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Feuilleton-Katholizismus

„Promis, die mit ihrem Glauben hausieren gehen – das nervt“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 24/2011

Der Hamburger Jesuitenpater Hermann Breulmann über deutschen Pop-Katholizismus und römische Gelassenheit.

Hermann Breulmann ist Geistlicher Rektor der Katholischen Akademie Hamburg. Er hat dort die Präsentation von Matusseks Buch moderiert. © Monika Sendker/KNA

Christ & Welt: Freuen Sie sich über Bücher wie „Das katholische Abenteuer“ von Matthias Matussek? Er wirbt ja wortmächtig für die katholische Kirche.
Hermann Breulmann:
 Das Buch hat wohl die Wirkung, die katholische Kirche positiv ins Gespräch zu bringen, wir reden ja auch miteinander darüber. Es eröffnet ein Gespräch, aber es will nicht erklären oder argumentieren. Es ist ein Pop-Buch, das sich nicht an die Nachdenklichen wendet, sondern eher das zynische Gemaule über die Kirche demaskieren will. Eben das Kulturgeschnatter-Milieu, wie Matussek es nennt. Aber es führt nicht „weiter“ in ein nachdenkliches Gespräch. Matussek formuliert ja in seinem Buch sein Motiv: Wenn auf meinen Verein draufgehauen wird, haue ich zurück. Ich finde, es stellt die wichtigen Fragen nicht. Die Kirche kämpft gerade jetzt darum, in der Mitte der Gesellschaft wirksam zu sein und ihren Platz zu behaupten. Ihre Zukunft wird sich an der pastoralen Praxis, nicht am Event und auch nicht an der Ästhetik entscheiden. Diese Mitte der Gesellschaft ist unspektakulär. Es geht um die Frage, was ein gelungenes Leben ist, es geht darum, die Sorgen, Nöte, Hoffnungen und Freuden der Menschen zu teilen, wie das letzte Konzil gesagt hat. Max Frisch hat einmal gesagt: Nicht das, was glänzt, suche ich, sondern das, was trägt. Ein Bestseller ist eher am Glanz interessiert.

C & W: Ist es wirklich populär, als Journalist zu sagen, der Papst macht alles richtig, die Frauen haben genug Rechte und der Zölibat ist toll? Das entspricht nicht dem Mainstream.
Breulmann:
 Interessant ist doch nicht, dass hier die Kirche verteidigt wird, sondern, dass dies ein prominenter „Spiegel“-Autor tut. Wenn ein Kirchenzeitungsredakteur den Papst lobt, interessiert das niemanden. Schon der Name Matussek erregt Aufmerksamkeit, denn der Autor besetzt eine bestimmte Rolle im Aufmerksamkeitszirkus. Das Buch ist allgemein verständlich, es zettelt keine intellektuelle Debatte an, sondern erzählt aus dem Leben. Auch das ist Pop.

C & W: In die Abteilung Feuilletonkatholizismus fällt das Buch nicht?
Breulmann:
 Nein, dafür ist der Ton zu raubeinig. Matussek teilt nicht den Ästhetizismus eines Schriftstellers wie Martin Mosebach. Matussek macht seinen Unterschied zu Mosebach im Buch ja an einer kleinen Geste klar. Mosebach würde beim Friedensgruß an den Banknachbarn während der Messe erschaudern, während Matussek den Handschlag als Zeichen einer sozialen Nähe schätzt.

C & W: Benutzen Sie das Wort Feuilletonkatholik überhaupt?
Breulmann:
 Nein.

C & W: Warum nicht?
Breulmann:
 Das scheint mir ein Modewort zu sein. Es hat doch eine lange Tradition, die Kirche als ästhetisches Phänomen zu sehen und als Institution von langer Dauer zu bewundern.

C & W: Das Wort meint eine Denkrichtung, die jede Veränderung als Verrat an der Tradition ablehnt. Wo sind eigentlich die liberalen Intellektuellen geblieben?
Breulmann:
 Ich könnte auch fragen: Wo sind die klugen Konservativen? Der Kirche ist es nicht gelungen, dieses Milieu wertzuschätzen und zu pflegen. Wo ist der Nachfolger für einen Hans Maier? Ich sehe ihn nicht. Es gibt allerdings auch keinen Markt für Differenzierungen. Sobald Sie differenzieren, werden Sie langweilig.

C & W: Das heißt, es liegt doch nicht an der Kirche, sondern am Publikum?
Breulmann:
 Ja, auch. Melancholische Positionen haben es deutlich schwerer als polemische. Verschärfer finden ein großes Publikum, Differenzierer ein kleines. Joachim Fest hat einmal gesagt: Ein Konservativer muss trauern können. Was heute auch in kirchlichen Diskussionen als konservativ verkauft wird, kommt nicht mit leiser Trauer um die Verluste daher, sondern eher schrill und aggressiv. Es werden dann zu viele „Opfer“ produziert, vorschnell Menschen zu Gegnern erklärt. Dabei könnten sie auch der eigenen Selbstüberprüfung dienen. Luther hat mal gesagt, so wichtig wie für das tägliche Brot sei es, um gute Gegner zu bitten. Wohl solche, mit denen man über Gott und die Welt trefflich streiten kann. Auch in der innerkirchlichen Debatte dominiert zu häufig eine Art von Unterstellungshermeneutik.

