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Sind Christen stets die Guten?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 35/2011

Die CDU sei zu wenig christlich, behaupten Kritiker. Volker Kauder, Fraktionschef der Union, sagt: Nein, in der Gesellschaft fehlt das C. Ein Gespräch über Glauben, Glück und Teufel.

Volker Kauder führt seit 2005 die Unionsfraktion im Bundestag. Er engagiert sich besonders für verfolgte Christen weltweit. Er selbst gehört der evangelischen Kirche an. © Marco Urban

Christ & Welt: Sie gelten als sehr gläubiger Mensch. Macht Christsein einsam in der Politik?
Volker Kauder: Ganz im Gegenteil. Es gibt im Bundestag sehr viele aktive Christen. Wir haben gemeinsame Anträge zu Menschenrechten und Christenverfolgung vorgelegt. Ich bedaure allerdings, dass wir uns manchmal nicht einig sind in existenziellen Fragen des Lebensschutzes. Aber natürlich muss ich die Gewissensfreiheit akzeptieren.

C & W: Wünschen Sie sich, dass der Bürger diese existenziellen Fragen wichtiger nimmt, dass sie seine Wahlentscheidung stärker beeinflussen?
Kauder: Im Augenblick stehen andere Dinge im Vordergrund. Das war in den 1970er-Jahren, bei der Auseinandersetzung um den Paragraphen 218, noch anders.

C & W: Eigentlich müsste Ihnen Erwin Teufel mit seiner Mahnung, das Christliche in der Union zu stärken und sich nicht dem Zeitgeist anzupassen, aus der Seele gesprochen haben…
Kauder: Man kann gar nicht oft genug übers C diskutieren. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat da keinen Nachholbedarf. Wir bereiten gerade den vierten Kongress zum C und seinen Auswirkungen auf die konkrete Politik vor. Wir betonen immer wieder, dass unsere Politik auf dem christlichen Menschenbild basiert. Im Galaterbrief steht: Der Mensch ist zur Freiheit berufen – zur Freiheit in Solidarität zu seinen Mitmenschen. Was bedeutet aber diese Freiheit heute? Wir wollen zum Beispiel in der Familienpolitik, dass sich die Eltern frei entscheiden können. Das heißt, dass wir nicht nur in Ganztagsbetreuung investieren können, sondern auch diejenigen zu unterstützen haben, die ihre Kinder zu Hause erziehen. Es darf nicht sein, dass Letzteres als hinterwäldlerisch gilt.

C & W: Es war aber eine Familienministerin der Union, die das Elterngeld eingeführt hat, damit Mütter schneller in den Beruf zurückkehren.
Kauder: Es geht mir um eine bestimmte Grundhaltung. Es passt nicht zum christlichen Menschenbild, wenn der Mensch nur als Mittel zur Erreichung von bestimmten Zwecken angesehen wird, wenn zum Beispiel Mütter vor allem als potenzielle Arbeitskräfte betrachtet werden. Die Regel kann doch nicht sein, dass sich Familien zu 100 Prozent den ökonomischen Erfordernissen anpassen sollen.

C & W: Warum kommt die Diskussion ums C immer wieder, wenn doch alles so klar ist?
Kauder: Volksparteien müssen diese Diskussionen führen. Die Gesellschaft ändert sich. Darauf müssen Volksparteien wie die CDU reagieren. Alle, die über das C sprechen, müssen dabei eines beachten: Das C ist in unserer Gesellschaft leider auf dem Rückzug. Es gibt schlicht immer weniger Christen in unserem Land. Das hat auch Auswirkungen auf die Union. Wir sind aber nicht die Institution, die das Christentum in erster Linie fördern kann.

C & W: Das heißt, die Kirchen machen ihren Job nicht gut genug, sie spielen Ihnen zu wenig Christen zu?
Kauder: Die Kirchen können die Verkündigung des Wortes Gottes durchaus noch etwas intensivieren. Es kann doch die Kirche nicht ruhig sein lassen, wenn der Besuch der Gottesdienste immer stärker abnimmt. Jede Organisation muss sich doch fragen, woran es liegt, wenn ihr Zuspruch geringer wird. Das gilt für die Parteien, aber auch für die Kirchen. Die Kirche hat doch einen Missionsauftrag, davon ist aber zu wenig zu sehen.

