www.zeit.deProbe-Abo

Piusbrüder

Päpstlicher als der Papst

Aus: Christ & Welt Ausgabe 51/2011

Normalerweise schottet sich die konservative Gemeinschaft ab. Oliver Grohe, einer ihrer Anhänger, war bereit, über sein Leben zu reden.

Oliver Grohe teilt die Überzeugungen der konservativen Piusbruderschaft. Gerne wäre er dort auch Priester geworden. © Wolfgang Thielmann

Oliver Grohe, der Physiker, macht Autos sicherer und komfortabler. Vor zehn Jahren stieg er bei BMW ein, erst bei der Motorenentwicklung, jetzt arbeitet er im Technologie- und Innovationsmanagement. Im Beruf erforscht er die Mobilität von morgen. In seiner freien Zeit lebt er in einer Gegenwelt, und der Kontrast könnte nicht größer sein: Der bald 40-Jährige gehört zur Piusbruderschaft, der katholischen Gruppe, die das Rad der Geschichte zurückdrehen und die Kirche von früher will. Das Zweite Vatikanische Konzil vor 50 Jahren ist für ihn der Sündenfall, ein Verrat am Glauben. Dort bejahte der Katholizismus die moderne, plurale Welt mit Menschenrechten, Demokratie und Religionsfreiheit und suchte ein freundlicheres Verhältnis zu anderen Kirchen und Religionen und überhaupt den geistigen Anschluss an die Gegenwart. Für ihn gehen die beiden Welten, die von BMW und der Piusbruderschaft, gut zusammen.

Nicht viele Menschen, die der Priesterbruderschaft St. Pius nahestehen, sind bereit, mit Journalisten über ihr Leben und ihre Überzeugungen zu reden. In der Gemeinschaft, die in Deutschland 600 000 Anhänger umfassen soll, herrschen Disziplin und Gehorsam. Was zu glauben ist, gibt die Führung vor. Da scheint nicht viel Spielraum für eigene Ansichten zu sein. Oliver Grohe gibt Auskunft, freundlich, geduldig und meinungsstark. „Alles, was ich tue, soll der Ehre Gottes dienen“, sagt er. Jeden Sonntag geht er zur Messe in Sendling nah dem Münchner Zentrum, wo die Priesterbruderschaft eine ihrer Gemeinden hat, die sie Priorate nennt. Grohe ist verantwortlich für die Ausbildung der Ministranten. Er gibt Unterricht und macht Ausflüge mit den Kindern.

Priester durfte er nicht werden
Wenn er werktags in der Betriebskantine zu Mittag isst, betet er und bekreuzigt sich dabei. „Ich will meinen Glauben nicht penetrant aufdrängen, aber er soll auch mein Zusammenleben mit den Kollegen durchleuchten“, sagt er und fügt hinzu: „Man muss irgendwann für alles Rechenschaft ablegen.“ Die Werkszeitung hat schon über ihn geschrieben. Der Betrieb fördert gesellschaftliches Engagement.

Oliver Grohe ist ein Missionar mit freundlicher Stimme und sanften Gesten, aber hart in seinen Überzeugungen. Alle sollen sich bekehren und Gott unterwerfen, das allein rette sie aus der ewigen Verlorenheit. Er weiß, dass solche Sätze in heutigen Ohren nach Anmaßung klingen. Deshalb fügt er meist eine Erklärung an, so auch jetzt: „Die Position der Kirche kommt nicht aus Stolz, sondern ist ihr von Gott vorgegeben, und die Kirche handelt aus der Sorge um das Seelenheil der Menschen.“ Aber es sei kein Dialog auf gleicher Ebene, „sondern ein Aufruf zur Bekehrung, eine ganz klare Position, ein Absolutheitsanspruch“.

Worte wie Toleranz und Freiheit, die seit dem Konzil in der katholischen Kirche eine Rolle spielen, sind für Oliver Grohe zwiespältige, janusköpfige Begriffe. „Die falsche modernistische Theologie“, sagt er, „hat das Freiheitsverständnis verdorben: Eigentlich geht es um die Freiheit von Zwängen, die mich hindern, Gott zu dienen.“ Heute bedeute Freiheit, „tun zu können, was man gerne möchte, und damit eben auch gegebenenfalls Gott zu verachten. Diese Freiheit hat der Mensch nicht. Er ist verpflichtet, Gott zu ehren.“ Was er sagt, deckt sich völlig mit den Lehren, die sich auch auf der Internetseite der Bruderschaft wiederfinden. Aber er argumentiert und gibt nicht bloß auswendig Gelerntes wieder.

