www.zeit.deProbe-Abo

Das Wesentliche: Humor

Rücktritt am Rosenmontag

Aus: Christ & Welt Ausgabe 08/2013

Mit Ratzinger aus der Depression: Wie der Theologe die Seele des Kabarettisten Willibert Pauels gerettet hat

Foto: Michael Schops

Am Rosenmontag hat der Papst seinen Rücktritt angekündigt. Ausgerechnet. Als Büttenredner und Comedy-Mann dachte ich sofort: Erst hat Willibert Pauels ein Burn-out, dann der Kölner Karnevalsstar Marc Metzger und jetzt auch noch der Papst. Als Diakon, der ich ja auch bin, weiß ich natürlich, dass diese Reaktion schon an die Sünde des Hochmuts grenzt.

Mich hat dieser Rücktritt erschüttert, zugleich imponiert er mir. Denn der Papst führt sein Gewissen als Maßstab an. In der hochaufgeladenen kirchenpolitischen Diskussion, die wir zurzeit in Deutschland erleben, ist dies doch eine beruhigende Botschaft. Folge deinem Gewissen, heißt das, auch wenn es irren kann. Das Gewissen ist die letzte Instanz, nicht die reine Lehre. Zudem hat mich beeindruckt, dass Benedikt XVI. dem Papstamt den unmenschlich erdrückenden Nimbus des Christusamtes nimmt. Er hat vom Petrusamt gesprochen. Man muss sich also nicht einmal als Papst ans Kreuz schlagen lassen. Das ist doch sehr tröstlich.

In meinen Kabarettprogrammen und Büttenreden habe ich oft Papstwitze erzählt. Der Witz, der mir am besten gefällt, handelt allerdings von Johannes Paul II. Der geht so: Als der Papst zum ersten Mal in Deutschland war, hat er sich getraut, seinem Chauffeur einen seiner sehnlichsten Wünsche zu offenbaren. „Mein Sohn“, hat Johannes Paul II. zum Chauffeur gesagt, „ich möchte einmal gern am Steuer eines Mercedes sitzen.“ Also haben Chauffeur und Papst die Plätze getauscht und sind so durch Köln gefahren. Plötzlich werden sie von der Polizei angehalten. Der Polizist ruft seinen Vorgesetzten an: „Ich habe da ein Auto mit 140 in der Innenstadt gestoppt.“

„Wer ist denn in dem Auto?“, fragt der Vorgesetzte. „Ich weiß es nicht, es muss ein ganz hohes Tier sein.“ „Wieso denn?“ „Sein Chauffeur ist der Papst.“ – Ich glaube nicht, dass Benedikt XVI. über diesen Witz gelacht hätte. Man hat ihn ja selten herzlich lachen gesehen. Er lächelt lieber leise vor sich hin.

Ich bin mir nicht sicher, dass Papst Benedikt XVI. wirklich Humor hat. Dafür ist er wahrscheinlich zu intelligent. Das soll nicht heißen, dass man zum Lachen dumm sein muss. Aber übergroße Intelligenz hält einen vom Lachen ab. Joseph Ratzinger ist sicherlich einer der klügsten Christen auf diesem Planeten. Sehr kluge Menschen neigen nun einmal nicht dazu, sich bei einem Witz prustend auf die Schenkel zu schlagen. Aber man kann auch ein beglückendes Leben haben, ohne herzhaft zu lachen. Beglückender als der Moment ist nämlich die Lebenshaltung der heiteren Gelassenheit. Und die hat Joseph Ratzinger zweifellos.

Ich selbst bin mehrmals schwer an Depressionen erkrankt. Der Humor und der Glaube waren meine Rettungsinseln inmitten der Hoffnungslosigkeit. Ganz besonders haben mir die Texte von Joseph Ratzinger geholfen. Er hat eine poetische, tiefe Sprache des Trostes. Er sagte zum Beispiel: „Das Einzige, was ewig bleibt, ist die menschliche Seele. Denn sie ist kostbarer als das ganze Universum. Deshalb ist das, was von uns bleibt, das, was wir in die Seelen der Menschen gelegt haben. Die Liebe, die Erkenntnis, das Wort, das die Seele berührt und öffnet zur Freude.“ Dieser Joseph Ratzinger hat so viele Sätze in mein Herz und meine Seele gesenkt wie kaum ein anderer Mensch. Manche behaupten, der Papst habe ein düsteres Weltbild, er nehme die Entwicklung der letzten Jahrzehnte vor allem als moralische Verfallsgeschichte wahr. Diese Seite von ihm hat mich nie erreicht. Für mich ist Joseph Ratzinger so etwas wie ein Lebensretter. Jetzt ist er müde, und das darf er auch sein.


 Willibert Pauels ist Büttenredner, Kabarettist und katholischer Diakon in Köln.

Erschienen in:
Ausgabe 08/2013
Redakteur:
Willibert Pauels (Diakon, Karnevalist, Kabarettist)
Thema:
Das Wesentliche
Stichworte:
Katholisch, Papst, Lebensstil