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Großstädte

Reich, aber sexy

Aus: Christ & Welt Ausgabe 09/2013

Die Armut ist aus vielen Innenstädten verschwunden. Zwischen Bubble-Tea und Baby-Yoga ist kein Platz für Elend. Doch jetzt drängen Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Osten in die polierte Polis – und bedrohen dort die durchgentrifizierte Welt

Ein Großstädter ist immer arm dran, da kann er noch so gut verdienen. Die Mieten sind ihm zu hoch, die Kitas zu voll, die U-Bahnen zu spät, die Straßen zu laut, die Kriminellen zu kriminell, und überhaupt diese Menschen, schrecklich, und die Schwaben erst… Trotzdem fühlen die Deutschen sich so wohl in ihren Städten, dass jeder Student monatelang nur Känguruhoden essen würde, um in Köln oder München die Wuchermiete für eine unrenovierte Dachkammer ohne Klo und Fenster zahlen zu können.

Nie war die Stadt so attraktiv, so hip, so cool wie heute. Während früher die Armen in die Stadt zogen, um dort zu arbeiten, reich zu werden und aufs Land zu ziehen, arbeiten viele Menschen heute im Speckgürtel, verdienen gut, wohnen in der Stadt, beschweren sich aber ständig, dass die sie am Ende arm macht.

Selbst schuld, könnte man jetzt sagen und zur Tagesordnung übergehen. Wenn da nicht Deutschlands Städte auf einmal wieder mit richtiger und nicht gefühlter Armut konfrontiert würden. Jüngst schlug der Deutsche Städtetag Alarm. Armutsflüchtlinge aus Bulgarien und Rumänien könnten die große europäische Reisefreiheit nutzen, um in deutschen Städten deutschen Steuerzahlern auf der Tasche zu liegen.

An vereinzelte Hütchenspieler und klagende Babuschkas mit großen Augen hat sich der Großstädter in seiner Fußgängerzone mittlerweile ja gewöhnt, die Armut vor seiner Haustür jedoch ist ihm – wenn er nicht im strukturschwachen Ruhrgebiet wohnt – fremd geworden. Mit der Rückkehr der Armut stellt sich also wieder die Frage, wem eigentlich die Stadt gehört, den Aufsteigern von gestern oder denen von morgen?

Schließlich sind die hohen Mieten, die nun Peer Steinbrück als Wahlkampfthema entdeckt, Ergebnis der erfolgreichen SPD-Bildungspolitik der Siebziger. Deutsche Arbeiterkinder studierten plötzlich und machten Karriere, während die Betriebe ihrer Eltern (und mit ihnen die Eltern) aus der Stadt verschwanden. Gleichzeitig kamen die Kinder der stadtflüchtigen Eigenheimbesitzer zurück, wurden Werbeagenturenbesitzer oder spielten zumindest Werbeagenturenbesitzer in irgendeiner hippen Vormittags-Soap für Großstädter.

So wurde ein ehemaliges Arbeiterviertel nach dem anderen den
armen Künstlern und noch ärmeren Ausländern überlassen, um schließlich
von dem nach Lebensraum lechzenden Neubürgertum bis zur Unerkennbarkeit
gentrifiziert zu werden. Am Ende dieses Transformationsprozesses sieht eine
ganze Stadt aus wie Berlin-Prenzlauer Berg und wird zum Ballungsraum-Idyll, einem Urbania friedlichen Miteinanders auf engstem Raum.

In diesem Urbania ist jeder Zweite Lehrer. Auf jeden Lehrer kommen ein Friseur mit unentschiedener Sexualpräferenz, ein Bioladen sowie ein Fachgeschäft für den Fairtrade-Kaffee irgendeiner westafrikanischen Militärdiktatur. Keiner sieht hier die Welt, wie sie ist, jeder nur, wie sie sein soll, und mit dem Geld, das hier lebt, wird die Welt auch dazu gemacht. Hier gibt es noch kleine, viel zu teure Handwerksbetriebe und aus der Zeit gefallene Tante-Emma-Läden, in denen nur einkauft, wer es sich leisten kann.

