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Haltung, bitte!

Schwesterseelenallein

Aus: Christ & Welt Ausgabe 35/2011

„Meine jüngere Schwester hatte nie ein gutes Händchen mit Beziehungen. Seit drei Jahren ist sie nun alleinerziehend mit zwei Kindern. Mein Mann und ich stehen ihr mit Rat und Tat zur Seite, auch finanziell. Doch immer, wenn es Konflikte gibt, hält sie mir vor, sie habe es so schwer, wir so leicht. Ich fühle mich ausgenutzt. Kann ich ihr die Solidarität aufkünden?“

Geschwisterkonstellationen halten oft ein ganzes Leben lang. Weil Menschen es gerne klar und einfach haben, sind die Beziehungen von Kindern schon früh nach klaren Rollen aufgeteilt wie in einem Theaterstück. Da die Verantwortungsvolle, der vermeintlich alles gelingt, die niemals eine Klassenarbeit verhaut und als Erwachsene eine vorbildliche Ehe führt, dort die wilde Kleine mit den aufgeschürften Knien, einer komplizierten Schulkarriere und ein bis fünf gescheiterten Beziehungen. Man könnte die Geschichte der beiden natürlich auch anders erzählen. Aber weil alle sich an die Rollen gewöhnt haben, werden sie zur zweiten Haut, die sich nur schwer abstreifen lässt, auch wenn beide in helleren Momenten wissen, dass sie es sich bei dieser Aufteilung schön bequem gemacht haben. Ihre Schwester sieht nur Ihre vermeintlich heile Welt und Sie sehen nur die kleine Schwester, die ihr Leben nicht auf die Reihe kriegt. Deshalb fühlen Sie sich erpresst und sie wahrscheinlich bevormundet. Vermutlich finden Sie beide, die andere mache es sich zu leicht. Doch mal ehrlich: Haben Sie Ihre Schwester je um Hilfe gebeten, wenn Sie nicht weiterwussten? Oder fühlen Sie sich ihr überlegen, wenn es um die Kompetenz zum Leben geht? Weiß sie, wie sehr Sie darunter leiden, immer die Rolle der Verantwortungsbewussten zu spielen, der alles gelingen muss? Oder wollen Sie dem Bild der perfekten großen Schwester mit dem großzügigen Herzen nur zu gerne entsprechen? Erwarten Sie Bewunderung und Dankbarkeit statt Forderungen und Selbstmitleid?

Höchste Zeit für einen neuen Akt mit neuen Rollen. Reden Sie mit Ihrer Schwester, bevor es zu spät ist und die Verletzungen das Geschwisterverhältnis ruinieren. Wechseln Sie beide versuchsweise mal die Kostüme, die Ihnen so vertraut geworden sind. Zeigen Sie Schwäche und finden Sie heraus, wofür Ihre Schwester ein „gutes Händchen hat“. So ein Rollenwechsel auf Probe braucht Zeit. Er kann sogar wehtun. Doch eine neue Perspektive auf den lang vertrauten Menschen hilft in der Regel beiden zu einer erwachsenen, freieren Beziehung.

Erschienen in:
Ausgabe 35/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Ethik