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Schweigeexerzitium

Pssst!

Aus: Christ & Welt Ausgabe 47/2011

Allein mit sich, aber nicht einsam: Klöster bitten zum gemeinsamen Schweigen. Ein Erfahrungsbericht aus der Stille des Raums.

„Ich gehe ins Kloster und mache ein Schweigeseminar“, verkündete ich, als handele es sich um eine Regierungserklärung. Ich erntete verstörte Blicke, die sagten: Ausgerechnet du! Ja, ausgerechnet ich mache mich auf den Weg nach Holland ins ehemalige Kloster und heutige Begegnungszentrum in der Stadt Vught.

„Wir alle brauchen Stille. Doch viele sind nicht gern allein!“, erklärt Miek Pot und lächelt in die Runde. Die Niederländerin hat zwölf Jahre als Ordensfrau in einem französischen Schweigekloster der Kartäuser gelebt. Nun unterrichtet die 50-Jährige Menschen im Schweigen.

Bessere Selbstwahrnehmung und reifere Entscheidungen, verspricht sie. Das kann man in der lauten Welt gut gebrauchen. Miek Pot unterscheidet zwischen Stille und Schweigen. Stille sei etwas Äußeres, etwas, was von vielen als angenehm empfunden wird. Schweigen dagegen sei eine Begegnung mit sich selbst – und nicht immer angenehm.

Wie schwierig es ist, einmal nicht zu reden, erfahren wir gleich beim Abendbrot. Langsam führe ich die Gabel an meinen Mund, kaue konzentriert den Salat. „Hmm, köstlich, nicht wahr!“, hätte ich normalerweise der Frau gegenüber zugezwitschert. Doch ich darf nicht. Stattdessen schmecke ich den Salat, die Paprika – köstlich, süß und scharf zugleich! Ich kaue, schweige, genieße. Ich bin ganz bei dem, was ich gerade mache. Bevor es ans Meditieren geht und uns Miek für die nächsten eineinhalb Stunden in die Stille entlässt, gibt sie uns noch ein paar Tipps für unsere Reise ins Innere mit. „Haltet den Körper still, der Körper ist das Fahrzeug…“ „Konzentriert euch auf einen Fokus. Ein neutrales Bild, beispielsweise ein Baum oder das Meer.“

Das sagt sich so leicht. Mit geschlossenen Augen sitze ich da – und versuche, meine einschlafenden Füße zu ignorieren. „Es geht nicht darum, perfekt zu sitzen, perfekt zu atmen“, beruhigt mich Miek später. Okay, zweiter Anlauf. Jetzt fühlt es sich schon besser an! „Nach dem Reisen und dem Trubel ist die Leere spröde und bitter. Der Kaktus in der kargen Wüste blüht in solch einer Leere“, liest Miek ein paar Zeilen aus ihrem Buch. Ich sitze bei offenem Fenster da, lausche dem Wind, den raschelnden Blättern, dem Geschnatter der Enten. Können die vielleicht mal ihren Schnabel halten? Ich muss kurz lächeln. Wir lächeln alle überhaupt sehr viel hier. Schweigen verbindet und macht uns sensibler – für sämtliche Sinne. Wer schweigt, hört mehr, sieht mehr, schmeckt mehr. Je „innerlicher“ ich werde, desto weniger habe ich das Bedürfnis zu reden.

Bin ich durch das Schweigen Gott nähergekommen? Ich bin mir selbst ganz nahe. Und wenn Gott in jedem Menschen ist, wenn er uns zum Strahlen bringt – ja, dann bin ich vielleicht auch ihm (wieder) ein Stück näher gekommen.

Ich überlege, wann ich aufgehört habe zu beten. Als ich noch klein war, habe ich regelmäßig gebetet. Abends, vor dem Einschlafen. In aller Stille. So war ich im schweigenden Dialog mit Gott. Wer Gott im tiefen Schweigen zugegen weiß, braucht nicht viel Worte zu machen, um mit ihm im Gespräch zu bleiben. Es ist schwierig, in unserer Gesellschaft einfach mal nichts zu tun und nichts zu denken. Dass ich diese Gedanken nicht, wie sonst, gleich ausspreche, empfinde ich als angenehm. Das Schöne an der Stille: Sie urteilt nicht.

Am Abend sitzen neun Menschen, die sich nie zu vor begegnet sind, schweigend zusammen. Schweigen ist intimer als reden. Das Knacken der Erdnüsse erscheint überlaut! Was mein Gegenüber wohl denkt? Unsicher lächle ich in die Runde. Ich betrachte die Teilnehmerinnen. Eine Frau presst die Lippen zusammen, als ob sie verhindern könnte, dass Worte aus ihrem Mund flutschen. Schweigen mit Menschen, mit denen man zuvor nie ein Wort gewechselt hat, fühlt sich befremdlich an. Schließlich durchbricht jemand unser Schweigegelübde. „Es ist dunkel. Müsste es nicht wie beim Fastenbrechen ein Schweigenbrechen geben?“ Die meisten atmen erleichtert auf – und lassen die Worte aus ihren Mündern „sprudeln“.

Bevor ich zu Bett gehe, denke ich: Schweigen kann man nur mit wenigen Menschen. Schweigen setzt Vertrauen voraus. Was haben wir Frauen uns jetzt zum Abschluss eigentlich gesagt? Ich weiß es nicht mehr. Ich sehne mich nach Stille. „Die Stille ist ein Geschenk an sich selbst“, hat Miek Pot geschrieben. Jetzt weiß ich, was sie damit meint.

Erschienen in:
Ausgabe 47/2011
Redakteur:
Beate Zimmermann (Freie Autorin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Spiritualität