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Haltung, bitte!

Rollen probieren

Aus: Christ & Welt Ausgabe 14/2012

„Unser Jüngster will neuerdings wie seine Schwestern Kleider tragen, er macht sich Ketten und fährt mit dem Puppenwagen in den Kindergarten. Dort muss ich mir die abfälligen Bemerkungen anderer Mütter anhören: Wie ich das zulassen könne? Was soll ich tun?“ Bettina K., Heidelberg

„Mädchen haben es soooo gut“, seufzte neulich mein Vierjähriger: „Die haben Zopfspangen und Pippilangstrümpfe und bunte Fingernägel, und wir haben nichts.“ Da stand der kleine Kerl in seiner robusten Hose und seinem blauen T-Shirt, und ich verstand, dass er sich zu Recht beklagt. Unsere Söhne werden in eine Ästhetik für kleine Männer hineingeboren – irgendwas zwischen Bauarbeiterkluft und Anwaltsdress. Jungen sollen wilde Kletterer sein, die Werkzeuge, Automarken und Fußballmannschaften unterscheiden, bevor sie lesen können. Die Welt der Mädchen ist rosa, voller Glitzer und Puppen mit Modelmaßen. Frühkindliche Geschlechtertrennung in der Welt des Konsums. Gleichstellungsbeauftragte sind in diesen Bereich starker Bilder bis heute nicht vorgedrungen. Dabei mögen Kinder beiderlei Geschlechts schrille Farben, Gebaumel an den Armen, bunte Spangen in den Haaren und vermutlich auch Kleider, unter denen Ringelstrümpfe hervorgucken. Vor allem lieben sie Rollenspiele.

Auch Jungen füttern ihre Kuscheltiere und kochen ihnen Bouillon wie der Bär dem Tiger im Kinderbuch. Sie imitieren ihre Schwestern, ihre Kindergärtnerinnen und ihre Mütter und hoffentlich auch ihre Väter und Brüder, wenn sie mit Puppenwagen losziehen und sich andächtig die Haare bürsten. So orientieren sie sich in der Welt und finden zu ihrem Selbstbild. Freuen Sie sich doch über die Experimentier-freudigkeit Ihres Knaben und verteidigen Sie ihn im Kindergarten. Nicht er ist sonderbar, sondern die, die ihm sein Spiel verleiden. Gehen Sie in die Offensive. Wie kommt es eigentlich, dass wir uns nach Männern sehnen, bei denen das Kümmernkönnen nicht verkümmert ist, und uns gleichzeitig Sorgen machen, wenn unsere Jungens zu „mädchenhaft“ sind? Wir loben die freie Gesellschaft und machen den Vorraum des Kindergartens zur Kampfzone überkommener Klischees. Wenn Mädchen Jeans tragen und mit Chemiebaukästen experimentieren, legt sich unsere Stirn ja auch nicht in Falten. Im Gegenteil, wir sehen sie schon als berühmte Naturwissenschaftlerin. Zeit, auch den Jungs endlich mehr Spielräume zu lassen!

Erschienen in:
Ausgabe 14/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Sexualität