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Schoah

Sag niemals ich

Aus: Christ & Welt Ausgabe 50/2011

Kinder von Holocaust-Überlebenden leiden bis heute an den Folgen des Genozids. Die Rücksicht ihnen gegenüber schwindet, Antisemitismus wird im intellektuellen Milieu salonfähig. Lea Kirstein, Tochter von Schoah-Überlebenden, erzählt, wie hilflos sie auf die Angriffe reagiert.

© Steinach/Imago

Der Student fragte, was die Juden denn seien. Eigentlich hatte ich einen Zeitungsartikel über deutsche Nachkriegspolitik diskutieren wollen, doch unversehens war ich nun in der Pflicht, meinen Studenten zu erklären, dass man Argumente und Begriffe kontextualisieren müsse. Und dass in dem Artikel eine eindeutig antisemitische Aussage getroffen werde, dass dort das Wort vom „Volk der Juden“ diskriminierend gebraucht werde. Und dass die Frage des Studenten keine wissenschaftliche sei. So einfach, setzte der Student fort, könne man doch die „Antisemitismuskeule“ nicht schwingen.

Der Student sah sich um, doch niemand reagierte. Ich würde selber reagieren müssen. Einen kurzen Moment lang war ich versucht, seine Anmerkungen nicht zu kommentieren. Nichts zu sagen, einfach zum eigentlichen Thema zurückzukehren. Ich konnte die Panzergliederkette sehen, die er um den Hals trug. Doch anstatt ihn direkt anzuschauen, blickte ich in die Leere des Raumes. Soweit ein Raum mit 73 Studenten und pinkfarbenen Holzstühlen leer sein kann.

Das ist nicht so einfach, sagte ich schließlich. Ich hätte es vielleicht mit einem scherzhaften Ton und einer Anekdote versuchen können. Aber nicht hier. Nicht mit 73 Studenten, die noch vor wenigen Minuten verständnislos ins Leere blickten, als der Begriff „Ostpolitik“ fiel.

Nur nicht anfangen zu erklären.
Nur nicht anfangen zu reden.
Nur nicht zeigen, dass man zu dem Thema etwas zu sagen hat, mehr zu sagen hat.

Mit einer Erklärung würde ich heraustreten müssen aus meiner Ecke, in der niemand stand. Niemand mit mir steht. Eine Ecke für „ein Kind von“, eine Ecke, in der man für Studenten keine historischen Fehler korrigieren muss. In der man sich nicht zu Israel äußern muss. In der man nicht den selbstbewusst auftretenden Gemeindemitgliedern aus Russland erklären muss, dass man „auch“ und tatsächlich Jude sei, auch wenn man eine Art protestantisches Verhältnis zu Gott habe und Umwege um die Gemeinde mache, wenn nicht gerade Jom Kippur ist.

Nie wäre mein Vater in die Synagoge bei uns zu Hause gegangen. Auch nicht, als die Gemeinde noch aus 36 Personen bestand und ich die einzige meiner Generation war. Es hatte zwei weitere Kinder gegeben, Kinder eines Wissenschaftlers aus Israel. Alle anderen waren deutlich älter. Was sind Generationen? Kann ich eine zweite Generation sein, wenn es nichts weiterzugeben gibt, nichts, was erzählt werden kann und darf, weil erzählen heißt, sichtbar zu sein? Das ist der Vorteil von Papier. Papier nimmt Buchstaben auf, bewahrt sie und lässt sie verschwinden, aber es stellt keine Fragen. Papier gibt mir das Versprechen, jemand zu sein. Zweite Generation.

Doch mir gegenüber sitzen Studenten, die sagen werden, dass sie in der Schule in jedem Fach und zu jeder Zeit „Nationalsozialismus“ behandelt hätten. Auch diesmal werde ich schnell zurückkehren zum Seminarthema. Entstehung der internationalen Staatengemeinschaft. Globalisierungstheorien. Alles andere ist Geschichte.

Zwei Leben. Zwei sorgsam getrennte Leben. Eines, das es gar nicht gibt. Dieses „ein Kind von“ zu sein. Kind von „Überlebenden des Holocaust“. Kind nicht einer wohlgepflegten älteren Dame, die mit kurz geschnittenen Haaren und weiß nachgefärbten Löckchen eine dickglasige Brille trägt und bescheiden über ihr Schicksal erzählt – hier und da ein Bröckchen Jiddisch –, wenn man eine Videokamera vor ihr aufbaut und ihr einen jungen Mann gegenübersetzt, der sich erklärt als Kind der dritten Generation, der seit Jahren versuche, mit seinem Vater über den Großvater zu sprechen.

