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Gegenmeinung

Schweigen ist Sünde

Aus: Christ & Welt Ausgabe 06/2012

Warum ein Schreibverbot niemals der Wahrheitsfindung dienen kann

Selbstverständlich hat ein Pfarrer seinem Bischof zu gehorchen. Vor Gott und ihm schwört er Gehorsam. Und der Bischof wiederum gehorcht dem Papst. Der geweihte Priester unterliegt damit – wie jeder Beamte, Soldat oder Richter – dem Zurückhaltungsgebot seines Amtes, denn er muss für alle Gläubigen und Glaubenwollenden da sein, auch für den Kommunisten oder Trotzkisten oder NPD-Mitglieder. Gott nimmt in Gnade in sein Himmelreich auf in seinem unerforschlichen Ratschluss. Da gibt es keinen Rechtsanspruch. Jeder Mensch – welcher politischen Couleur auch immer – hat eine unsterbliche Seele, und die wird gewogen im Jüngsten Gericht. Da geht es um Glauben und – im katholischen Bereich – um gute Werke als Fundament der Rechtfertigung und Rechtfertigungslehre.

Martin Luther hat seinen Beichtvater verrückt gemacht, weil er bis zu 20-mal am Tag beichten wollte, um einen gnädigen Gott zu bekommen, durch menschenunmögliche buchstabengetreue Erfüllung all seiner Gebote. Da war er noch alttestamentarisch. Die Bibelstelle „iustus autem ex fide vivit“ – „Der Gerechte aber lebt aus dem Glauben“ – hat ihn gerettet. Das kann jeder Macher und Leser der „Jungen Freiheit“ sein, wie es einer sein konnte, der in den Siebzigerjahren die „UZ“ der DKP oder den „Arbeiterkampf“ der KPD/AO las. „Glaubst du, so bleibst, glaubst du nicht, so bleibst du nicht“ war die andere Bibelstelle, die Luther befreit hat. Mit irgendeiner politischen Einstellung hat das nichts zu tun.

Rosa Luxemburg hat in ihrer „Schutzhaft“ im Ersten Weltkrieg, die alle drei Monate um drei Monate verlängert wurde, die Bibel gelesen. Bertolt Brecht war Bibelleser und -kenner. Und die Konfessionen sollten nicht auf hohem Ross sitzen: Alle haben die Waffen der Krieger aller Nationen im Ersten und Zweiten Weltkrieg gesegnet. Ein Bischof der katholischen Kirche, Alois Hudal aus Graz, Rektor der deutschen Nationalkirche in Rom, Santa Maria dell’Anima“, Konsultator des Heiligen Offiziums, das über die Reinheit des Glaubens zu wachen hatte, hat 1936 das Buch „Die Grundlagen des Nationalsozialismus“ geschrieben, in dem er für die Vereinbarkeit des Katholizismus mit dem Nationalsozialismus eintrat. Auf protestantischer Seite gab es die „Deutschen Christen“. Antijudaismus war die Lehre der Kirchen mindestens bis 1945. Für Selbstgerechtigkeit gibt es keinen Grund.

Die „Junge Freiheit“ markiert den rechtskonservativen Rand der deutschen Publizistik, sie hat vor Jahren bei Gerichten erstritten, dass sie nicht länger vom Verfassungsschutz beobachtet werden darf. Sehr honorige Leute publizieren in ihr, von CSU-Abgeordneten bis zum katholischen Philosophen Robert Spaemann. Es kann nicht richtig sein, dass das publizistische Spektrum in Deutschland ganz links („Die Linke“) anfängt und bei Linkskatholiken aufhört. Das ist eine Amputation, die es etwa in Frankreich oder Italien oder Großbritannien oder den USA nicht gibt.

In der „JF“gibt es viel Nostalgie, etwa in Bezug auf die „konservative Revolution“. Doch andere Journalisten, etwa der langjährige Chefredakteur von „Christ und Welt“, Giselher Wirsing, waren deutlich weiter gegangen. Er hatte 1942 das Buch „Der maßlose Kontinent“ veröffentlicht, eine Abrechnung mit den USA, der Demokratie und dem Judentum. Das wird heute schamhaft verschwiegen.

Das Verschweigen ist die Ursünde gegen die Wahrheit, nicht das laute Hinausposaunen des subjektiv für richtig Gehaltenen. Nach dem Grundgesetz darf niemand wegen „seiner politischen Anschauungen bevorzugt oder benachteiligt werden“. Dagegen wird täglich massenhaft – ohne Sanktionen – verstoßen. Der Staat soll Straftaten verfolgen und bestrafen, die Gedanken sind frei.

Die Meinungsfreiheit ist um der „falschen“, mehrheitlich abgelehnten Meinungen willen da, der Mainstream bedarf keines Schutzes vor der „Schweigespirale“ (Noelle-Neumann). Meinungen bekämpfen, aber bis zuletzt dafür eintreten, dass sie geäußert werden dürfen, ist beste Tradition der Aufklärung. Der Verstand und die Vernunft gebieten, alle Meinungen zu hören, weil es denkmöglich ist, dass sie etwas Richtiges zum Ausdruck bringen. Jede „Zensur“ bedeutet deshalb, sich um eine Erkenntnismöglichkeit zu bringen.

Die oft nur parteipolitisch begründete Neigung, hinter allem Konservativen gleich einen alten oder neuen Nationalsozialismus aufscheinen zu sehen, hat schon Konrad Adenauer, selbst Verfolgter des Nazi-Regimes, abgelehnt: „Es muss einmal ein Ende haben mit der Nazischnüffelei“, forderte er 1951 im Bundestag. Noch wird Adenauer nicht der Rechtsextremistensympathie verdächtigt. CDU/CSU könnten sich an den großen Mann erinnern.

Peter Meier-Bergfeld war Österreich-Korrespondent des „Rheinischen Merkur“.

Erschienen in:
Ausgabe 06/2012
Redakteur:
Peter Meier-Bergfeld (Freier Autor)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Medien