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Haltung, bitte!

Organspender Jesus?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 7/2011

Würde Jesus uns nicht nur sein Herz öffnen, sondern auch eine Niere spenden?

„Kürzlich fragte mich ein Freund, ob ich einen Organspendeausweis habe. Ich verneinte. Daraufhin sagte er: Würde Jesus heute leben, dann hätte er einen Organspendeausweis. Ich war sprachlos: Hätte ich ihm widersprechen sollen?“

„Würde Jesus heute leben, dann würde er …“, dieser Satz zwingt eher in die Knie, als dass er zu einer klaren Haltung verhilft. Denn was die einen mit dem Brustton der Überzeugung im Namen Jesu fordern, lehnen die anderen mit gleicher Entschiedenheit und unter Berufung auf ihn ab. Deshalb lohnt sich nicht einmal Widerspruch gegen diesen Satz von der Art einer vorgehaltenen Pistole. Peng, du hast unrecht. So eröffnet man kein Gespräch unter Freunden über ein so ernstes Thema. Christinnen und Christen sollen sich allerdings fragen, was dem Geiste Jesu und seinem Evangelium am ehesten entspricht. Vielleicht war der Freund irritiert über Ihr lapidares „Nein“ und wollte Sie provozieren. Haben Sie sich das Thema so vom Leib halten wollen? Oder war Ihnen die Frage unangenehm, weil Sie sich ertappt fühlten oder schlicht nicht in der richtigen Stimmung für ein Gespräch über Leben und Tod? Wäre doch schade, wenn der verunglückte Satz Sie um ein gutes Gespräch mit einem Freund brächte.

Wenn es um eine Haltung zur Organspende geht, gibt es starke Gründe für den kleinen Ausweis in der Geldbörse. Die Bedenken und Einwände dagegen sollten nicht weggewischt werden. Ganz gleich, zu welchem Ergebnis Sie kommen: Jesus, so wie wir ihn durch die Darstellungen der Evangelien kennen, hätte die Frage, ob Menschen ihre Organe im Falle ihres Todes einem anderen Menschen zur Verfügung stellen, sicher nicht verdrängt. Wer sie sich stellt, kann dem Nachdenken über die eigene Sterblichkeit nämlich nicht mehr ausweichen. Der kleine Ausweis ist auch das Dokument einer bestandenen inneren Auseinandersetzung. Vielleicht wollte Ihr Freund ja genau darüber reden. Oder er hat gerade im engsten Familienkreis erlebt, was es bedeutet, wenn jemand mit neuer Niere oder Lunge weiterleben darf, der eigentlich dem Tod geweiht war. Dann hat er Ihnen verbal die Waffe auf die Brust gesetzt, weil er es nicht mehr erträgt, dass Menschen das Thema einfach verdrängen. Sprechen Sie ihn doch darauf an.

Erschienen in:
Ausgabe 7/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Ethik, Lebensstil