Hier ist jeder global und hält es bereits für Entwicklungshilfe, wenn er beim Vietnamesen essen geht. Überhaupt gibt es in Urbania mehr exotische Spezialitätenrestaurants als Teilnehmerländer bei den Paralympics, die hier aus moralischen Gründen jeder guckt. Der Bewohner Urbanias ist halt multikulturell. Er reist gerne mit seinem Magen um die Welt, doch jenseits seines Tellers trifft er nur ungern Nationalitäten, die ihm Essen reichen. Die Chancen, dass er ästhetisch, ökonomisch oder sonst wie von ihnen belästigt wird, sind jedoch klein. Nur wer Geld hat, kann es sich leisten, hier zu wohnen. Deshalb sind viele den Vermietern insgeheim dankbar, auf die sie sonst schimpfen. Wo der Rest der Welt wohnt, ist dem Urbanen egal. Seine Welt hört auf, wo sozialer Wohnungsbau anfängt.

Aber wir wollen fair bleiben: Der Urbane hat auch gute Eigenschaften, Bescheidenheit zum Beispiel. So prahlt er niemals mit dem, was er hat. Er trägt keine Pelze, keinen teuren Schmuck. Sein kostbarster Schmuck ist ein Gefühl, das Gefühl, es geschafft zu haben – oder wenigstens nicht zu den Verlierern zu gehören. Natürlich gibt es auch von denen einige wenige in Urbania. Sie schlafen auf der Straße, halten aber nicht für jeden die Hand auf und klagen auch nicht kniend wie die Babuschkas.

Sie sitzen nur da, lesen die französischen Existenzialisten oder was ihnen wohlmeinende Mitbürger sonst so zur Erbauung ins Hütchen warfen. Auch gibt es Problemjugendliche hier, drei, um genau zu sein. Jeden Abend treffen sie sich am Sportplatz hinter der Videothek, rauchen, hören Musik, schauen grimmig. Sie sind immer da, so als wären sie dafür bezahlt worden, unser Memento mori fürs Soziale zu sein: „Bedenke, du bist Mittelschicht! Auch du kannst Kinder haben wie uns!“ Sie haben recht.

Ja, es ist eine verzauberte Welt, eine Blase, viel Weichzeichner wird hier auf die Wirklichkeit geklatscht. Die Blase könnte platzen, und vielleicht wird sie es, wenn die nächste Finanzblase platzt oder Griechenland pleite ist oder keine Lehrer mehr gebraucht werden, weil niemand mehr – außer in Urbania – aus demografischem Pflichtgefühl Kinder zeugt. Dann fällt mancher ins Bodenlose. Dann ist der Aufsteiger von gestern der Absteiger von morgen. Dann gehört ihm die Stadt nicht mehr, dann muss er das Undenkbare denken und umziehen.

Eben deshalb hat es auch Vorteile, wenn die Bulgaren und Rumänen kommen und unsere Wohlfühloasen besetzen. Vielleicht erkennen deren Bewohner dann, dass die Armut nicht verschwindet, wenn man sie nicht sieht. Sollte mit Sinti und Roma das fahrende Volk vor der Tür stehen, merkt der begüterte Mittelschichtstädter vielleicht, was Entwurzelung wirklich heißt und wie wenig seine kleine Angst vor dem Kontrollverlust damit zu tun hat.

Besonders stark fühlt er die, wenn er nach einem langen Arbeitstag heimfährt. Dann hat er Angst, keinen Parkplatz mehr zu finden, bevor es dunkel wird. Und tatsächlich finden manche auch keinen. Dann kann man sie an ihrer Wohnung vorbeifahren sehen, Runde um Runde, stundenlang. Und wer genau hinhört, der kann sie schreien hören.

Erschienen in:
Ausgabe 09/2013
Redakteur:
Raoul Löbbert (Redakteur)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Kultur, Familie, Innenpolitik, Lebensstil, Wirtschaft