Notizen für die Ewigkeit
Nordischer Knoten
Aus: Christ & Welt Ausgabe 43/2011
Es soll nicht der Eindruck entstehen, die Fusion dreier evangelischer Kirchen sei eine Übernahme.
Die große Liebe ist es nicht. Wenn sich Pfingsten 2012 die drei evangelischen Kirchen von Nordelbien, Mecklenburg und Pommern das Jawort geben, werden weder Blumen gestreut noch Hochzeitsmärsche erklingen. Niemand schießt Salut. Romantische Gefühlsausbrüche sind nicht zu erwarten. Die Fusion der zwei kleinen ostdeutschen Kirchen mit dem mächtigen Nordelbien aus dem Westen vollzieht einfach mit 20 Jahren Verspätung die deutsche Wiedervereinigung unter Glaubensbrüdern und -schwestern nach.
Entsprechend nüchtern ist die Sprache der verfassunggebenden Synode, die nun vom 20. bis 23. Oktober in Heringsdorf auf Usedom tagt. Die 266 Synodalen beraten dort vier Tage lang über die rechtlichen Grundlagen und den Haushaltsplan für die künftige Nordkirche. Die Diskussionen der vergangenen Jahre, so Präses Heiner Möhring, hätten dazu beigetragen, „das gegenseitige Verständnis der drei Kirchen füreinander zu befördern und die besonderen Anliegen und die unterschiedlichen Traditionen tiefer kennenzulernen“.
Begeisterung klingt anders. Und doch liegt auch ein Hauch von Aufbruch in der Luft, wenn sich künftig drei sehr unterschiedliche Partner unter einem Dach versammeln. Zahlenmäßig fällt der Zusammenschluss kaum ins Gewicht. Von den insgesamt 2,4 Millionen Mitgliedern der neuen Nordkirche stammen aus Mecklenburg und Pommern gerade einmal 300?000 Gläubige. Den Löwenanteil stellt mit 2,1 Millionen Mitgliedern die Nordelbische Kirche. Davon leben allein in den beiden Kirchenkreisen Hamburg-Ost und -West 750 000 Mitglieder.
Doch die Machtfrage haben die Synodalen aus Nordelbien bewusst nicht gestellt. Sie wollten auf jeden Fall den Eindruck vermeiden, bei dem Zusammenschluss handele es sich um eine Übernahme, wenn auch eine freundliche. Der künftige Bischofssitz der Nordkirche ist deshalb Schwerin und nicht Hamburg. Kiel behält dafür das Landeskirchenamt. „Wir sind die erste Kirche, die ihre Leitung in ein neues Bundesland verlegt“, stellt Norbert Radzanowski, Pressesprecher der gemeinsamen Kirchenleitung, klar. Beim Zusammenschluss des Norddeutschen Rundfunks mit Mecklenburg-Vorpommern sei die Zentrale in Hamburg geblieben.
Nicht nur bei der Synode in Heringsdorf, auch nach der Umsetzung der Fusion ist weiterhin viel Kompromissbereitschaft gefragt. Rund 15 Prozent sollen durch die Fusion an Verwaltungskosten eingespart werden, die Gehälter zwischen neuen und alten Bundesländern bis 2018 aneinander angeglichen und in der Diaspora neue Mitglieder gewonnen werden. Gerade beim Thema Geld ist der Graben zwischen den Kirchen in den alten und neuen Bundesländern groß. Während es in Nordelbien üblich ist, Gewerkschaften an Tarifverhandlungen zu beteiligen, sind sie in Mecklenburg und Pommern bei Gehaltsverhandlungen als Partner nicht zugelassen. Wird sich der sogenannte Dritte Weg ohne Gewerkschaften und ohne Streikrecht in der neuen Landeskirche durchsetzen? Kann eine Kirche auch mit weniger finanziellen Mitteln, sinkenden Mitgliederzahlen und schwindender religiöser Bindung wachsen? Die drei Landeskirchen im Norden haben sich in ein Labor verwandelt. Sie proben eine deutsche Wiedervereinigung auf Augenhöhe, diesmal ohne Ausverkauf und Abwicklung.





