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Carsten Otte

Schluss mit dem Pranger

Aus: Christ & Welt Ausgabe 20/2014

Man kann werdenden Müttern und Vätern die Pränataldiagnostik nicht verbieten, widerspricht der Schriftsteller Carsten Otte

Foto: privat

Nina ist schwanger. Sie gehört zur Gruppe der sogenannten Spätgebärenden. Die Frauenärztin empfiehlt umfängliche pränataldiagnostische Untersuchungen, weil sich mit steigendem Alter der Eltern die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass das Kind von einer schwerwiegenden Chromosomenstörung betroffen ist. Als Nina ihrem Mann erzählt, sie habe einen Termin beim Pränataldiagnostiker, reagiert Jan zurückhaltend: Muss das sein?, fragt er. Ja, sagt Nina. Sie wolle wissen, ob es dem Kind gut gehe. Babyfernsehen, meint sie, dreidimensional und in Farbe, das sei doch interessant. Doch die Untersuchung wird zur Tortur. Erste Vermessungen des Fötus weisen auf Fehlbildungen hin. Die Eltern wollen die Hoffnung nicht aufgeben. Noch sei nichts bewiesen, sagen sie sich. Noch würden die Ergebnisse des Bluttests nicht vorliegen. Eine Zeit der Angst beginnt. Schließlich wird die Diagnose bestätigt: Trisomie 13. Eine Familienwelt bricht zusammen.

Die Geschichte, die ich in meinem Roman „Warum wir“ erzähle, ist kein Einzelfall. Die Zahl der pränataldiagnostischen Untersuchungen steigt, die Methoden werden präziser, immer mehr Paare werden mit Ergebnissen konfrontiert, die viel verändern: das Leben der Eltern, den Fortgang der Schwangerschaft, die Zukunft des Kindes.

Es ist erstaunlich, was sich der Mensch ausgedacht hat, um den eigenen Nachwuchs auszumessen, die Gesundheit zu bestätigen und Krankheiten herauszufinden. Wir kennen die klassische Ultraschalluntersuchung, eine Nackentranzparenz- oder eine Nasenbeinmessung, da werden Hormone und DNA-Stränge des Kindes im mütterlichen Blut analysiert, es gibt eine Chorionzottenbiopsie, eine Amniozentese und eine Nabelschnurpunktion. Eine Untersuchung ergibt die andere, Hinweise und Indizien verdichten sich.

Das Warten und Bangen wird für das Paar ein Horrortrip. Auch weil es so schwer ist, über die Daten aus dem Labor zu sprechen: Was werden die Freunde sagen? Die Geschwister, die immer alles besser wissen? Die Eltern, die sich freuen, Oma und Opa zu werden? Den Termin beim Pränataldiagnostiker verschweigen sie zunächst.

Wenn den Wahrscheinlichkeiten keine Wahrheiten folgen, ist die Erleichterung groß, doch die Ängste haben sich in die Seelen von Vater und Mutter eingeschrieben. Niemand weiß, in welchem Ausmaß dieser emotionale Wirbel psychische Schäden verursacht. Die wenigsten Eltern machen sich vor den Untersuchungen weitergehende Gedanken darüber, welche nahezu unmenschlichen Situationen sie möglicherweise zu meistern haben, wenn die Diagnose so ausfällt wie in der Geschichte von Nina und Jan. Selbst wenn Paare meinen, alle Eventualitäten besprochen zu haben, mit Freunden, Verwandten und Ärzten, sieht die Welt im „Ernstfall“ ganz anders aus. Meinungen ändern sich dann täglich, stündlich. Argumente verschwimmen meistens in Tränen. Denn jetzt geht es um Fragen, die zum Fürchten sind: Unter welchen Symptomen würde das Kind leiden? Hat es überhaupt eine Überlebenschance? Austragen? Oder Abtreiben?

In dieser Situation sind Paare nicht nur den eigenen Ängsten ausgesetzt, sondern auch den wohlmeinenden Ratschlägen aus dem sozialen und medialen Umfeld. Als befände man sich in einem Supermarkt der Moral, wird das Leben mit einem behinderten Kind schnell mal als finanzielle und organisatorische Vollkatastrophe deklariert, andere singen das hohe Werbelied des Lebens.

Doch wer über Leben, Leiden und Tod des eigenen Kindes zu entscheiden hat, wird mit kategorischen Imperativen wenig anfangen können, wird es sich (was Paaren oft unterstellt wird) bestimmt nicht leicht machen, wird leiden und trauern, wird zu einer sehr individuellen Entscheidung kommen.

Bevor ich begonnen habe, die Geschichte von Nina und Jan zu erzählen, konnte ich mit vielen Paaren sprechen, die sich auf die Pränataldiagnostik eingelassen haben und mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen nach Hause gegangen sind: So gut wie alle haben gesagt, sie würden, so schwer es ihnen fiele, bei einer nächsten Schwangerschaft wieder alle Untersuchungen in Anspruch nehmen. Daher ist es – bei allem Unbehagen an der Pränataldiagnostik – müßig und ziemlich weltfremd, eine Medizintechnik zu verteufeln, die in der Welt ist. Es ist ungerecht und überheblich, Ärzte zu kritisieren, wenn sie die Technik auf Wunsch der Eltern anwenden.

Und es ist gemein, Paare an den Pranger zu stellen, die sich für den einen oder anderen Weg entschieden haben. Was wir brauchen, ist eine ehrliche und breite Diskussion über die Entscheidungsnöte betroffener Paare. Wir sollten mit Therapeuten ins Gespräch kommen, die mit dem Leid der Eltern konfrontiert sind und die psychosozialen Folgen der Pränataldiagnostik einzuschätzen wissen. Staatliche Zuschüsse für Beratungsangebote und Therapien dürfen nicht gekürzt, sondern müssen ausgebaut werden. Wir sollten die Mediziner einbinden, statt sie mit Ressentiments zu belegen.

Zur Ehrlichkeit einer öffentlichen Debatte gehört, dass wir einem gravierenden Fehlschluss nicht erliegen, dass wir nämlich nicht aus der eigenen Erfahrung oder aus den Geschichten von Freunden und Bekannten eine moralische Zauberformel ableiten. Nur weil ich, nur weil wir, nur weil diese oder jene Leute eine Entscheidung getroffen haben, heißt das noch lange nicht, dass andere dem anrührenden Beispiel folgen sollen.

Die normierte Gesellschaft ist ein Fluch. Wer die Moral nicht auf die leichte Schulter nimmt, wird sich für eine Gesellschaft einsetzen, in der wir, wie es Theodor W. Adorno einmal formuliert hat, ohne Angst verschieden sein können. Zur Differenz gehört aber, dass wir die Entscheidung für und auch gegen ein schwerstbehindertes Kind akzeptieren, solange sich der Entscheidungsprozess im gesetzlichen Rahmen bewegt. Das Recht wiederum unterliegt der gesellschaftlichen Debatte, ist kein festgefügter Rahmen. Alte Dogmen verhindern ein Gespräch. Den Eltern und ungeborenen Kindern ist nur geholfen, wenn die Pränataldiagnostik kein Tabuthema bleibt.

Carsten Otte ist Journalist und Autor. Zuletzt erschien sein Roman „Warum wir“ im Klöpfer&Meyer Verlag. Er erzählt darin von einem Paar, das ein behindertes Kind erwartet.


Erschienen in:
Ausgabe 20/2014
Redakteur:
Carsten Otte ()
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Kultur, Familie, Abtreibung, Tod, Lebensstil