Zeitgeist
Satan macht schön
Aus: Christ & Welt Ausgabe 09/2012
Tatoo-Künstler Ingo sticht seinen Kunden Dämonen in die Haut. Das war einmal zum Fürchten, dann wurde es Mode. Ein Besuch in der Hölle

In der Hölle ist die Heizung ausgefallen. Nur Erwin und Johann haben es noch warm. Hungrig räkeln sich die beiden Königspythons in ihrem Terrarium und warten – gleich kommt Ingo, dann gibt’s „lecker Mäusken“ zum Frühstück. Sind die Schlangen gefüttert, ist Schluss. Dann fährt Ingo nach Hause zu seinen drei kleinen Kindern, zu Tanja, seiner jungen, neuen Freundin, und zu seinem fünf Monate alten Dobermann-Welpen namens Satan. Kaum ist der Tag in der „Tattoohölle“ in Münster-Angelmodde angebrochen, ist er also auch schon wieder zu Ende: „Beehren Sie uns ein andermal“, sagt Ingo, als er seinen kompakten und reichlich tätowierten Körper in den schwarzen Minivan mit den dunklen Scheiben zwängt. „Heute bleibt die Hölle leider kalt.“
Dennoch, wer wissen will, wie die Hölle aussieht, muss hierherkommen, in ein Tattoo-Studio. Alles, was die Unterwelt an Schreckensbildern zu bieten hat, graviert der Mensch sich hier unter Schmerzen auf die Haut, um sich schöner, besser, vollkommener zu fühlen.
Überall Zombies, Teufel, Skelette, Sensenmänner auf rot entzündetem Fleisch: Gegen Ingos Werksschaufotos auf der Studio-Homepage wirken selbst die Höllenphantasien eines Hieronymus Bosch wie Urlaubsimpressionen aus einem Club Méditerranée. Doch so teuflisch ging es auf der Haut nicht immer zu. Bis zur Aufklärung war die Tätowierung einzig einigen Hardcore-Gläubigen vorbehalten. Sie ließen sich christliche Motive als Symbole der Erlösung auf den Körper schreiben. Heute dagegen erscheinen viele Tattoos wie Imaginationen eines vorchristlichen Urinstinkts: Angst.
Schon in der Steinzeit bannten die Menschen ihre Furcht vor der Wildnis, indem sie sie an die Höhlenwände pinselten. So lernten sie mit Säbelzahntigern zu leben. Auch wenn Säbelzahntiger mittlerweile ausgestorben sind, die Angst vor dem Unkontrollierbaren blieb. So wurde die Tätowierung, als der Glaube an die Erlösung schwand, zu einer Art Höhlenmalerei unserer Zeit. Doch wie nur fand ein Brathähnchen den Weg in Ingos Online-Unterwelt? „Ach, das hat sich eine Hausfrau stechen lassen“, sagt der Tätowierer ein andermal. So mache sich halt jeder heute sein eigenes Bild von der Hölle.
Und die wird im zweiten Anlauf immer noch nicht warm. Dabei tut die Röhrenheizung im gekachelten Tätowierzimmer alles, um eine Andeutung von Behaglichkeit zu verbreiten. Jimmy stört das nicht. Obenherum entblößt sitzt das Mitglied eines Rockabilly-Clubs samt zweier Totenköpfe auf dem Rücken im Behandlungsstuhl und lässt sich mit der Tätowiermaschine, dem „Quälomaten“, den Oberarm bearbeiten. Jimmy hat lange Haare,
Ingo hat keine. Ansonsten haben die beiden ziemlich viel gemeinsam: Beide sind alleinerziehende Väter und wurden von der Kindsmutter verlassen. Während der Quälomat summt, fachsimpeln die Freunde über Kinder und Kampfhunde. Sagt Ingo etwa: „Dobermänner werden als Familienhunde echt unterschätzt“, nickt Jimmy und umgekehrt.
Sein halbes Leben hat Jimmy als Türsteher gearbeitet. Nun ist er vierzig und zu alt, wie er sagt, um sich mit betrunkenen 17-Jährigen herumzuärgern. Das Arbeitsamt will, dass er Verkäufer wird. Jimmy will das auch. Er möchte seinem Sohn Tristan etwas bieten. Im Ohr trägt Jimmy eine kleine Tätowierung, eine 13, es ist seine Glückszahl. Glück gebracht hat sie ihm aber bislang nicht. Weil jeder sie sofort sieht, will man Jimmy nicht im Verkauf. Doch die 13 wird ihm noch Glück bringen, ist Jimmy überzeugt. Mit dem Arm voll Blut und Tinte sitzt er da und sagt: „Man kann doch nicht immer Pech haben.“ Und wie er das sagt und seinen Arm bewegt, da sieht es aus, als würden auf Jimmys Rücken die Totenköpfe tanzen.
Dann ist alles vorbei, Ingo desinfiziert das Studio. „Jimmy wird wiederkommen“, sagt er. Sie kämen alle wieder. Wer sich einmal tätowiert habe, könne nicht aufhören. Ingo war 13, als er sich selbst sein erstes Tattoo stach. Seine Eltern hätten ihn am liebsten rausgeschmissen. Es waren die Jahre des Punk und der Hausbesetzungen. Ingo war dabei, wenn auch nur eine Weile. Er habe immer eine Familie gewollt, sagt er, ein Zuhause. Doch ein typischer Eigenheimbesitzer, das wollte er auch wieder nicht sein.
