Kirche und Frauen
Rooibuschtee mit Theologie?
Aus: Christ & Welt Ausgabe 47/2011
Im Stuhlkreis meditieren und Margot Käßmann einmal live erleben: Das Klischee reproduziert sich selbst. Doch nicht alle Frauen wollen den Glauben nur fühlen. Manche wollen ihn auch durchdenken.
„Ach, war das wieder schön“, schwärmt die ältere Dame und strahlt die anderen beiden Frauen an. Die drei stehen an einem Nachmittag vor einem Gemeindehaus an der Bushaltestelle. Sie kommen offensichtlich gerade von einer der Veranstaltungen, die in der Kirche Kreise heißen. „Oma, hier sind wir!“, ruft es aus einem Fahrzeug. „Wie wunderbar er alles gemacht hat“, ergänzt die Frau mit dem roten Seidentuch. Sie hat sich schick hergerichtet und ist noch ganz ergriffen. Bei ihrer Begeisterung ist schwer auszumachen, ob es sich bei dem Wundertäter um Gott oder den Pastor handelt. Da verdreht die Dritte die Augen wie eine genervte Konfirmandin. Ungeduldig ruckelt sie mit ihrem Rollator auf dem Bürgersteig hin und her und macht dann ihrem Unmut Luft. „Ich würde gerne mal was Theologisches hören. Dafür hat der Kerl studiert. Wir sind doch im Seniorenkreis und nicht in der Krabbelgruppe.“
Glauben Frauen anders? Wer sich zwei Stunden lang an die Fersen der drei geheftet hätte, würde die Frage vermutlich mit Ja beantworten. Frauenkreise sind Biotope gelebten Christseins, zu denen Männer keinen Zugang haben. Hier gibt es gestaltete Mitten und Andachten mit Teelichtern, an die man seine persönlichen Wünsche kleben kann. Engelwesen bevölkern die Räume. Manchmal wird meditativ getanzt.
Frauen eignen sich den Glauben an, indem sie über sich reden. Über ihre Gefühle und Sehnsüchte, ihr Leid mit der Schwiegertochter oder mit der kaputten Hüfte. Sie wollen Kuchen für den Gemeindebasar backen, Margot Käßmann einmal live sehen und mit Freundinnen zu einem Kloster pilgern. Das klingt wie ein ganz übles Klischee. Ist es auch. Aber die Wirklichkeit von Männern und Frauen orientiert sich oft genug an den Bildern, die man sich von dem, wie Frauen und Männer vermeintlich glauben, macht. Das bestätigen auch die empirischen Studien. Frauen kaufen Erbauungsbücher. Frauen gehen zu Lesungen, Konzerten und anderen kirchlichen Veranstaltungen. Frauen tragen die praktische Arbeit in der Gemeinde, vom Blumenschmuck bis zu den Hausbesuchen. Frauen wollen den Glauben sinnlich, konkret, erfahrbar. Er soll ans Herz gehen. Sie wollen ins Schwärmen geraten oder ins Weinen, aber nicht ins Grübeln. „Muttikirche“ nennt das ein bekannter Theologe und hat damit eine zünftige Debatte ausgelöst.
Die ältere Dame wäre dem renommierten Geist vermutlich gerne mal mit dem Rollator über den dicken Zeh gefahren. Sein Buch hätte sie aber gelesen und manche seiner Überlegungen verteidigt. Sozialwissenschaftler stellen die These von der Feminisierung der Kirche auf. Statt der melancholischen Glaubensritter, die in Søren Kierkegaards „Furcht und Zittern“ noch als Vorbilder durch einsame Landschaften von intellektuellem Zweifel und geistlicher Inbrunst reiten, jetzt also nur noch Kanzelschwalben, die durchs Kirchengewölbe schnattern und von der Kanzel das eigene Echo hören?
Der spitze Kommentar der Dame mit dem Rollator kommt daher wie ein Bildersturm aufs Klischee. Nicht einmal in den vermeintlich homogenen Milieus glauben Frauen auf die gleiche Weise. Diese Besucherin will von ihrem Pfarrer und der Gemeindeveranstaltung offenbar anderes als ihre Freundinnen. Sie will ihren Glauben vor dem Horizont der Debatten bewähren, die unsere Gesellschaft so führt. Vielleicht hat sie gar nichts gegen Teelichter und gestaltete Mitten. Nur würde sie möglicherweise gerne einmal mit dem Pfarrer einen Text aus dem Römerbrief traktieren. Oder über ein theologisches Buch diskutieren, das sie beschäftigt. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer schauen selbst nicht mehr hinter das Klischee. Sie geben sich zufrieden mit der Wirklichkeit, die ihnen begegnet. Wer die Frage nach dem Glauben der Frauen richtig stellen will, muss aber immer fragen, welche Frauen mit ihren Fragen und Sehnsüchten, ihren intellektuellen und persönlichen Anliegen sich gar nicht mehr in die Nähe der kirchlichen Kreise wagen, weil sie die Art, wie sich ihre
Geschlechtsgenossinnen den Glauben aneignen, schlicht nicht nachvollziehen können.
