Weltbild
Nackte Fakten, nackte Angst
Aus: Christ & Welt Ausgabe 48/2011
Die katholischen Bischöfe wollen den umstrittenen Medienkonzern verkaufen. Hat der Papst das gemeint, als er von Entweltlichung sprach? Die Kirche ringt um eine saubere Position, mit nicht immer sauberen Motiven.

In dem Kinofilm „Der bewegte Mann“ gönnt sich die schwangere Kellnerin Doro eine Zigarettenpause auf der Toilette. Sie hört nebenan ein Pärchen beim Liebesspiel. Sie verschafft sich einen Blick über die Trennwand und ertappt den Vater ihres ungeborenen Kindes in flagranti. „Ich kann das erklären. Es ist nicht so, wie du denkst“, stammelt der treuherzig.
„Der bewegte Mann“ ist kein cineastisches Kunstwerk, das auf feuilletonverzückende Weise die Welt erklärt. Als Kulturmensch schämt man sich heute dafür, vor vielen Jahren über ein so niedrigschwelliges Humorangebot gelacht zu haben, noch dazu, wenn Til Schweiger den untreuen Kerl spielt. Die beschriebene Szene aber bleibt unvergessen, denn sie erklärt die Welt mehr, als uns lieb sein kann. Die Situation wiederholt sich außerhalb der Kino-Nasszelle nur zu oft und meist sind die Protagonisten voll bekleidet. Ob in der Politik oder im Kulturbetrieb, am Arbeitsplatz oder in der Küche. Am Ende ist es doch so, wie anfangs gedacht. Bloß schlimmer. Und fast jeder von uns dürfte schon einmal, zweimal, dreimal in Bedrängnis diesen Ich-kann-dir-alles-erklären-Satz geraunt haben.
Die Erfolgskomödie aus den frühen Neunzigern ist derzeit preiswert zu haben, beim umstrittenen Medienhändler Weltbild zum Beispiel für 8,99 Euro. Wer sich das Schnäppchen noch einmal anschaut, kommt auf komische Gedanken: Steckt nicht die katholische Kirche gerade in einer ähnlich peinlichen Situation wie Til Schweiger damals im Film? Es sieht so aus, als habe Mutter Kirche mit dem Kapitalismus Unzucht getrieben und sich dabei erwischen lassen. Die Boulevardmedien haben durchs Schlüsselloch gelinst und schnell getitelt: „Katholische Kirche verdient Geld mit Pornos“.
Eher resigniert als voyeuristisch fragen sich viele Katholiken: Wie kann es sein, dass die Erzieherin im katholischen Kindergarten ihre Arbeitsstelle verliert, wenn sie nach einer Scheidung wieder heiratet? Und wie kann es gleichzeitig sein, dass Weltbild, dieses Ergebnis der Liaison aus Kirche und Kapitalismus, die Kundschaft mit „Anwaltshuren“ und „Schlampeninternaten“ unterhalten darf? Wie dereinst die betrogene Doro möchten die Fragenden an das Gute glauben, stillschweigend aber haben sie sich mit der Doppelmoralanstalt arrangiert. Zweierlei Maß ist doch auch ganz menschlich.
Lauter als die Stillschweiger sind jene Katholiken, die für eine saubere Kirche in der schmutzigen Welt kämpfen. Sie wähnen sich in der Gewissheit, den päpstlichen Entweltlichungsauftrag auszuführen. Hätten diese Christen eine Rolle im Film, so würden sie die Tür aufbrechen, das unsittliche Treiben beenden und nach dem Händewaschen ein Schild „Zu verkaufen“ an die Fenster des Lokals kleben. Gern möchte man ihnen glauben, dass ihre Beweggründe lauter sind.