C & W: Sie engagieren sich für verfolgte Christen. Damit lassen sich vermutlich kaum die Umfrageergebnisse Ihrer Partei aufbessern.
Kauder: Nicht alles, was man als Politiker macht, muss gleich messbare Ergebnisse haben. Ich engagiere mich aus Überzeugung. Christen sollten verfolgten Schwestern und Brüdern beistehen. Man sollte das Interesse an diesem Thema nicht unterschätzen. Es gibt viele Menschen in Deutschland, die meine Arbeit intensiv verfolgen. Ich bekomme zahlreiche Einladungen, in Kirchengemeinden darüber zu sprechen.

C & W: Interessiert sich Angela Merkel eigentlich für das Thema? Kauder: Sehr. Ich war kürzlich in Indien, nach meiner Rückkehr hat sie sich sofort nach der Situation der dortigen Christen erkundigt. Trotz Eurokrise. Bei außenpolitischen Terminen spricht sie das Thema an, auch der Außenminister und der Entwicklungshilfeminister unterstützen meine Arbeit. Die Bundeskanzlerin wird das Thema Christenverfolgung auf die Agenda des deutsch-indischen Dialogs setzen.

C & W: Sind Christen stets die Guten?
Kauder: Die Christen sind die am meisten verfolgte Religionsgruppe, daran besteht kein Zweifel. Nirgendwo auf der Welt verfolgen Christen andere, immer stehen Christen unter Druck. Die Gründe sind unterschiedlich. In Indien zum Beispiel werden sie auch verfolgt, weil sie vom Hinduismus konvertiert sind und das Kastensystem verlassen haben. Sie gehörten zuvor meist der untersten Kaste an. Wir haben von der Regierung gefordert, dass Christen mit der notwendigen Konsequenz geschützt werden müssen.

C & W: Und das wirkt?
Kauder: Sagen wir so: Diese Kritik lässt eine Demokratie wie Indien nicht unbeeindruckt. Wir haben vom Ministerpräsidenten von Orissa vor zwei Wochen die Zusage bekommen, dass sich sein Innenminister der Sicherheitsprobleme der Christen persönlich annimmt. Das ist ein kleiner Erfolg. Aber man darf sich natürlich nicht der Illusion hingeben, dass Wirkungen immer sofort zu erzielen sind. Ich war vor der Revolution in Ägypten und habe mit der koptischen Gemeinde in Kairo gesprochen. Die Christen dort sagten mir, sie seien seit ihrer Gründung Märtyrerkirche gewesen. Auf die Frage, was ich für sie tun könne, antwortete der koptische Papst Schenuda: „Sie müssen beten.“ Daran sieht man, dass diese Welt sich von unserer deutlich unterscheidet.
Wir sollten hier dankbar für das Glück der Glaubensfreiheit sein. Dabei ist klar, dass die Glaubensfreiheit für jedermann gilt. Sie glauben nicht, wie viel empörte Reaktionen ich bekomme, wenn ich sage: Wer für Religionsfreiheit eintritt, muss auch dafür sein, dass Muslime in Deutschland Moscheen bauen dürfen, genauso wie die Christen in der Türkei ihre Kirchen.

C & W: Welcher Teil des Satzes löst Empörung aus?
Kauder: Der erste, die Aussage zu Moscheen in Deutschland. Da merke ich, dass das Thema Glaubensfreiheit ständig neu erklärt werden muss. Wir sollten uns nicht darüber aufregen, dass so viele Muslime in die Moschee gehen, sondern darüber, dass so wenige Christen in die Kirche gehen.

C & W: Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider sagt, das C verweise stets auf die Frage: Was würde Jesus dazu sagen? Was würde Jesus zur aktuellen CDU sagen?
Kauder: Wir stellen uns die Frage: Was gibt uns das christliche Menschenbild auf? Das ist für eine Partei angemessener.

Das Gespräch führte Christiane Florin.

Erschienen in:
Ausgabe 35/2011
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Kirchen, Innenpolitik