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Haltung, bitte!

Schwiegerschwierig

Aus: Christ & Welt Ausgabe 37/2011

„Mein Sohn hat ein inniges Verhältnis zu mir und seiner Familie. Seit sechs Jahren ist er – wie es aussieht glücklich – verheiratet. Doch meine Schwiegertochter ist und bleibt abweisend. Ich habe versucht, ihr mit Liebe und Großzügigkeit zu begegnen. Doch nun bin ich mit meinem Latein am Ende. Mein Sohn will nicht mit ihr reden. Soll ich die Beziehung zu ihr abbrechen?“

Böse Schwiegermütter sind ein beliebtes Thema, in Krimis und beim Friseur. Warum redet eigentlich niemand über die böse Schwiegertochter? „Böse“ meint natürlich nicht dämonisch, sondern böse verletzend, schlimm belastet, vielleicht auch unerträglich. „Böse“ ist das Kurzwort für eine belastete oder gar ruinierte Beziehung. Wer sechs Jahre ohne Aussicht auf Besserung leidet, dessen Beziehungskrankheit wird chronisch. Ich kenne zwar nicht die Perspektive der Schwiegertochter, aber weil Menschen selten ohne Grund gemein oder seltsam sind, hat auch die Kälte der Frau Ihres Sohnes einen Grund. Empfindet sie die bleibend innige Beziehung ihres Mannes zu seiner Mutter und seiner Familie als Bedrohung? Oder ist sie so eine heile Familie schlicht nicht gewohnt?

Offenbar haben Sie die Kränkung nicht stumm hingenommen. Sie haben die Gesten der Zurückweisung mit dem Angebot der Annäherung beantwortet. Sie haben mit Ihrem Sohn geredet, der Ihnen eine Erklärung aber offenbar schuldig blieb. Haben Sie auch mit Ihrer Schwiegertochter selbst geredet? Vielleicht ist ja die Nähe, die sich darin zeigt, dass Sie mit Ihrem Sohn über seine Frau reden, genau das Problem? Oder haben Sie gehofft, dass Ihre Schwiegertochter Teil der innigen Familienbande wird, aus der diese sich möglicherweise deshalb herauswindet? Schwiegertöchter müssen die angeheiratete Familie nicht lieben. Schwiegermütter müssen kein Freundinnenverhältnis zur Frau des Sohnes entwickeln. Wechselseitiger Respekt reicht. Doch den dürfen Sie verlangen. Leider ist es schwer, mit einem Menschen ins Gespräch zu kommen, der sich jeglicher Annäherung verweigert. Versuchen Sie es trotzdem. Sonst hilft oft ein Moratorium, eine Art Beziehungspause, um die Verletzungen heilen zu lassen. Verzichten Sie ein paar Monate darauf, Ihre Schwiegertochter einzuladen. Geben Sie sie innerlich frei. Dann sind Sie frei, ihr neu zu begegnen – und sie ist es auch.

Erschienen in:
Ausgabe 37/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Ethik