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Weihnachten

O du fröhliche, o du unselige

Aus: Christ & Welt Ausgabe 52/2012

Die Familie ist den Deutschen heilig und verdächtig zugleich. Gerade das Fest der Liebe ist anfällig für Streit zwischen Vater, Mutter, Kind. Ein Entspannungsprogramm für die Feiertage

H. Armstrong Roberts/Classicstock/Masterfile

So hätte das Porträt der Heiligen Familie aussehen können: In der Mitte Maria, die Hand sanft auf der Schulter des Erstgeborenen, Jesus. Der grinst frech und zieht an den Zöpfen seiner Cousine. Hinter Maria steht Josef, der stolze Vater. Wie immer macht er sich ein wenig kleiner, als er ist. Er posiert nicht gerne. Die älteren Brüder Jesu halten sich an der Hand. Davor Simon, der Dreikäsehoch, Judas, der sich hinter dem Bein der großen Schwester versteckt. Anna und Joachim, die Eltern Marias, stehen hinter der Enkelschar und versuchen mit stummen Gesten, die Rasselbande ruhig zu halten.

Dieses Bild gibt es nicht. Im Bildgedächtnis des Abendlandes ist die Sippe von Maria und Josef, sind die Geschwister und Großeltern, die Onkel und Tanten, die Nichten, Neffen und all die angeheirateten Verwandten nicht abgespeichert. Kein Gemälde zeigt die orientalische Mischpoke des Gottessohnes. Dabei sind die Spuren dieser Familie in den Evangelien noch erhalten – ein kinderreicher, weitverzweigter Clan. Als Jesus, erwachsen geworden, in seine Heimatstadt zurückkommt, wird ihm seine Herkunft sogar vorgehalten: „Woher kommt denn solche Weisheit und Taten? Ist er nicht des Zimmermanns Sohn?“

Jesus war kein Familienmensch. Das Kind, das an jedem Geburtstag mit dem Familienidyll schlechthin in Verbindung gebracht wird, hat sich von seiner Herkunftsfamilie distanziert, wie es heute nur noch selten trotzige 17-Jährige tun. Jesus wäre vermutlich der erste Familienfestflüchtling der Zeitrechnung. Wie kommt es, dass die heilige Kernfamilie mit Krippe und Stall trotzdem eine solche Karriere gemacht hat, dass sie bis heute das Bild von Familie prägt? Von bürgerlichen Ordnungsvorstellungen ist die heilige Familie ja weit entfernt. Maria ist nicht verheiratet, Josef weiß nicht, wie er zu dem Kind gekommen ist, und das Neugeborene hat nicht mal eine ordentliche Erstausstattung. Ein Fall fürs Jugendamt.

Und doch wird in dieser fragwürdigen Konstellation genau das aufgerufen, was bis heute Familie ausmacht: eine Beziehung, die sich allen Nutzenkalkülen entzieht, unkündbar und unwägbar noch dazu. Eine Gabe, die aus zwei einzelnen Menschen durch ein Kind eine dauerhafte Verbindung macht. Liebe und Pflicht, Glück und Zumutung, Risiko und Sicherheit verwickeln sich zu einem unentwirrbaren Knäuel. Heute ist die Familie ein Abenteuer, je nach Perspektive eine wilde Exkursion der Liebe oder eine Odyssee des Schmerzes. Meistens ist sie beides.

Natürlich ist Familie auch eine Zumutung, gerade, weil wir sie uns nicht aussuchen können. Hier werden Kinder gedemütigt und Eltern verhöhnt, hier herrschen Verrat und Lüge, hier liegen die Leichen im Keller und die Familiengeheimnisse auf dem Dachboden. Familienmitglieder können einander Boshaftigkeiten zufügen wie sonst niemand. Die Haltungsfragen, die ich seit zwei Jahren in Christ?&?Welt beantworte, verweisen auf den Abgrund hinter vielen schmucken Familienfassaden. Deshalb ist Weihnachten für viele nicht nur ein schönes, sondern auch ein schreckliches Fest. Gewaltausbrüche unterm Christbaum häufen sich. Familie schützt vor gar nichts. Der Attentäter, der in den USA 20 Kinder und sechs Erwachsene in einem sinnlosen Gewaltexzess im Kugelhagel durchlöcherte, hatte Familie. Seine Mutter hat er erschossen. Sein Vater hat nun einen Massenmörder zum Sohn. Auch das Böse gedeiht im Schutze von Papa, Mama und Kind.

Es gibt keinen Grund, die Familie zum letzten Reservat des guten Lebens zu erklären. Deshalb wurde die Familie in den letzten Jahrzehnten auch seziert, analysiert und therapiert. Sie wurde erst glorifiziert, dann dämonisiert. Dabei ist Familie schlicht eine Tatsache. Ihre Eigenheiten sind ein echtes Gegengewicht gegenüber der Weltanschauung eines Kapitalismus, der die Welt zum Markt erklärt, auf dem Preise und verhandlungsfähige Konsumenten die Geschicke am Laufen halten. Familie entzieht sich vielen gesellschaftlichen Spielregeln, von denen wir glauben, sie seien ein Naturgesetz.

