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Haltung, bitte!

Oma ist verwandelt

Aus: Christ & Welt Ausgabe 49/2012

„Meine Schwiegermutter ist dement und lebt seit Kurzem in einem Pflegeheim, in einer Abteilung für Demenzkranke, wo es ihr gut geht. Unser Sohn, sieben Jahre alt, will sie unbedingt besuchen. Er hängt sehr an ihr. Mein Mann ist dagegen. Ich zögere, weil ich ihm nicht zumuten will, seine Oma so zu sehen. Was meinen Sie?“ Eva M. Sch., Dorsten

„Mama, dem Opa ist ein schlimmer Wind durch den Kopf geweht und hat alles durcheinandergebracht. Der hat jetzt Herbst. Aber das tut nicht weh.“ So kommentierte eine Fünfjährige die Trauer einer Freundin um ihren schwer dementen Vater. Beim letzten Besuch hatte er sie mit einem ungeduldigen „Wer sind Sie denn? Ich kaufe nichts“ an der Tür empfangen.

Ihr war der Vater abhandengekommen. Der kleinen Tochter war durchaus nicht entgangen, dass der Großvater seltsam wurde. Er erzählte wunderliche Geschichten, sprach von sich in der dritten Person, wollte nachts spazieren gehen und fragte sie immer wieder die gleichen Dinge. Manchmal fing er unversehens an zu weinen. Oder er kicherte wie ein Kind. Während die Erwachsenen um sie herum einen Masterplan zur Bewältigung der neuen Lebenssituation machten, hat sie sich ihren eigenen Reim auf die Verwandlung des Großvaters gemacht. Sie ist weiter auf seinen Schoß geklettert und hat mit ihm gekuschelt. Sie ist mit ihm an der Hand durch das Haus gewandert, um im Keller nach der Haltestelle für den Bus zu suchen.

Die Geschichte des kleinen Mädchens ist kein Vorwand, um die Demenzerkrankung Ihrer Schwiegermutter harmloser zu machen, als sie ist. Sie zeigt aber, dass Kinder sich mit Veränderungen auf ihre Weise arrangieren. Das, was normal, und das, was unnormal ist, ist bei ihnen noch nicht fest ausgeprägt. Ihre Liebe ist noch neu, ohne Vergleich und ohne Vorbehalt. Schwieriger ist das schleichende geistige Verschwinden für die zu ertragen, die die geliebte Person als starken, unabhängigen Menschen gekannt haben. Halten Sie Ihren Sohn nicht von der Oma fern. Sie ist nicht gestorben. Sie ist verwandelt, eine andere und doch immer noch die Gleiche.

Begleiten Sie Ihren Jungen auf dem Weg in den neuen Lebensraum der Großmutter. Reden Sie gemeinsam über das, was Sie vermissen, und das, was schön geblieben ist. Vielleicht entdeckt Ihr Mann an der Hand seines Sohnes neben dem Schmerz auch Anmut und Würde seiner Mutter wieder neu.




Erschienen in:
Ausgabe 49/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Ethik, Tod