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GLEICHBERECHTIGUNG

Nein fürs Leben

Aus: Christ & Welt Ausgabe 41/2012

Schwulen- und Lesbenverbände kämpfen für die Homo-Ehe. Doch längst nicht alle aus der Szene wollen so bürgerlich leben

Lasse will nicht von Familienministerin Schröder beglückt werden. Der 29-Jährige lehnt sich zurück im Secondhand-Sofa des „Queer-Referats“ der Universität Hamburg. Der Raum ist vollgepackt mit Büchern. „Eine revolutionäre Sexualität ist nötig!“, fordert ein Plakat. Darüber prangt das Konterfei Che Guevaras: Dem kubanischen Revolutionsführer wurde das bunt geschminkte Gesicht Marilyn Monroes verpasst. „Es sollten eben nicht alle müssen, was Kristina Schröder will“, sagt Lasse.

Denn während im Bundestag mittlerweile sogar die CDU als letzte Partei die Homo-Ehe gut findet und einige Abgeordnete, darunter Familienministerin Kristina Schröder, sie sogar lautstark fordern, fragen sich die, die es angeht, immer öfter, ob sie diese Art von Gleichstellung überhaupt wollen. „Der Staat darf kein Beziehungskonzept privilegieren“, sagt Lasse. Menschen sollten selbst entscheiden dürfen, ob sie „monogam oder hetero leben“. Diejenigen, die Verantwortung füreinander übernehmen, müssten Unterstützung bekommen. Ganz egal, ob sie Mann, Frau oder etwas dazwischen sind, und wen oder wie viele sie lieben.

Früher wollte Lasse mal Musicaldarsteller werden. Davon zeugt sein trainierter Oberkörper noch heute. Er zeichnet sich deutlich ab unter seinem T-Shirt, das so kurz geschnitten ist wie seine dunklen Haare. Seine Mutter hat sich zu ihrer Homosexualität bekannt, als er 13 Jahre alt war. Heute lebt sie mit ihrer Partnerin zusammen. Das Outing der Mutter war für Lasse nie ein Problem – im Gegensatz zu ihr. Lasses Mutter unterrichtet katholische Religionslehre.

Dass er selbst homosexuell ist, habe nichts mit seiner Mutter zu tun. Seine sexuelle Orientierung habe er sich erst spät eingestanden. „Lange sagte ich mir: ‚Ich bin nicht schwul, ich hab nur Sex mit Männern.‘“ Konzepte wie „Rasse“, „Klasse“, „Nation“ und „Geschlecht“ werden in den Gender-Studies nur in Anführungszeichen akzeptiert. „‚Normalität‘ gibt es nicht“, sagt Lasse, der gerne Philosophen wie Judith Butler, Michel Foucault und Jacques Derrida zitiert. „Mit der eingetragenen Partnerschaft werden nur die Lautesten befriedet.“ Faktisch würden alle anderen Lebenskonstrukte rechtlich und strukturell ausgegrenzt. Nur wenn sich Beziehungen an der Norm orientierten, akzeptiere sie die Gesellschaft. Für Lasse hat die Norm eine klare Erscheinung: Vater, Mutter, Kind, Golden Retriever. Ein Klischee trifft das andere, und dafür gibt es in den Gender-Studies sogar einen Namen: „Heteronormativität“. Demnach wird die verschiedengeschlechtlich monogame Paarbeziehung von Staat und Gesellschaft unrechtmäßig begünstigt.

Für Lasse ist die Sache klar: Homosexuelle Paare werden durch die eingetragene Partnerschaft ruhiggestellt. „Diskriminierung kann man nicht abschaffen, indem man den Kreis der Privilegierten erweitert.“ Lasse will lieber die Ehe ganz abschaffen. Was es bedeuten würde, wenn sie nicht mehr wäre, interessiert ihn nicht. Auch nicht, dass die Mehrheit der Menschen sie immer noch will.

Daran würde auch die Homo-Ehe nichts ändern, über die Deutschland seit einiger Zeit wieder vehement diskutiert. Hunderte Leitartikel wurden dazu geschrieben, kaum ein Politiker, der zu dem Thema kein Interview gab, keine Talkshow ohne Solidaritätserklärung mit unseren homosexuellen Mitbürgern. Immer dabei und in vorderster Linie: Volker Beck, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen, Vorzeige-Homosexueller des Deutschen Bundestages und gern gesehener Gast der Kölner Karnevals-Tanztruppe „Die Rosa Funken“. „Die Argumente von vor 25 Jahren“, sagt Beck am Telefon, „tauchen wieder auf: Die Homosexuellen gefährden den Wohlstand und Fortbestand des deutschen Volkes, sie sind nicht reproduktiv, und die Ehe sei nur geschützt, um Kinder zu kriegen.“

In Sachen Homosexualität hat Volker Beck auch in seiner Community Deutungshoheit erreicht. Seine Anhänger würden mit ihm bis zum Äußersten gehen. Trotzdem: Wenn es um Fragen geht, die Homosexuelle in Deutschland betreffen, ruft man Volker Beck. Seit über 20 Jahren kämpft der 52-Jährige für Menschen, die ein ganz normales Leben führen wollen – Karriere machen, Kinder großziehen, zusammen alt werden – und nur einen Makel haben: Sie sind homosexuell.