Das mit der Ehre Gottes gilt für ihn auch im Staat. Grohe kann sich gut vorstellen, in einer Monarchie zu leben. Demokratie ist gut, sagt er, „wenn sie sich im Rahmen der göttlichen Ordnung bewegt“. Ein Kaiser mit Parlament könnte das nach seiner Überzeugung besser, weil er mehr Macht besäße. Er wünscht sich einen Repräsentanten, der seinen Staat „der heiligen Mutter Gottes weiht und unter das Christkönigtum stellt“. Ein Staat, wie er ihm vorschwebt, soll der Wahrheit dienen. Er wäre katholisch. Und er würde sich zwar nicht in die Belange der Kirche einmischen, aber auch falsche Religionen nicht unterstützen. Denn der Irrtum hat, so sagt Grohe, kein Recht auf Ausbreitung.

Das Konzil vor 50 Jahren meinte dagegen, dass der Heilige Geist auch in anderen Religionen Heil stiftet. Oliver Grohes Stimme gewinnt einen Anflug von Heftigkeit: „Das ist einfach nicht wahr. Der Heilige Geist wirkt weder im Buddhismus noch im Hinduismus, und er kann dort auch gar nicht wirken – aber im Konzil hat man das geschrieben.“

Da liege die Ursache der ganzen Verwirrung, „die auch in der falschen Ökumene zu sehen ist oder wenn der Papst die Führer der Religionen in Assisi zum Gebet zusammenruft“. Das klingt für religiös ungeübte Ohren ziemlich überheblich. Auch Grohe weiß das. Er schiebt nach: „Es war immer Lehre der Kirche, dass auch Menschen gerettet werden können, die sich ernsthaft um Gott bemühen, aber nicht die Möglichkeit hatten, die Wahrheit kennenzulernen. Aber sie werden gerettet nicht wegen, sondern trotz ihrer falschen Religion, weil Gott ihnen ihre Bemühung anrechnet.“

Noch einmal sagt er: Das sei heute eine heikle Position. Aber er kann nicht anders: Habe nicht schon Christus gesagt, dass verdammt wird, wer nicht an ihn glaubt? „Stellen Sie sich mal vor, das würde ein Priester heute im offiziellen Raum der Kirche sagen. Das gäbe einen Aufschrei.“

Gerne wäre Oliver Grohe Priester der Bruderschaft geworden. Er hat sich darauf vorbereitet und vor drei Jahren das Seminar der Bruderschaft im oberpfälzischen Zaitzkofen bezogen. Und hat Reformen vorgeschlagen, nicht in der Lehre, sondern in der Gestaltung des Studiums. Der völlig reglementierte Tagesablauf sei eine Erziehung zur Unselbstständigkeit, sagte er damals.

Nach zwei Semestern musste er deshalb gehen. Ist er am Gehorsamsanspruch der Gemeinschaft gescheitert? Er selber sieht das nicht so. Zum Glück hatte er eine Rückkehroption bei seinem alten Arbeitgeber. Weil der gesellschaftliches Engagement schätzt. Heute will Grohe die Sache ruhen lassen. Er gehört zum Kern des Sendlinger Priorats. Jetzt, wo er wieder Vertrauen genießt, soll nicht der Eindruck entstehen, er wolle einen alten Konflikt wieder aufrühren. Und er zeigt Verständnis: Die strikte Abschottung gegen jede Kritik sei aus der Logik des Systems verständlich. Aber er findet sie falsch.

Bis zum erzwungenen Ausscheiden hat sich sein Leben bruchlos in die Gemeinschaft eingefügt. Er hat keine andere Kirche kennen gelernt als die der Piusbruderschaft. Er ist in ihr aufgewachsen. Mit den Eltern – der Vater hat Philosophie und Theologie studiert – und drei Geschwistern lebte er zu Hause in Hattersheim bei Frankfurt in einer Gemeinde, die schon immer die tridentinische Messe feierte, die der Priesterbruderschaft heilig ist.

Als Kind hat er erlebt, wie der Limburger Bischof Wilhelm Kempf 1979 seinen Pfarrer Hans Milch suspendierte. Der hatte der trotz Verbot die alte Messe weiter zelebriert. Seine Gläubigen rief er auf, täglich eine halbe Stunde lang für die Rettung der Kirche von den Irrlehren des Konzils zu beten. Ausdrücklich bekannte sich Milch zum Gründer der Piusbruderschaft, dem schon 1976 suspendierten Erzbischof Marcel Lefebvre. In der Vorbereitungskommission des Konzils hatte Lefebvre vergeblich gegen die ökumenische Öffnung und das Ja zur Religionsfreiheit gekämpft. Später kam der Protest gegen die neue Liturgie dazu. Zusammen mit dem Pfarrer zog Grohes Familie aus der Kirche aus. Drei Jahre lang feierten sie die Messe in Wohnzimmern. Sie bauten gemeinsam eine neue Kirche. 1982, zur Einweihung, wurde Grohe von Marcel Lefebvre persönlich gefirmt. Nach dem Studium, mit dem Anfang bei BMW vor zehn Jahren, kam er zum Sendlinger Priorat der Bruderschaft.

