Idee
Alles, was Precht ist
Aus: Christ & Welt Ausgabe 51/2011
Der populäre Philosoph Richard David Precht hat ein soziales Jahr für Rentner gefordert. Er musste dafür viel öffentliche Schelte einstecken, auch weil es sich in einem älter werdenden Land niemand mit den Senioren verscherzen will. Schade eigentlich.

Eigentlich schade, aber die Oma ist weg. Sie strickt keine Strümpfe mehr, kocht nicht mehr kiloweise Obst aus dem Garten ein und nimmt in den Sommerferien auch nicht mehr für sechs Wochen ihre Enkelkinder bei sich auf. Stattdessen reist sie auf dem Kreuzfahrtschiff um die Welt, bucht Aquarellkurse in der Provence und teilt sich ihre knappe Zeit im Alltag zwischen Yoga und Arztbesuchen auf.
Wenn es nach dem Philosophen Richard David Precht geht, hat dieses unterhaltsame Seniorendasein bald ein Ende. Er fordert ein soziales Pflichtjahr für alle Rentner, 15 Stunden pro Woche sollen sie zum Wohle der Allgemeinheit arbeiten. Nächstenliebe statt Fernreisen, Krankenbesuche statt Nabelschau – Precht wurde mit diesem Vorschlag zum vorweihnachtlichen Ruhestörer. Politikerinnen wie Familienministerin Kristina Schröder und ihre Vorgängerinnen Ursula von der Leyen und Ursula Lehr zeigten sich schockiert. Wie kann es jemand wagen, sich mit der wachsenden Schar älterer Wähler anzulegen und sie zum Zwangsdienst an der Gemeinschaft zu verdonnern?
Verbreitet Precht nur Rentnerklischees? Die Ministerinnen jedenfalls loben den Elan und das ehrenamtliche Engagement, das die Senioren bereits leisten. Schließlich ist die Zahl der 60- bis 70-Jährigen, die ehrenamtlich tätig sind, zwischen 1999 und 2004 von 31 auf 37 Prozent gestiegen. Damit liegt Deutschland im europäischen Kontext ziemlich weit vorn, nur in den Niederlanden, der Schweiz und Skandinavien liegt dieser Prozentsatz höher.
Die wachsende Anzahl von Senioren hierzulande könnte ein Glücksfall sein. Das schreiben die Autoren Loring Sittler und Roland Krüger in ihrem jüngsten Buch „Wir brauchen Euch!“. Sie sehen die ergrauende Republik mit rosaroter Brille: Alte Menschen bleiben länger fit, sie helfen sich und ihren Altersgenossen, sie lesen Märchen im Kindergarten vor und kaufen für ihre kranken Nachbarn ein. Kurzum: Wenn im Jahr 2060 von den rund 70 Millionen Einwohnern in Deutschland rund zehn Millionen über 80 Jahre alt sind, ist dies kein Grund zur Panik, sondern eher zur Freude.
Und dennoch liegt auch Richard David Precht richtig, wenn er die Hymne auf die fleißigen Senioren mit schrillen Talkshow-Tönen aufmischt. Denn er spricht jene unangenehme Wahrheit aus, die alle, die vom wohlverdienten Ruhestand reden, lieber verschweigen. Wer jetzt in Rente geht, hat den Krieg nicht mehr selbst erlebt. Man kann den heute 60-Jährigen deshalb ruhig etwas zumuten. Zum Beispiel sie daran erinnern, dass eine Demokratie nicht nur von der Freiheit ihrer Bürger, sondern auch von deren Beteiligung am Gemeinwesen lebt. Eine weitere Erkenntnis ist mittlerweile in zahlreichen Studien belegt: Wer sich als Jugendlicher oder Berufstätiger sozial engagiert, setzt das Engagement auch im Ruhestand fort. Wer hingegen dazu neigt, sich auf die Hilfe anderer zu verlassen, wird wahrscheinlich auch im Alter keinen Sinneswandel durchmachen.
Es wäre also nur konsequent, soziales Engagement so früh wie möglich einzufordern. Warum nicht ein soziales Pflichtjahr für alle Bundesbürger? Wer im Laufe seines Berufslebens keine Zeit für ehrenamtliche Tätigkeit aufbringt, könnte dies dann im Ruhestand nachholen.
Die Debatte über ein soziales Pflichtjahr ist nicht neu. Sie flammte zuletzt im Dezember 2010 auf, als das Kabinett die Aussetzung der Wehrpflicht und damit auch des Zivildienstes beschloss. Die Befürworter des Pflichtjahres wurden damals von den Wohlfahrtsverbänden selbst ausgebremst. Deren Vertreter argumentierten, dass dadurch die Engpässe in der Pflege nicht behoben würden. Außerdem verstoße ein soziales Pflichtjahr gegen das Grundgesetz und die Europäische Menschenrechtskonvention.
Die Frage ist, wie lange es sich ein freiheitlicher Staat leisten kann, bei der Unterstützung seiner Aufgaben auf die Freiwilligkeit seiner Bürger zu vertrauen. Während heute auf zwei Erwerbstätige ein Rentner kommt, müssen im Jahr 2060 drei Erwerbstätige zwei Rentner versorgen. Nicht nur auf die Rentenversicherung, auch auf die Sozialkassen kommen zusätzliche Versorgungsansprüche zu. Denn die durchschnittliche Rente wird 2060 wesentlich geringer ausfallen als heute. Um das Existenzminimum zu garantieren, werden viele Menschen eine staatliche Grundsicherung beantragen oder nebenbei arbeiten müssen.
Prechts Vorschlag ist nicht so polemisch, wie er klingt. Warum sollen Menschen im Ruhestand nicht etwas von der Hilfe, die sie bekommen, zurückgeben? Was ist so schlimm an dem Gedanken, dass ältere Menschen, wenn sie gesund sind, anderen mit ihrer Lebenserfahrung beistehen könnten? Ließen sich die Argumente, mit denen für ein freiwilliges Ehrenamt geworben wird, nicht auch auf ein soziales Pflichtjahr übertragen? Wenn es stimmt, dass die Lebensqualität im Alter eng mit dem Gefühl verbunden ist, gebraucht zu werden, wie Alterswissenschaftlerin Ursula Lehr konstatiert, wieso gilt das dann nur für das freiwillige Ehrenamt? Und warum bedarf ehrenamtliche Arbeit eigentlich immer eines besonderen Lobs? Ist es nicht selbstverständlich, dass jeder Staatsbürger sich seinem Gemeinwesen verpflichtet fühlt?
Precht, Autor des Bestsellers „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“, hat beim Thema Rente die richtige Frage gestellt. Statt der Argumente von Bedenkenträgern und Prinzipienverfechtern brauchen wir praktische Antworten darauf, wie wir angesichts des demografischen Wandels den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft organisieren und finanzieren wollen. Jeder Bundesbürger, egal ob Rentner oder Student, sollte frei wählen können, wo, wann und wie er seinen Sozialdienst leisten möchte. Ehrenamtliche Arbeit kann den Staat entlasten, aber nicht von seinen Aufgaben und seiner Verantwortung befreien.
„Worte sind Zwerge, Beispiele Riesen“, besagt eine Volksweisheit. Daran könnte sich auch der ansonsten so volksnahe Philosoph orientieren. Mit 47 ist er zwar zu jung für sein soziales Seniorenpflichtjahr. Aber den ehrenamtlichen Vorsitz im noch zu gründenden Verein „Soziales Jahr für alle!“ könnte er übernehmen. Es kostet nur ein paar Talkshowauftritte weniger im Jahr.