Ende vierzig ist er jetzt, ein Alter, in dem andere anfangen, die Jahre bis zur Rente zu zählen. Doch Freundin Tanja hält ihn jung, sie könnte seine Tochter sein. Ihr möchte Ingo ein Kind machen, dabei hat er schon drei: „Einer muss doch was tun gegen Deutschlands Frühvergreisung“, sagt er und zeigt auf sich. Dann zeigt er Fotos von Tanja. „Devil inside“ steht in Großbuchstaben auf ihrem Bauch. Auch Tanja ist stark tätowiert, lauter Zombies und Sensenmänner, so als wolle sie sagen: „Ich habe vor nichts Angst, ich mache Angst – die Hölle sind nicht die anderen, das bin ich.“
Doch wer fürchtet sich eigentlich noch vor Tattoos? Was einst Symbol der Gegenkultur war, ist inzwischen so alltäglich wie David Beckham. Auf jeder Bushaltestellenreklame posiert der gerade mit knappstem H&M-Schlüpper und viel zu viel tätowierter Haut.
Laut einer Studie der Universität Leipzig ist jeder vierte Deutsche zwischen 25 und 34 mittlerweile tätowiert – Tendenz stark steigend. Eine davon, die die 34 nur unwesentlich überschritten hat, residierte bis vor Kurzem als erste bekennend körperverzierte First Lady im Schloss Bellevue. Selbst der Vatikan huldigte bereits dem Zeitgeist. Während einer internationalen Tagung erteilte er dem christlichen Tattoo den Segen: Heiland, Kreuze, betende Hände sind jetzt offiziell katholisch. Dabei ist das Glaubensbekenntnis per Bild bei Tätowierwilligen heute sogar noch unbeliebter als Arschgeweihe und gebrochene Herzen: allesamt Moden der Vergangenheit, die zunehmend verdrängt werden von den sehr alten und sehr heidnischen Mustern der Südsee.
Das Telefon klingelt. Eine Ewigkeit hat Ingo gewartet, dass etwas passiert. Jetzt passiert es. „Hoffentlich nicht wieder ein Maori“, sagt er. Maori-Muster sind der letzte Schrei, immer mehr Männer wollen sie. Die neuseeländischen Ureinwohner schmücken ihre Körper mit großflächigen rituellen Mustern. Dieselben Zeichen trugen ihre Vorfahren, als sie mit den Entdeckern des 18. Jahrhunderts nach Europa kamen. In den Salons der Aufklärer dienten Tätowierte als lebende Beweise für den edlen Wilden. Kurz darauf jedoch galt der Wilde bereits wieder als wild und sonst nichts. Die Tätowierung verschwand aus der Mitte der abendländischen Gesellschaft, um von nun an Matrosen und degenerierte Hochadlige zu zieren: ein Zeichen des Stils, ein Signum der Dekadenz. Von den gesellschaftlichen Rändern arbeitet das Tattoo sich seitdem wieder vor Richtung Mitte. Doch was einst religiöses Muster war, ist heute Ornament, eine Symbolik, die auf nichts verweist.
Falsch verbunden, sagt Ingo und legt auf. Es langweile ihn zwar, aber wenn einer den Maori unbedingt wolle, mache er ihm den Maori. Hauptsache, der Kunde fühlt sich schöner. Das sei das Wichtigste an der Tätowierung: sich schöner zu machen, als einen das Leben gemacht hat. Im sozialen Survival of the fittest zählen Schlüsselreize. Keiner will normal sein, „normal“ ist der kleine Bruder von „langweilig“. Die Tätowierung beschwört die Einzigartigkeit, das Selbst, nicht wie es ist, sondern wie man es gerne hätte.
Die Hölle, das können auch die eigenen Erwartungen sein.
Paare beschwören mit ihren tätowierten Namen die ewige Liebe. Eltern stechen sich die Namen ihrer Kinder, um zu zeigen, dass sie gute Eltern sind. Wer krank war, will sich aus Angst vor erneuter Krankheit für immer an das Datum seiner Gesundung erinnern. Alles, was wir nie vergessen und für immer behalten wollen, das schreiben wir uns auf die Körper. So wie Leonard, der Held aus dem Kultfilm „Memento“: Als er merkt, dass er die Erinnerung verliert, macht er seine Haut zum Tagebuch.
Doch was will der nicht vergessen, der tagtäglich den Quälomaten hält?
Immerhin sind Ingos Arme nach mehr als 30 Jahren persönlicher Tattoo-
Geschichte derart zugetackert, dass manche Tätowierungen bis zur Unkenntlichkeit verblasst sind, andere wiederum sich überlagern, sodass da nur noch schwarze Fläche ist – selbst die Haut vergisst also. Ingo deutet auf das gerahmte Foto in der Studioecke: Auf dem Foto herrscht ewiger Sommer.
Alles ist grün. Max, Marius und Maria, Ingos Kinder, lachen, und so wird es auch bleiben. Zumindest auf dem Foto.
Ingo war kaum älter als Marius, der Älteste, als er sich sein erstes Tattoo stach. Er hat vieles ausprobiert. Er hat als Elektriker gearbeitet und eine Metzgerlehre angefangen. Dann bekam er mit dem Metzger Ärger, sagt Ingo, und der habe das Messer in Ingos Hand anders gedeutet, als es gemeint war. Doch das gehört zu den Dingen, die Ingo gerne vergessen würde. Es gibt einiges, was er gern vergäße. Wenn Gefangene um die Lebensjahre trauern, die sie vergeudet haben, lassen sie sich eine Träne unters Auge stechen. Auch Ingo hat eine. „Nicht immer ist das Leben einfach“, sagt er nach einer Ewigkeit. Dann geht er eine rauchen. Draußen vor der Tür bläst er Wolken in die Kälte. Doch es ist nur eine kurze Pause. Ingo hat noch einen Termin, den letzten für heute. Noch ein Freund, den er fürs Leben schöner machen soll.