Viele von ihnen warten auf die staatliche Anerkennung ihrer Beziehung. Sie wollen Kinder adoptieren und auch außerhalb der Besuchszeiten ans Krankenbett ihrer Liebsten. Wenn der Partner stirbt, wollen sie ihn beerben dürfen. Es ist die ganz normale Bürgerlichkeit, die Volker Beck auch für Homosexuelle beansprucht. Das Problem ist nur: Eine Minderheit fühlt sich neuerdings nicht mehr von ihm repräsentiert. Manche wollen gar nicht so bürgerlich und „normal“ sein.

Auch Ines-Paul Baumann ist alles andere als „normal“. Dafür steht der Pastor der Kölner Freikirche „Metropolitan Community Church“ (MCC) mit seinem Namen. Lediglich seinen weiblichen Vornamen hat er behalten. Sonst lässt nichts darauf schließen, dass er einmal eine Frau war. Der 42-Jährige trägt Bart und Glatze. Andere kleben sich einen Fisch auf die Heckklappe ihres Autos, Ines-Paul hat sich das Zeichen der ersten Christen auf den Unterarm tätowieren lassen. Die stilisierte Form ist gefüllt mit großen
Lettern: „J-E-S-U-S“.

Die Ehe, wie sie heute gedacht wird, sei eine sehr junge Erscheinung und ständig im Wandel, sagt Ines-Paul. Zudem werde sie sehr unterschiedlich gelebt. Je nach Prägung, Religion und Herkunft bestehen unterschiedlichste Vorstellungen davon, was Ehe ist. Die Ehe, die sich die meisten Menschen wünschen, hält er für eingeschränkt, patriarchal und kapitalistisch. „Die Leute sprechen trotzdem immer von der ‚christlichen Ehe‘.“ Dabei lasse sich gerade diese Idee von Ehe kaum mit biblischen Vorbildern begründen, glaubt Ines-Paul. Der Pastor zückt die Bibel und nennt einige Beispiele: Maria und Martha, die als Schwestern zusammenlebten. König David, der Hunderte Frauen hatte und dessen Beziehung mit Jonathan von Liebe getragen ist. Hatte David etwa auch Gefühle für Männer? Und wie ist es mit Paulus, der sich für ein zölibatäres Leben entschied, den Adressaten seiner Briefe aber die Wahl ließ.

Oder Rut und Noomi: Zwei Frauen, so der Pastor, die zusammen ihren Lebensweg gehen und deren Worte füreinander bei Traugottesdiensten auch von heterosexuellen Paaren gerne gewählt werden. Bei Beziehungen, so Ines-Paul Baumann, gehe es eben nicht zuallererst um Sex und auch nicht um die sexuelle Orientierung. Es gehe um Fürsorge, um Verantwortung, um Liebe. Mit seiner Gemeinde versucht er genau hier anzusetzen. Inmitten von Schrott- und Autohandelsbetrieben treffen sich die Angehörigen der Freikirche in der Vogelsanger Straße im Kölner Norden. Sakraltrash in Form von bunten Heiligenbildchen trifft auf eine regenbogenfarbene Jalousie, die an diesem Tag die blendende Sonne draußen hält. Freundlich begrüßt der Pastor die Gäste in den Räumlichkeiten, die eher an eine Autowerkstatt als an ein Gotteshaus erinnern. Eine Beamerprojektion weist freundlich darauf hin, dass zum Empfang der Verheißung Gottes kein Handyempfang nötig ist.