Meine Mutter dagegen tönt hartnäckig die wenigen Haare, die ihr geblieben sind, mit brauner Farbe, doch so, dass es immer irgendwie Flecken gibt. Ihr schmales, hageres, faltiges Gesicht verzieht sich ständig und wird dabei härter. Nie ein Lächeln. Und immer redet sie. Sie kann ununterbrochen reden. Wie sie in der Reinigung nicht bedient wurde. Oder im Biomarkt. Wo sie beerdigt werden will. Ab und zu nimmt sie neuerdings diesen gespielt weichen Tonfall an. Ja, sie wisse, dass sie Fehler gemacht habe. Das sehe sie heute. Vielleicht wäre ich sonst anders geworden. Glücklicher.

Ich sage, dass ich glücklich sei.

Sie fragt mich, warum ich dann keine Familie habe, keinen Ehemann. Keine Kinder. Kein soziales Leben. Ich sage, dass ich ein soziales Leben habe.

Sie schaut skeptisch und klagt, dass es ja nicht anders hätte kommen können. Aber sie habe nun einmal nie die Chance gehabt, eine Mutter zu sein. Nie habe sie die Chance gehabt, irgendetwas zu sein. Kein Gespräch ohne Klage, dass sie nie ein glückliches Leben habe führen dürfen. Sie ist ohne Erinnerung an ihre eigene Mutter geblieben. Mein Vater nicht. Meine Mutter ist in einem Lager geboren und herausgebracht worden. Mein Vater hat allein überlebt. Schon im Getto war er allein. Bis zu jenem Todesmarsch, dem Kindermarsch, bei der Evakuierung von Auschwitz. Selten schreibe ich dieses Wort. Nie sage ich es.

Seit ich Kind war, gibt es Gespräche, die es nicht als Gesprochenes gibt, und Gespräche, die sich immer und immer aufs Neue wiederholen. Wortidentisch. Rituale. Selbstvergewisserungen.

Friedwald, sagt sie. Sie möchte an einem Baum beerdigt sein. Dann bräuchte sich auch niemand um das Grab zu kümmern. Sie weiß, dass es meinen Vater dazu bringt, den Raum zu verlassen.

Tatsächlich habe ich ihr Unterlagen zu einem Urnenwald besorgt. Doch für eine Beerdigung unter einem Baum ist eine Feuerbestattung verpflichtend. Auch ich will nicht, dass sie verbrannt wird. Auch ich will, dass es ein Grab gibt.

Jeden Sonntagmorgen frühstücken wir zusammen. Soweit es geht, vermeide ich es, abends zu kommen. Wenn ich morgens hingehe, weiß ich, dass ich später noch den Tag habe. Um mir zu sagen, dass ich selbst über mich bestimmen kann. Um das Frühstück von mir abzustreifen.

Jeden Sonntag bringe ich Brötchen mit. Die Bäcker wechsle ich regelmäßig. Sowieso ist immer irgendetwas falsch. Die Mohnbrötchen des einen Bäckers krümeln zu stark. Die anderen haben eine zu harte Kruste. Eigentlich ist es mir nicht unangenehm, dass sich die erste Diskussion stets an den Brötchen ausrichtet. Das ist wenigstens erwartbar.

So, wie die beiden die ganzen Jahre über gelebt haben, auf sich fixiert, ein eigenes Leben in einer eigenen, einer anderen Ecke als meiner, in einem anderen Nirgendwo, werden sie vermutlich auch sterben. Vermutlich nicht weit auseinander. Trotz allem, was war, trotz des Hasses, der Verschlossenheit, Abgeschlossenheit, trotz der fehlenden Worte, wird einer von ihnen nicht ohne den anderen leben wollen. Leben können.

Nichts wird sich ändern, wenn die letzten Wochen gekommen sein werden. Ich werde keine neuen Fragen stellen und sie werden keine Antworten geben. Ich werde keine alten Fragen stellen, weil ich sie nie zu stellen brauche. Weil es keine Antwort gibt auf die Frage, wie die Geschwister meines Vaters heißen. Weil er es vielleicht gar nicht beantworten kann. Heute weiß ich, dass es vieles gibt, worüber er nie gesprochen hat, weil nichts da ist, was in eine Geschichte zu bannen sein könnte. Es gibt keine Geschichte für diese harten, haltlosen Menschen.

