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Sein Motiv: Josef von Nazaret

Schöner fremder Mann

Aus: Christ & Welt Ausgabe 52/2011

Eine ganz normale Familie? Bestimmt nicht. Der Ziehvater des Heilands verhielt sich völlig anders als es von einem Mann seiner Zeit erwartet wurde.

© Guido Reni/Roman Beniaminson/bpk

Hier sind die beiden einmal ungestört. Keine Maria, die das Baby auf den Arm nimmt und ihn in den Schatten stellt. Überhaupt keine Frau weit und breit. Nur Jesus und Josef. Ein Männermoment. Das Baby krault dem alten Mann den Bart, der blickt den Kleinen zärtlich an. So liebevoll schauen normalerweise Väter, die für ihren Nachwuchs ein paar Monate in Elternzeit gehen. Doch was ist schon normal an dieser Familie? Der vermeintliche Vater wird sich ein Leben lang Elternzeit nehmen für ein Kind, das nicht seines ist. Seine Verlobte ist die Braut eines anderen.

Josef tut nicht, was ein Mann seiner Zeit tun muss. Er hört auf den Engel. Und später: Hat der Zimmermann Jesus je angebrüllt: „Solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst“? Hat er Maria den Kuckuckskinderklassiker „Von mir hat der Junge das bestimmt nicht!“ an den Kopf geworfen?

Er ist wohl eher ein stiller Typ, ein Frauenversteher. Viele Kirchen wurden nach ihm benannt, aber das volkstümliche Kirchenkunstgewerbe ging mit ihm nur selten verständnisvoll um. Wenig viril, alt und zahnlos, wird Josef gern dargestellt. Kein Traummann. Konservative Theologen versuchen in jüngerer Zeit, seine Mannesehre zu retten, indem sie ihn zur maskulinen Jungfrau verklären. Seine Tatmotive wären in dieser Lesart Gottesfurcht, Verantwortungsbewusstsein und Man-lässt-eine-schwangere-Frau-nicht-sitzen-Pflichtgefühl.

Georges Moustaki hat Josef ein eigenes Lied gewidmet. Der französische Sänger mit ägyptischen, jüdischen und griechischen Wurzeln ist auch ein erfahrener Herbergssucher. „Manchmal denke ich an dich, Josef, mein armer Freund“, singt er. „Man lacht dich aus. Dabei wolltest du nichts als ein ganz normales Leben mit Maria.“ Das Lied klingt traurig, aber die Botschaft ist froh: Es war Liebe.

Erschienen in:
Ausgabe 52/2011
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Motiv
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Familie