Etwa 20 Leute feiern hier jeden Sonntag Gottesdienst. Alle sind willkommen. Die unterschiedlichsten Menschen kommen in der MCC Köln zusammen. Hier gibt es weder Homo noch Hetero, weder Mann noch Frau, weder Katholikin noch Protestantin. Grenzen verschwimmen. Gott ist hier wechselweise weiblich und männlich. „Viele kommen hierhin, weil sie von anderen Gemeinden enttäuscht sind“, sagt Baumann. Ihm ist es wichtig, nicht als Konkurrenz zu anderen Gemeinden wahrgenommen zu werden. „Letztendlich machen wir hier nichts anderes, als Gottesdienst zu feiern.“ Oft, erzählt er, würden Außenstehende sie auf das Thema Sex reduzieren. Dabei gab es noch nicht einen einzigen Gottesdienst zu diesem Thema. „In anderen Gemeinden spielt Sex ja keine geringere Rolle als bei uns“, ist er überzeugt. „Nur wird das dort nicht so offen ausgesprochen und nicht so vielfältig in die Spiritualität integriert.“

Auch er beobachtet, dass sich Homosexuelle immer mehr an die Norm anpassen. Längst schon hätten Veranstaltungen wie der Christopher Street Day an Vielfalt eingebüßt. „Die Szene verrät sich“, indem sie sich verbürgerlicht, stellt Baumann fest. „Viele trauen sich längst nicht mehr, Farbe zu bekennen, und schon gar nicht Lack oder Leder.“ Zu wichtig sei den Leuten die Anerkennung der Mehrheitsgesellschaft. Nur so, glauben sie, sei Akzeptanz möglich.

Die Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Lisa Duggan spricht von der Imitation der idealisierten heterosexuellen Beziehung durch Homosexuelle und prägte für dieses Phänomen den Begriff der „Homonormativität“. In Anlehnung an die „Heteronorm“ geht es in diesem Fall aber eben um Vater-Vater-Kind oder Mutter-Mutter-Kind. Die klassischen Rollenbilder werden auf die Homosexualität übertragen. Das ist sogar mittlerweile für die CDU akzeptabel, wo konservativ zu sein auch bedeuten kann, schwul zu sein.

Homosexuelle nehmen heute ihren zugewiesenen Platz im neukonservativen Schauspiel ein und tragen dank neuester Technik sogar zur Reproduktion bei. Einem christdemokratischen Wahlerfolg, das hat Kristina Schröder verstanden, muss die sexuelle Orientierung ihrer Wählerinnen und Wähler nicht mehr im Weg stehen.

Volker Beck steht für diese Form der Homosexualität, die niemanden mehr provoziert: Beck sieht gut aus, ist charmant, aber kein Softie, er sagt, was er denkt. Beck arbeitet hart und ist verlässlich. Am wichtigsten aber: Sein Schwulsein fällt nicht auf. So sind sie gern gesehen, die Homosexuellen. Solange sie nicht auffallen und niemanden belästigen. „Die Zusage zweier Menschen, füreinander einzustehen“, sagt er, „und das lebenslang vertraglich zu vereinbaren, ist grundsätzlich schützenswert.“

Seit Volker Beck für die Öffnung der Ehe kämpft, hat sich die Situation Homosexueller in Deutschland entschieden gebessert, ob beim Unterhaltsrecht, beim Prozessrecht oder bald vielleicht auch beim Steuerrecht. Und konservativ ist Beck eh: „Dass Menschen viel Sex mit verschiedenen Partnern haben, dafür brauchen wir kein Gesetz, solange es keines gibt, das das verbietet.“ Da würde von Kristina Schröder bis Norbert Geis wohl auch jeder in der Union zustimmen. Und wie jeder gute Konservative weiß auch Volker Beck ungeliebte Reformforderungen aus den eigenen Reihen wegzumoderieren. So sei die Kritik an der Öffnung der Ehe innerhalb der Szene inzwischen kaum noch wahrnehmbar. „Viele, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren diese Kritik vorgebracht haben, sind inzwischen selbst verpartnert“, sagt Beck, ohne wahrhaben zu wollen, dass da eine neue Generation nachgewachsen ist, die nicht nach Verbürgerlichung giert. Vielleicht war sie bislang nicht laut und nicht organisiert genug. Vielleicht sind ihre Forderungen noch zu diffus.

Für Pastor Ines-Paul Baumann geht es im Kern um die Frage, ob Vielfalt gewollt ist, ob sie bereichernd erlebt wird – oder ob der Wunsch nach Ordnung, Struktur und Sicherheit in Gleichmacherei und Ausgrenzung endet. Die Sehnsucht nach Sicherheit kann er nachvollziehen und hält sie für berechtigt. Doch wie zu einem Kind, das es noch immer nicht kapiert hat, sagt er wieder und wieder: „Wir haben einen Riesenfarbkasten! Warum sollten wir nur zwei Farben nutzen und das immer gleiche Bild malen?“

Erschienen in:
Ausgabe 41/2012
Redakteur:
Hannes Leitlein ()
Thema:
Gesellschaft
Stichworte:
Familie, Innenpolitik, Sexualität, Lebensstil