Es gibt keine Geschichte für meinen Vater, der nie erzählt hat über die Ursache seiner verkrüppelten Zehen und die seltsam geformten Narben an seinen Beinen. Der mit unterschiedlichen Geburtsdaten lebt und mit verschiedenen Namen. Der immer nur dazugehören wollte. Er wollte Sport machen, beruflichen Erfolg haben, Freunde haben. Noch immer sind seine Haare mehr blond als grau. Es gibt keine Antworten für meine Fragen. Die einzige Antwort kann nur sein, zu schreiben, was es nicht gibt, um sich zu vergewissern, dass es einen selbst gibt, und damit das Tabu zu brechen, weil es zwischen diesen beiden Menschen nur Fehlen gab und es nur Fehlen ist, was sie mir weitergegeben haben und was in mir ist.

Manchmal hat jenes Sonntagsfrühstück auch ein friedliches Ende. Manchmal streiten wir nur über Politik. Nie würden sie fragen, was ich im Moment mache. Wenn ich etwas erzähle, hören sie zu. Aber es gibt keine Fragen. Medizin wäre doch etwas Schönes gewesen. Stattdessen arbeite ich an der Universität. Was genau ich tue, wird nicht thematisiert. Früher habe ich gedacht, dass sie es wenigstens wissen, auch wenn sie nicht fragen. Doch wussten sie früher auch nie, in welcher Schulklasse ich gerade war, welche Lehrer ich hatte. Das allerdings war mir in meiner eigentümlichen Schulkarriere nie unrecht gewesen.

Nein, ich werde die Frage dieses Studenten nicht beantworten, die provokativ in diesem merkwürdigen Raum steht. Nicht, weil ich nicht problematisieren könnte, dass an der Frage, ob die Juden nicht doch ein Volk seien, nicht die Antwort interessant ist, schon aber, wer die Frage stellt. Sondern weil ich nicht sagen kann, was es bedeutet, mit „Überlebenden“ zu frühstücken, mit meinen Eltern zu frühstücken; weil ich nicht beschreiben kann, was es bedeutet, ein Brötchen zu viel mitgebracht zu haben, ein Brötchen, das übrig bleibt, weil es niemand mehr essen kann, das, auch wenn man es einfriert, vielleicht nicht richtig aufzutauen, nicht aufzubacken ist, das hart wird, das man dann doch wegwerfen muss.

Weil ich nicht erklären kann, was es heißt, nie gefragt zu werden, wie es einem geht, zu wissen, dass man enttäuscht hat, ohne wirklich enttäuscht zu haben. Was es heißt, trotz allem, was war, trotz allem, was ist, die Treppe hinunterzugehen, wegzugehen, das Geräusch der sich schließenden Tür im Ohr, und zu wissen, dass man zwei Menschen ihrer spürbaren, undurchdringbaren, messerscharfen Einsamkeit überlässt, und dass dies eines Tages nicht mehr so sein kann; was es heißt, die Angst zu haben vor dem Tag, an dem einer von beiden nicht mehr da sein wird, nein, die Angst zu haben, sie zu finden, beide gemeinsam. Die keinem Arzt trauen, keinem Krankenhaus, niemandem; die fähig sein werden, einen Entschluss zu fassen.

Weil ich nicht beschreiben kann, was es bedeutet, mit dem Gefühl zu leben, nicht erklären zu können, nicht genau zu wissen, warum man als Kind keine Freunde mit nach Hause bringen durfte, warum es kein Spielzeug gab, warum keine Geschenke zu Weihnachten, warum keine Bilder, warum noch immer keine Bilder, warum nur Unsicherheit, was man, und wem überhaupt, erzählen durfte, erzählen darf.

Was bleibt, sind die Fragen. Was geblieben ist, sind die Fragen.
Was bleiben wird, sind die fehlenden Antworten.

Lea Kirstein ist ein Pseudonym. Unter dem gleichen Namen hat die Autorin ein Buch verfasst, in dem sie die hier aufgeworfenen Fragen vertieft:
Die zweite Generation: Autobiographische Reflexionen. Wilhelm Fink Verlag, München 2006. 161 Seiten, 22,90 Euro.

Erschienen in:
Ausgabe 50/2011
Redakteur:
Lea Kirstein (Freie Autorin)
Thema:
Gesellschaft
Stichworte:
Judentum, Kultur, Familie