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Brief an die Bundeskanzlerin

Neujahrsansprache

Aus: Christ & Welt Ausgabe 49/2011

Statt Langeweile as every year: Wie wäre es mit ein paar offenen Sätzen, wohin es im nächsten Jahr gehen soll?

in den Denkstuben des Kanzleramts und an den Laptops des Bundespresseamtes brüten Ihre Redenschreiber schon über der Neujahrsansprache 2012. Wie jedes Jahr. Und den Technikern von ARD und ZDF wird wie jedes Jahr besondere Sorgfalt beim Abspielen der TV-Aufzeichnung ans Herz gelegt, damit sich die peinliche Panne von 1986 nicht wiederhole, als Helmut Kohls Fernsehansprache aus dem Jahre 1985 nochmals abgespult wurde. Und wie jedes Jahr – so fürchte ich – wird auch Ihr Neujahrsaufsager 2012 dem traditionellen Muster aller Kanzleransprachen zum Jahreswechsel folgen. Die Lage ist ernst, die Regierung hat das Beste daraus gemacht und wird es auch im kommenden Jahr tun, werden Sie sagen. Dann werden Sie die Bürger loben und ihnen schon mal im Voraus Anerkennung für ihr Engagement im Jahr 2012 zollen. Natürlich darf auch die obligatorische Prise Kritik nicht fehlen und die eine oder andere menschelnde Zutat. Gleich, wie ein Jahr verläuft, gleich, was das nächste ankündigt, die Inszenierung der Neujahrsansprachen der Bundeskanzler bleibt, was sie seit je ist: verschrobenes Kammerspiel. The same procedure as every year.

Kein Wunder also, dass es niemandem auffiel, als Helmut Kohls verjährte Ansprache noch mal gesendet wurde – außer den unmittelbar Beteiligten. Die Bürger haben aber gerade an diesem Silvesterabend eine solch schiefe Inszenierung auf keinen Fall verdient. Und Ihnen selbst, Frau Bundeskanzlerin, steht sie ebenso wenig an. Zu viel ist in diesem Jahr geschehen. Zu unruhig verspricht das nächste zu werden. Manches scheint auf den Kopf gestellt, auch durch Sie selbst und Ihre Politik. Ein Großteil davon bleibt unverstanden, weil unerklärt. Wäre das nicht ein toller Vorsatz fürs nächste Jahr: Die Bundeskanzlerin spricht Klartext und gibt bekannt, wo sie zu stehen glaubt und wohin sie gehen will? Das wäre Sensation und Glaubwürdigkeitsschub zugleich! Gerade unsichere Zeiten verlangen die öffentliche Positionsbestimmung verantwortlicher Politiker. Vor allem verunsicherte Bürger verlangen sie. Und sie haben ein Recht darauf.

In einem entscheidenden Moment unserer Republik, mitten in der heißen Diskussion um das neue Grundgesetz, hat Carlo Schmid diese für Demokraten so dringliche öffentliche Selbstverortung begründet. „Wie der Ingenieur, der mit Rechenschieber und Logarithmentafel umzugehen hat, sein Physikbuch hervorholt, um den Ort seines Wirkens im System der Mechanik genau festzustellen“, so müssten verantwortungsbewusste Politiker sehen, „in welchen Bereichen wir uns denn eigentlich zu bewegen haben.“ Als Naturwissenschaftlerin müssten Sie von dieser Sicht eines Politikers sehr angetan sein. Man muss nicht viel reden, um zu zeigen, wo man steht. Nutzen Sie Ihre Neujahrsansprache! Diese Rede, Frau Bundeskanzlerin, würden die Techniker in den MAZ- Zentralen der öffentlich-rechtlichen Sender sicherlich nicht verwechseln. Das sei Ihnen versprochen.

Nikolaus Brender war Chefredakteur des ZDF.

Erschienen in:
Ausgabe 49/2011
Redakteur:
Nikolaus Brender (Kolumnist)
Thema:
Brief an die Bundeskanzlerin
Stichworte:
Innenpolitik, Medien