„Wir sind nicht so, wie ihr Beobachter immer denkt“, weisen Bischöfe Gläubige und Journalisten gern zurecht. Nach den vergangenen Wochen müssen gläubige Journalisten erwidern: Nein, eher schlimmer, jedenfalls nicht besser als die Politik. Das Thema Entweltlichung verdient eine ernsthafte Auseinandersetzung. Der Papst hat zu verstehen gegeben, dass es nicht genügt, wenn die Bischöfe mit dem Finger auf andere zeigen. Er wünscht sich in seiner Heimat eine andere Kirche. Die Weltbildaffäre ist daher keine Petitesse. Sie zeigt in großen Lettern: Wir kehren vor der eigenen Tür. Der Wettbewerb um die Deutungshoheit über Benedikts Wortschöpfung hat begonnen. Wer ihn gewinnt, qualifiziert sich für den Vorsitz der Bischofskonferenz.
Ins Ringen um den richtigen geistlichen Weg mischen sich höchst weltliche Ambitionen. In Tausenden Mails haben sehr papsttreue Katholiken bei ihren Oberhirten die „Entweltbildlichung“ angemahnt. Die Reinheitsoffensive hat einen Schönheitsfehler: Viele Schreiben gingen in Kopie ans vatikanische Staatssekretariat. So verbindet sich Desinfektion mit Denunziation, Eifer mit Geifer. Die Bischofskonferenz, namentlich ihr Sekretär, geriet in Verdacht, den päpstlichen Worten nicht Folge zu leisten. Die Weltbild-Mehrheit gehört zwölf einzelnen Diözesen, ein knappes Viertel hält der Verband der Diözesen (VDD). Für diesen VDD-Anteil ist der Sekretär der Bischofskonferenz zuständig. Der Angegriffene hätte zu seiner Entlastung anführen können, dass ihm der Schmuddelkram vor die Tür gekippt wurde; es ist nämlich jener Anteil, den der Kölner Erzbischof aus Protest weggeworfen hatte. Es fand sich dafür kein Käufer, die Kirche wurde den Schmutz nicht los. Moral refinanziert sich erst im Himmel.
Doch der Sekretär sagte all das nicht. Stattdessen kanzelte der ansonsten besonnene Mann zunächst öffentlich das Zentralkomitee der deutschen Katholiken ab. Das Laiengremium hat jüngst die Zulassung weiblicher Diakone gefordert. Die harsche Reaktion aus dem Bonner Sekretariat klang so, als habe das ZdK eine 99-Prozent-Frauenquote für den deutschen Episkopat verlangt. Blanke Nerven, blanke Angst. Von einer Zerreißprobe in der Bischofskonferenz berichten Insider.
In der Kinokomödie mit Til Schweiger spielt eine Männergruppe eine gewisse Rolle. Die gibt zwar eine komische Figur ab, doch immerhin sprechen die Teilnehmer aus, was sie bewegt. Die Deutsche Bischofskonferenz könnte etwas vom Geist dieser Gruppe gebrauchen. Die Würdenträger müssen nicht, wie profane Promis, jede Befindlichkeit öffentlich erklären, aber sie brauchen ein Verfahren, um Konflikte sauber auszutragen. Erst dann kann ein Ja wieder ein Ja und ein Nein wieder ein Nein sein. Wer Reinheit sagt, aber Der-muss-weg meint, wer die Wahrheit im Munde führt, aber eigene Ziele nicht benennt, kann seine Hände kaum in Unschuld waschen.
Porentiefe Reinheit gibt es nur in der Waschmittelwerbung. Der Verband der Diözesen ist nun entschlossen, „ohne jeden Verzug“ den Verkauf von Weltbild voranzutreiben. Kaum ist der Papstbesuch vorbei, soll auch diese Affäre zwischen Kirche und Kommerz zu Ende sein. Sensationell schnell. Doch wenn sich die Bischöfe von Weltbild verabschieden, bleiben Pornos in der Welt. Vielleicht stellt sich beim Jüngsten Gericht heraus, dass Intrigen ebenso verwerflich sind wie außereheliche erotische Betätigungen.