Aus der Sicht des Glaubens der Kirche sind immer die Menschen wichtig, die wir verloren haben, hat einmal ein kluger Mann gesagt. Die kirchliche Wirklichkeit und ihre selbststabilisierenden Milieus sagen deshalb nichts über die religiösen Bedürfnisse und Erwartungen von Frauen, sondern nur über die, die sich kirchlich engagieren, also die, deren Erwartungen einigermaßen getroffen werden. Diese Glaubensform hat einen eigenen Stil, es gibt religiöse Moden wie Glaubensperlen oder Bestsellerautorinnen, Lieblingsseminare und Lieblingsmusik. Natürlich ist die innerkirchliche Welt längst vielfältig geworden, eine Vielfalt von Frömmigkeitsstilen wird erprobt, geliebt oder verworfen. Das gibt Konfliktstoff. Die Debatte über die Bibel in gerechter Sprache hat das vor einigen Jahren gezeigt.
Das ist nicht schlimm, verhindert aber einen präziseren Blick auf die Pluralität religiöser Wirklichkeiten außerhalb des kirchlichen Sichtfeldes, ganz zu schweigen von dem komplexen Thema der unterschiedlichen Zugänge von Männern und Frauen. Warum sollte es in religiösen Angelegenheiten anders sein als in allen gesellschaftlichen Bezügen? Regieren Frauen anders? Führen Frauen anders? Operieren Frauen anders? Unterrichten Frauen anders? Jein, lautet die präziseste Antwort. Bei jedem Ja ist Widerspruch möglich. So etwa, wenn vermutet wird, Frauen seien prinzipiell an sinnlicheren, ja körperlicheren Formen gelebter Religiosität interessiert. Es könnte sein, dass Männern solche Orte gar nicht zur Verfügung stehen. Ihnen bleibt deshalb ein Platz im Kirchenvorstand und die Reparatur des Vordachs am Gemeindehaus, während Frauen um den Altar tanzen dürfen. Möglich, dass beide gerne für zwei Stunden die Rollen tauschen würden. Er sehnt sich danach, anders beten zu können, und sie fühlt sich einfach nur lächerlich und stolpert nur ihrer besten Freundin zuliebe im Kreis herum. Vielleicht fragt sie sich, wo ihre Tochter, die promovierte Ingenieurin, in dieser Kirche einen Platz findet. Die hat zwei Kinder, einen Mann in Elternzeit und einen Führungsjob in der Industrie. Doch liegen diese Gedanken wahrscheinlich jenseits dessen, was für sie besprechbar ist. Sie kennt ihre Kirche nicht anders. Das Glaubensleben von Frauen ist so bunt wie das Leben von Frauen insgesamt.
Doch spiegelt die kirchliche Wirklichkeit das Spektrum? Wenn gilt, dass Menschen ihr Leben im Horizont des christlichen Glaubens deuten, dann haben die unterschiedlichen Lebensentwürfe auch Konsequenzen für das religiöse Selbstverständnis von Frauen – wie von Männern. Wer deshalb die Lust an theologischen Debatten oder anspruchsvolle Predigten in der Kirche vermisst, wer andere Musik, andere Räume, andere Themen, andere Formen des Glaubens erwartet, der sollte laut schimpfen, aber zumindest an dieser Stelle nicht das Wort von der „Feminisierung“ der Kirche im Mund führen, als seien die Frauen und ihre vermeintlich andere Art zu glauben schuld an dem intellektuellen, ästhetischen und ethischen Verlust. Noch leiten Männer in der Regel die kirchlichen Geschäfte. Sie bestimmen auch immer noch über die Ausbildung der steigenden Zahlen von Theologiestudentinnen. Glauben Frauen anders? Andere Frauen glauben vermutlich anders. Sie würden die kirchlichen Kreise schon deshalb meiden, weil sie geschlossen sind. Diese Frauen sollten gehört werden.