Heute gibt es Patchworkfamilien und Regenbogenfamilien, Familien mit einem Elternteil und neue Großfamilien. Man mag über den Vorrang dieser und jener Lebensform streiten. Fest steht, dass die Familie auch heute ein Thema bleibt, nicht nur für die Art von Menschen, die überall sonst die Welt den Bach runtergehen sehen und die Familie als Bollwerk gegen die Zumutungen der modernen Welt preisen. Die Familie ist weder eine reaktionäre Lebensform noch das heimelige Idyll des neuen Bürgertums. Ihre isolierten Teile stehen ständig zur Debatte: die Mütter, die Kinder, sogar die Väter. Aber als Lebensform, als kulturelle, ethische und politische Herausforderung, als soziale Einheit mit flatternden Rändern fehlt das Thema zur Weihnachtszeit.

Dabei ist und bleibt die Familie der Ursprung des Sozialen, denn jeder hat eine Familie. Jeder Mensch lebt von Anfang an in einer Beziehungskonstellation, die ihn prägt bis ins Alter, selbst dann, wenn er sein ganzes Leben damit verbringt, diese Prägung loszuwerden. Die Familie lebt von asymmetrischen Beziehungen und spielt nur in Grenzen nach demokratischen Regeln. Als Lebensform steht sie für alles, was der Arbeits- und Freizeitgesellschaft lästig ist. Sie macht unflexibel und unbeweglich, sie fordert Rücksicht und Weitsicht, lebenslange Bindungen und das konsequente Denken vom anderen her. Sorge und Fürsorge bremsen die Arbeit am eigenen Ich. Familie und Kapitalismus vertragen sich nur schwer, denn Familienglück lässt sich nicht kaufen.

Familie ist der Inbegriff der Unfreiheit. Die Momente der Liebe, der Zuwendung und der Geborgenheit werden als heilsamer Zwang erlebt. Dann ist Familie eine Entlastungsgemeinschaft. Doch nicht mal ein begeisterter Familienmensch kann die anderen Momente verhehlen: die der Pflicht und der Bindungen, die man zwar lockern, aber nicht loswerden kann. Kinder und alte Eltern hemmen Karriereträume. Sogar der Familienbetrieb kann zur Bürde werden, wenn das einzige Kind lieber Künstler werden will. Familie ist eine Verantwortungsgemeinschaft. Wir können sie durch Wahlverwandtschaften erweitern. Lebensgeschicke ermöglichen Zweitfamilien, Neuanfänge, Adoptionen. Wir können dem Geburtsort ebenso entkommen wie den ererbten Lebensidealen. Der Familie entkommen wir nicht.

Lange Zeit war sie vor allem ein ökonomischer Zusammenhang, ein Vertrag der Vorsorge und der Fürsorge, zu dem auch die gehörten, die mit der Familie lebten: die Mägde und Knechte, sogar das Vieh. Erst im 18. Jahrhundert wird das Familienideal zu jenem Liebesverband, von dem wir heute träumen. Auch Kindheit als geschützte Phase spielerischer Selbstwerdung entsteht in dieser Zeit. Wen wundert es, dass zeitgleich das bürgerliche Weihnachtsfest erfunden wird, das nicht mehr in der Kirche, sondern im Wohnzimmer sein Allerheiligstes sucht.

Die Familie ist seitdem vor allem eine emotionale Kostbarkeit. Mit ihr verbindet sich nun ein Liebesideal zwischen den Generationen und zwischen den Geschlechtern, das mit religiösen Erlösungsvorstellungen ausgestattet ist, ein auf Dauer gestelltes Weihnachtsfest, wo der Überschwang der Liebe regiert. Kinder sind nun das Unterpfand dieser Liebe oder wenigstens der Versuch, das zerbrechliche Glück zu kitten.

Ganz ist die Familie der Ökonomie nie entzogen worden. Wenn Familie eine Verantwortungsgemeinschaft ist, dann hat das finanzielle Folgen. Wer einem jungen Paar vorrechnet, was Kinder kosten, kann sicher sein, dass es sich mit der Familienplanung noch Zeit lässt. Wer fordert, dass wir mehr Kinder brauchen, um die eigenen Renten zu sichern, zwingt die Familie in volkswirtschaftliche Diagramme. Wer aber erzählt einem Paar, wie kostbar das Leben mit Kindern ist?

Die Logik der Familie ist schon zerstört, wenn nach Renditen, auch nach emotionalen Renditen, gefragt wird. In der Familie gibt es nicht einmal ein Recht auf Dankbarkeit. Das Ideal des freien Individuums, das nur sich selbst verpflichtet ist, kommt in der Familie an eine Grenze. Die Bindung der Elternschaft, das soziale Netz der nahen und fernen Verwandtschaft und die Einsicht, dass wir auch als Erwachsene immer Kinder bleiben, lassen sich nicht abschütteln. Es gibt gute Gründe dafür, diese Netze zu flicken, wenn sie zerrissen sind. Bindungen jenseits des Ökonomischen bleiben, auch als gekappte. Der Bruder, mit dem man seit zehn Jahren nicht mehr redet, bleibt Bruder. Vielleicht stiftet die Szene von der Krippe und dem Kind, diese nicht ganz so heilige Familie, eine neue Nüchternheit.

Die Familie ist nicht der Hort der Glückseligkeit. Sie ist aber auch nicht das Gegenteil. Wir können sie als Widerpart in einer Welt entdecken, in der alles seinen Preis hat. Wir verdanken uns nicht nur uns selbst. Familie ist eine Tatsache, ein Geschenk und ein Zusammenhang, in dem Liebe keine Emotion, sondern eine Haltungsübung ist.

Petra Bahr ist Kulturbeauftragte der EKD und C&W-Kolumnistin.

Erschienen in:
Ausgabe 52/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Evangelisch, Familie