Seit Jahren lassen die Piusbrüder dem Vatikan keine Ruhe. Papst Benedikt XVI. hob zu Beginn seines Pontifikats 2005 die Exkommunikation der vier Bischöfe der Bruderschaft auf. Er ließ, wie die Brüder gefordert hatten, die bis dahin verbotene tridentinische Messe wieder zu. Und er geriet in schwerste Bedrängnis, als einer der vier, Richard Williamson, die Existenz von Gaskammern in Auschwitz in Zweifel zog. Der Vatikan suchte weiter das Gespräch mit der Gruppe und legte ihr im Sommer eine Erklärung zur Unterschrift vor: Sie solle sich unter die Autorität des Papstes begeben und das Konzil anerkennen. Dessen Interpretation könne unterschiedlich ausfallen.


Vater Staat und Mutter Kirche
Grohe legt Wert darauf, dass das, was er vertritt, die Überzeugung der Kirche sei, nicht nur der Bruderschaft, nein, der ganzen Kirche, bis eben vor 50 Jahren. Deshalb seien Piusbrüder nur der Kirche gehorsam, wie sie 2000 Jahre lang gewesen sei – bis vor einem halben Jahrhundert. „Was die Päpste früher mit der von Gott gegebenen Garantie der Unfehlbarkeit gelehrt haben, das kann heute nicht widerrufen werden“, sagt er. Deswegen herrscht für Piusbrüder seit dem Konzil Notstand, der sie zum Ungehorsam berechtige. Sie fragen nach Führung, nach Vater Staat und Mutter Kirche. Gerne gebraucht Grohe Worte wie „durchsetzen“ und „vorschreiben“. Für ihn muss es Dinge geben, die feststehen, oder einen, der sie festsetzt.

Daher gilt ihm in Glaubensfragen Bernard Fellay, der Generalobere der Bruderschaft, mehr als Benedikt XVI. Dass der seinen Vorgänger Johannes Paul II. seliggesprochen hat, den Urheber der interreligiösen Friedensgebete in Assisi, sei ein „absolutes Ärgernis“. Die Gespräche mit dem Vatikan dienen nach Grohes Ansicht nur dazu, „Zeugnis für die Wahrheit abzulegen und den Bruch mit der Vergangenheit aufzuzeigen“.

Nein, distanzieren möchte er sich nicht, auch nicht von Richard Williamson, der die Gaskammern in Auschwitz infrage gestellt hatte. In diesem Juli wurde Williamson vom Landgericht Regensburg wegen Leugnung des Holocaust verurteilt. Er hat sich für die Schwierigkeiten entschuldigt, die er der Kirche dadurch bereitet habe.

Doch viele beanstanden, dass er von der Sache selber nicht abrückt. Oliver Grohe sieht das eigentliche Problem auf der Seite der Kritiker: „Für viele Leute war das ein gefundenes Fressen, man konnte der Bruderschaft ein braunes Image andichten.“ Die Priesterbruderschaft stelle den Holocaust nicht infrage, das sei nie ein Thema gewesen. Ihn störe es, dass Gesetze verbieten, historische Details im Blick auf den Holocaust zu hinterfragen. Er nennt das Denkverbote.

Wie geht es mit Rom weiter? Eine Antwort des Generaloberen Bernard Fellay auf das Papier des Papstes steht aus. Oliver Grohe kann sich nicht vorstellen, dass Fellay unterschreibt: „Wir werden niemals die neue Messe oder das Konzil annehmen.“ Er holt wieder zu einem typischen Satz aus: „Das Problem löst sich erst, wenn sich Rom bekehrt. Es klingt wahnsinnig, ich weiß. Aber Rom muss zurückfinden zur ursprünglichen Lehre.“ Und wenn nicht? So lange sagt er, sei Treue zur Wahrheit gefragt, sonst nichts. Irgendwann werde die Kehrtwende in der Kirche kommen. Davon ist er überzeugt, „auch wenn es nach menschlichem Ermessen hoffnungslos aussieht“.

Erschienen in:
Ausgabe 51/2011
Redakteur:
Wolfgang Thielmann (Redakteur)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Papst