterium sei fast die Hälfte der Mitarbeiter nichtwestlicher Herkunft. Man müsse gewiss viel voneinander lernen, aber es herrsche „eine Kultur des Respekts“.
Warum aber diese sonderbare „schwarze Lücke“ im Mittelbau der Kurie, abgesehen von den genannten Ausnahmen? Eine Eigenheit afrikanischer Kulturen könnte da eine Rolle spielen, mutmaßt ein Kurienpriester, auch er weißer Hautfarbe; nämlich das wirkliche oder unterstellte Stammesdenken der Afrikaner. Man habe im Vatikan die Erfahrung gemacht, dass diese Priester und Bischöfe zuerst in Familienzusammenhängen dächten und erst dann in Zusammenhängen von Kirche, Amt und Ordnung. Das mache die afrikanischen Kleriker im Papststaat suspekt. „Es ist nicht im Sinn der Sache, wenn ganze Familienverbände nachgeholt werden“, sagt der Priester. Das würde heißen, für die mittleren Ebenen der römischen Kurie kommen jüngere afrikanische Priester und Theologen aufgrund ihrer kulturellen Prägung kaum in Betracht, während man für hohe Ämter auf schwarze Bischöfe setzen kann, deren Anhangslosigkeit bereits erprobt ist.
Ist das vernünftiges Personalmanagement oder schon Rassismus? Und wenn es Rassismus ist, wie äußert sich die Anschauung von der Sonderlichkeit afrikanischer Kultur im vatikanischen Alltag? Wer diese Frage stellt, bekommt keine rassistischen Untaten, aber manch schäbige kleine Begebenheit erzählt. Da ist der italienische Kurienkardinal, der in einer Redaktionssitzung von Radio Vatikan über eine anglikanische Bischöfin scherzt, sie sei „nicht nur eine Frau, sondern obendrein schwarz“. Da ist der afrikanische Student, der sich an der Päpstlichen Universität Gregoriana für Philosophie einschreiben will und vom Rektor in aller Väterlichkeit empfohlen bekommt, sich doch lieber für Sozialwissenschaften zu interessieren, weil die Philosophie im Grunde „nichts für euch“ sei. Und macht ein afrikanischer Kurienmann einen Fehler, tuscheln westliche Priester hinter vorgehaltener Hand, die Schwarzen können’s eben nicht. Wie jüngst geschehen im Fall von Kardinal Turkson aus Ghana, der in einem CNN-Interview erklärte, Afrikas Kirche sei immun gegen Kindesmissbrauch, weil auf dem Schwarzen Kontinent Homosexualität keine gesellschaftlich akzeptierte Praxis sei. Nebenbei bemerkt, eine Äußerung, mit der sich der afrikanische Kardinal fürs Konklave wohl tatsächlich unwählbar machte.
In einem stimmen die – schwarzen wie weißen – Kurienleute überein. Wäre Kardinal Bernardin Gantin noch am Leben und bei Kräften, er gäbe einen guten Papst ab. Der Kirchenmann aus dem westafrikanischen Benin, befreundet mit Kardinal Ratzinger, starb 2008 im Ruf der Heiligkeit. Zu Gantins Zeiten an der Kurie ab den Siebzigerjahren muss Geringschätzung von Schwarzen dort eher offen zutage getreten sein. „Er hatte innere Wunden“, wird mir erzählt. Einmal habe ihn, der in einfacher Priesterkleidung auftrat, ein vatikanischer Gendarm am Betreten des Staates gehindert. Anderntags kam Gantin zu einer Zeremonie im Kardinalsornat, ging zu dem Gendarmen und sagte ihm: „Bitte machen Sie sich nichts draus, Sie haben nur Ihre Arbeit getan.“ Der Gendarm soll wenig später aus eigenem Antrieb gekündigt haben. Seinen schwarzen Schülern schärfte der Kardinal ein, auf rassistische Untertöne in der Kirche nie heftig zu reagieren, denn das würde die Kleriker nur in dem bestärken, was sie in ihrer Schulung an bestimmten Denkern gelernt hätten. „Wir Schwarzen sind Märtyrer für die, die nach uns kommen“, sagte Gantin. Ist für diese Form von Märtyrertum heute die Zeit der Ernte gekommen? Kann es einen afrikanischen Papst geben, ist wenigstens im Vatikan der Boden dazu bereitet? Meine weißen Gesprächspartner an der Kurie sind sich einig. „Es wird diesmal keinen schwarzen Papst geben, weil keiner da ist, der es werden könnte.“ Sie sagen das unter Zusicherung der Anonymität. Dieselbe Meinung äußerte öffentlich Prälat Georg Ratzinger einen Tag nachdem sein Bruder den Rücktritt erklärt hatte.
Einen farbigen Bischof von Rom werde es früher oder später geben, aber nicht jetzt. Europa habe derzeit einige fähige Männer, sagte der greise Regensburger Prälat zur Begründung und fügte arglos hinzu: Die afrikanischen Kardinäle seien nicht so bekannt, und es mangele ihnen wohl auch an Erfahrung. Kaum einer europäischen Agentur fiel diese Bemerkung auf. Aber einige westafrikanische Medien veranlasste sie zu wütenden Kommentaren; drei der vier schwarzen Papabili stammen aus Nigeria und Ghana.
Auch meine beiden afrikanischen Gesprächspartner am Vatikan verstecken ihre Indignation nicht. „52 Prozent der Katholiken sind heute im Süden beheimatet, 40 Prozent in Lateinamerika und zwölf Prozent in Afrika“, rechnet einer vor. „Die Frage lautet also nicht: Ist die Kirche bereit für einen schwarzen Papst? Sie lautet: Ist die Kirche dazu bereit, einen weiteren weißen Papst zu akzeptieren?“
Die Autorin arbeitet seit vielen Jahren als Journalistin im Vatikan. Da sie
befürchten muss, dass nach ihren Recherchen kein katholischer Offizieller mehr mit ihr sprechen möchte, schreibt sie an dieser
Stelle unter Pseudonym.