C & W: Was bedeutet das?
Breulmann:
 Man erklärt andere zu Gegnern, man unterstellt ihnen, nicht wahrhaft gläubig zu sein. Bei Matussek heißen die Gegner zum Beispiel Heiner Geißler und Margot Käßmann. Dabei haben Käßmann und Matussek mehr miteinander zu tun, als beide glauben. Beide erfahren die Ambivalenz der Prominenz, beide sind Macher, aber in meiner Wahrnehmung auch Getriebene. Sie haben beide Angst, nicht wahrgenommen zu werden, wenn sie differenzieren.


C & W: Womit erklären Sie sich die Lust daran, wie Sie sagen, Gegner
zu produzieren?
Breulmann:
 Es gibt die Tradition des römischen Pluralismus, eine mediterrane Gelassenheit, die in der Fähigkeit besteht, Verschiedenheiten und Unterschiede in einer Kosmologie des Ganzen ruhen zu lassen, auch auf sich beruhen zu lassen. Pontifex, Brückenbauer, ist ein schönes Wort dafür. Ich vermisse diese Art von Großzügigkeit. Deshalb wittert man auch überall Gegner.
Ich glaube zudem, dass wir ein Bildungsproblem haben. Man greift aus der Tradition nur das heraus, was zur eigenen Weltsicht passt. Viele katholische Traditionslinien werden dann einfach vergessen. Wer weiß denn noch, dass es einen Surrealismus katholischer Spielart gab im vergangen Jahrhundert? Hugo Ball, Buñuel – wer redet noch darüber? Augustinus, Thomas von Aquin, Pascal, das waren doch ganz unterschiedliche Denker im römischen Pluralismus. Wir sollten nicht nur über Liturgie reden, sondern darüber nachdenken, wie Aufklärung und der Begriff des Geheimnisses zusammengehen, gerade am Ende einer Reflexionskultur. Streiten über das, was „Vernunft“ heute heißen kann? Das ist keine rein akademische Frage, sondern pastoral von großer Wichtigkeit.

C & W: Glauben und Vernunft sind doch das Lebensthema dieses Papstes.
Breulmann:
 Ja, Benedikt XVI. stößt zumindest die Debatte über Glauben und Vernunft an. Aber es gibt eben auch die Tendenz, das Wort „Geheimnis“ nur zu raunen, es nur im liturgischen Kontext zu verorten und das Denken einzustellen.

C & W: Geht es nur ums Denken oder auch ums Leben? Es gibt kultursinnige Katholiken, die zwar die alte Messe als Feier des Geheimnisses preisen, aber mitnichten ihr Liebesleben nach den Moralvorstellungen ausrichten…
Breulmann:
Es gibt die Neigung, die Moral nur ästhetisch zu betrachten, das stimmt. Christsein heißt aber, dass ich Maßstäbe habe, dass ich versuche, ihnen zu genügen. Die Kirche muss Lebensentwürfe bekräftigen, die aufs Ganze gehen. Der Mensch sucht nach dieser Bekräftigung, er sehnt sich nach Treue und verlässlicher Liebe. Aber ich muss mir auch der Zerbrechlichkeit der eigenen Entwürfe bewusst sein. Wenn ich dieses Bewusstsein habe, bin ich nicht so laut und auch nicht so denunziatorisch im Blick auf andere. Zum Katholischen gehört immer eine gewisse „Tragik“, dass ich mir meiner Fragilität bewusst bin. Heute entdecke ich zu viele, die in die Falle der Selbstgerechtigkeit tappen.

C & W: Heißt das, der Katholik trumpft nicht auf?
Breulmann:
Auftrumpfen zeugt von mangelnder Gelassenheit. Mir geht es auf die Nerven, dass so viele Prominente mit ihrem Glauben hausieren gehen. Die Zahl der Kirchenmitglieder nimmt zwar ab, aber die Zahl der öffentlichen Glaubensbekenntnisse nimmt zu. Es gibt einen eigenartigen Bekenntniszwang, auch in der Gesellschaft. Man soll seinen Glauben ja nicht verstecken, aber man sollte ihn selbstverständlich leben.

C & W: Also lieber katholischer Alltag als katholisches Abenteurertum?
Breulmann:
Religion ist ein Hintergrundphänomen. Sie soll sich vor allem darin äußern, dass man mit den Menschen, mit denen man es zu tun hat, gut umgeht. Derzeit produziert die katholische Kirche zu viel Exklusion, es fehlt wohl an der Anerkennung und Würdigung unterschiedlicher Farben, Sichtweisen, auch des Eigensinns und der Eigensinnigkeit vieler Katholiken, die sich engagieren und die die Kirche heute einfach braucht. Mein religiöses Schlüsselwort und mein geistlicher Leitfaden wären: Cum dignitate, mit Würde. Mit Würde zu leben und zu glauben, mit Würde zu lieben und einmal, hoffentlich, mit Würde zu sterben und den Rest dann dem lieben Gott zu überlassen. Aber damit schreibt man wohl keinen Bestseller.

Das Gespräch führte Christiane Florin.

Hermann Breulmann ist Geistlicher Rektor der Katholischen
Akademie Hamburg. Er hat dort die Präsentation von Matusseks Buch
moderiert.

Erschienen in:
Ausgabe 24/2011
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Spiritualität, Kirchen, Kultur, Lebensstil