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Nix wie weg!

Aus: Christ & Welt Ausgabe 46/2012

Pflegebedürftigen Menschen ohne Geld droht ein neues Horrorszenario: Wer die teuren Heimkosten nicht aufbringen kann, wird ins billigere Osteuropa ausgelagert. Was so grausam klingt, kann vielleicht die menschlichere Alternative zu deutschen Zuständen sein

Sie müssen mich kennen! Ich bin doch aus Nordrhein-Westfalen!“ – Die verwirrte alte Frau hat an diesem frostigen Oktobermorgen all ihre Sommerkleider übereinandergestreift. Sie spricht vor dem abgelegenen Supermarkt Passanten an. Panisch und wahllos. Sie findet sich in einer Stadt wieder, in der sie noch niemals war, deren Bewohner offenkundig einen ganz anderen Dialekt sprechen als ihren, immerhin noch Deutsch.

Dass ihre Verwandten sie vor fünf Tagen in diese Fremde geschafft haben, das sagen den besorgten Passanten erst die freundlichen Pfleger, die eine Kassiererin rief. In die Wohngruppe für Demenzkranke wird sie sich schon noch einleben. Wo ihr eigentliches Zuhause ist, ist ihr entfallen. Als unbestimmtes Gefühl aber ruft es noch nach ihr. Schon klar: Sie wäre auch im Vertrauten verloren, in ihrer Umgebung. Doch diese Umgebung weiß wenigstens, wohin sie gehört, und könnte sie, wenn sie sich wieder im Gewohnten verirrt, heimbringen.

Was aber, wenn die Pflegeeinrichtung in der Slowakei, in Ungarn, in Tschechien, in Spanien oder gar in Thailand liegt? Darf die eigene Familie, wie es immer öfter der Fall ist, demente Verwandte in ein Billiglohnland auslagern, nur weil die häusliche Pflege nicht mehr zumutbar oder die Heimkostenzuschüsse nicht mehr tragbar sind? Fern von daheim zu sein, jeglicher sozialen Kontrolle durch Angehörige und deutsche Behörden entzogen, ausgeliefert einer geldgierigen Mafia aus unausgebildeten Pflegekräften, die kein Wort verstehen – dieser Gedanke ist Öl ins Feuer der Empörungsraffinerie, moralischer Treibstoff erster Güte, der es sogar letzten Sonntag in die Talksendung von Günther Jauch geschafft hat.

Solche Horrorszenarien gibt es tatsächlich. Allerdings in Deutschland! Ein Fernsehmagazin deckte im Sommer die kriminellen Machenschaften privater russischer Pflegedienste in Berlin auf, die nicht erbrachte Leistungen abrechneten. Die Betreuerinnen waren ungelernte Schwarzarbeiterinnen, deren Deutschkenntnisse nicht ausreichten, um den Beipackzettel wichtiger Arzneien zu lesen. Einer Überprüfung entzog sich die Firma, indem sie die Patientin in eine fremde Wohnung verschleppte und dort der Tochter den Zutritt verwehrte.

Den Berliner Behörden sind diese Delikte bekannt, gravierender Personalmangel hindert aber selbst den Medizinischen Dienst der Krankenkassen daran, die Razzien zu verschärfen. Personaldruck und Arbeitsbelastung gelten als Ursache von Misshandlungen älterer Menschen in Deutschland: In Rheinfelden soll eine über den Zeitarbeitsdienst tätige Pflegekraft eine 93-jährige demente Frau schwer misshandelt haben. Im Juni flogen in einem Seniorenzentrum in Saarbrücken zwei Krankenpfleger auf, denen vorgeworfen wird, einige Schützlinge gequält und manche zu Tode gefoltert zu haben.

Wer beherzigte da nicht lieber das Credo der Bremer Stadtmusikanten: „Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden.“ In Osteuropa und in Spanien gibt es auch motivierte, gut ausgebildete Pflegekräfte, die auf Arbeit warten und ihre Kinder zu Hause versorgen müssen. Während ein Heimplatz der Pflegestufe 3 in Deutschland 2900 Euro kostet, wird dafür in der Slowakei etwa nur ein Drittel berechnet. Die dortigen Preise werden nicht auf Kosten gedrückter Personalausgaben erzielt.

Weil sich dieses neue Marktsegment erst noch behaupten muss, ist hier die freiwillige Selbstkontrolle größer als bei hiesigen etablierten Pflegeinstitutionen. Auch durch diese ist eine Kontrolle garantiert: Schon allein aus Konkurrenzneid lassen sie die neuen Mitbewerber nicht aus den Augen.

Angesichts solcher Zustände sollte man nicht immer nur die überforderten Angehörigen moralisch in die Pflicht nehmen. Drei Generationen leben nun mal nicht mehr wie in einem Schwarzwaldhaus unter einem Dach, wo die gegenseitigen sozialen Verpflichtungen geregelt waren.

Heute sind wir alle gnadenlos zur Mobilität verurteilt, die sich sogar noch über die Zeit unseres Ablebens erstreckt. Für eine verbilligte Einäscherung treten wir im Discount-Sarg eine Autoreise nach Polen an und können froh sein, wenn wir, wie unlängst geschehen, dabei nicht abhandenkommen.

„Einen alten Baum verpflanzt man nicht.“ Das ist mehr als eine alte Försterweisheit. Aber haben wir nicht schon längst unsere pflegebedürftigen Alten aus dem öffentlichen Bewusstsein entsorgt und einer Pflegemaschinerie überantwortet, in der es für individuelle Betreuung kaum noch Raum gibt? Wir spielen den Empörten, bloß weil sich mit der Auslandspflege eine Option eröffnet.

Diese macht Druck auf unser schlechtes Gewissen, alte Irrwege zu verlassen. Wege, über die jeder klagt, an denen aber viele sehr gut verdienen. Diese Alternative führt uns einmal mehr deutlich vor Augen, wie weit wir uns von unseren eigenen humanen Ansprüchen entfernt haben. Betroffene Familien und unterbezahltes Pflegepersonal sollten ihre Kritik an der Gesundheitspolitik besser koordinieren. Die Misere ist hausgemacht!

Soll sich eine Nation schämen, die Menschen auf ihre alten Tage in ein anderes Land entsorgt wie ihren Hausmüll? Als Verteidigung reicht da das altbekannte demografische Stöhnen nicht mehr aus. Die hiesigen Nutznießer am maroden Gesundheitswesen dürfen nicht aus ihrer Verantwortung entlassen werden, wo die schlechteste Pflege für sie immer noch ein Milliardengeschäft ist. Wohlfahrtsverbände, kirchliche eingeschlossen, betätigen sich lieber als Bauträger, als ihre Altenpflege menschlicher zu gestalten. Das Geld der Bewohner wird in neue Häuser gesteckt, statt dass es sich in gerechteren Löhnen auszahlt.

Womöglich erklärt das auch den Mangel an Motivation, der in den Pflegeberufen grassiert. „Wenn alte Menschen nicht an die frische Luft kommen, wenn sie nicht ausreichend zu essen und zu trinken bekommen, dann ist nicht nur der Pflegenotstand schuld. Dann krankt es auch an der Haltung derer, die in der Pflege arbeiten“, meint der Publizist Claus Fussek, prominenter Kritiker der deutschen Altenbetreuung. Ausreden lässt er nicht gelten: „Pflegekräfte beklagen, dass sie keine Zeit für ein freundliches Wort haben – ein unfreundliches dauert genauso lange.“

Erschienen in:
Ausgabe 46/2012
Redakteur:
Andreas Öhler (Redakteur)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Innenpolitik, Ethik, Medien, Wirtschaft