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Erotische Literatur

Mutzenbachers Meriten

Aus: Christ & Welt Ausgabe 47/2011

Zensiert, geschmäht, heimlich geliebt und noch heimlicher gehandelt, begleiten uns pornografische Schriften durch alle Epochen. Und das ist gut so! Bekenntnisse eines lesenden Lüstlings

Meine gut bestückte Hausbibliothek kann mit drei stattlichen Regalmetern aufwarten, auf denen die erotische Literatur ihren festen Platz hat. Keine Angst: Diese doch sehr anstößigen Werke stehen so weit oben, dass es dem Jugendschutz genügt. Aber keineswegs werden sie verschämt in der zweiten Reihe hinter „Brehms Tierleben“ versteckt oder gar mit einem Tarn-Einband versehen. Ich möchte schließlich nicht, dass ein unbefugter Schmökerer hinter dem Schutzumschlag von Klopstocks Oden auf die „Memoiren der Fanny Hill“ oder de Sades „Philosophie im Boudoir“ stößt. Die unvermutet aufwallende Klopstock-Begeisterung wäre in einem solchen Fall wohl nur schwer wieder in ruhigere Bahnen zu lenken.

In meiner Bibliothek zeigen auch die unzüchtigsten Werke selbstbewusst ihre frivolen Buchrücken, eingebunden in scharlachroten Samt oder schwarzes Leder. Soll denn Effi Briest sich lasziv auf dem Sonnendeck meines Literaturdampfers räkeln dürfen, während die Dirne Josefine Mutzenbacher als blinder Passagier mitreist? Nein! Die fiktiven Memoiren der Wiener Prostituierten, 1906 anonym herausgegeben, pikanterweise jedoch wohl vom „Bambi“-Autor Felix Salten verfasst, erregten schließlich genauso die Gemüter der verlotterten späten Habsburger Monarchie wie Theodor Fontanes Effi die der prüden Preußen.

Josefine Mutzenbacher Erinnerungen sind obszön und dennoch von beachtlicher stilistischer Qualität. Das unanständige Werk hat seine Meriten in der Literaturgeschichte verdient, wenn auch eher in deren dunklen Seitengassen. Es wurde unter dem Ladentisch gehandelt und stand lange auf dem Index der Zensur. Um diese zu umgehen, erschienen noch in den angeblich so gesitteten 1950er-Jahren der Bundesrepublik, nicht selten in renommierten Buchclubs, pornografische Schriften, die sich etwas hochgestochen als Kulturgeschichte der Sexualität ausgaben. Carl van Bolens „Geschichte der Erotik“ (1951) oder Richard Lewinsohns „Weltgeschichte der Sexualität“ (1956) verloren sich dann aber doch allzu sehr in sexuellen Details, um als seriöse Kulturstudien durchzugehen.

Ganz anders die in der Weimarer Republik erschienenen Werke. Karl Plättners „Eros im Zuchthaus“ ist der erste forschungsrelevante Sexreport aus dem Knast. Der renommierte Sexualforscher Magnus Hirschfeld stand dafür Pate. „Auf der Grundlage eigener Erlebnisse“ berichtete Plättner von der „Geschlechtsnot“ der Gefangenen und bezog mit deftigen Beispielen eindeutig Stellung. Auch in Leo Schidrowitz’ „Sittengeschichte des Hafens und der Reise“ von 1927 ist bereits der Text auf dem Titelblatt zum Niederknien: „Eine Beleuchtung des erotischen Lebens in der Hafenstadt, im Hotel und im Reisevehikel“. Wohl eher aus Versehen ist dem Autor, der unter einem hochgeschlossenen Deckmantel seine pornografischen Anzüglichkeiten zur Schau stellen wollte, eine kulturelle Studie gelungen. Mein Diplom-Ehrenwort als Soziologe: Selten habe ich eine profundere Quelle zur Sozialgeschichte des subkulturellen Hafenmilieus studiert!

Doch kein Mensch wird glauben machen können, dass er erotische Literatur goutiert, um Milieus zu erkunden. Kein Leser weidet sich an der „Lady Chatterley“, jener englischen Gutsherrin, die es mit ihrem Wildhüter treibt, um etwas über das Försterhandwerk zu erfahren. Auch ich besitze manches Buch, für das mir beim besten Willen keine Begründung einfiele, seinen Besitz moralisch oder, schlimmer noch, intellektuell zu rechtfertigen.

Dabei wissen wir doch alle, dass das älteste Gewerbe der Welt nicht das des Systemadministrators ist. Es fiel uns in den Schoß mit unserem Fall aus dem Paradies. Als Eva in den Apfel biss, erkannten wir, dass wir nackt waren. Wir schämten uns unseres Schambereiches und griffen in unserer Verlegenheit zum Feigenblatt. Mit diesem botanischen Notbehelf wurde gleichsam der Striptease etabliert, die ewige Lust am Verhüllen und Enthüllen, die die Menschheit fortan in Exhibitionisten und Voyeure teilte. Doch gerade dieses Wechselspiel zwischen Verhüllen und Enthüllen darf man getrost als das Urspiel der Gattung bezeichnen. Es moralisch zu verdammen hieße auch, das Wissen um das Wesen des religiösen Kultus zu verspielen. Denn gerade an den sakralen Orten so ziemlich aller Weltreligionen wird dieses Spiel tagtäglich rituell neu vollzogen. Das Allerheiligste verbirgt sich hinter einem Vorhang, wird den Blicken entzogen und nur in besonderen hoch aufgeladenen ekstatischen Momenten hervorgeholt. Entdecken ist hier das Synonym für Erkenntnis.

So erinnern mich die zahllosen Freudenmädchen und Zuchtmeister in meiner Bibliothek an den Sturz aus dem Paradies. Auf ewig streben wir es an, um mit Shakespeare zu sprechen, das „Tier mit den zwei Rücken“ zu werden. Eine paradiesische Sexualität gibt es nicht. Wir mögen unsere Unschuld verloren haben, eines aber haben wir gewonnen: Unsere Augenlust ist nicht mehr, wie einst im Garten Eden, mit Blindheit geschlagen.

Erschienen in:
Ausgabe 47/2011
Redakteur:
Andreas Öhler (Redakteur)
Thema:
Gesellschaft
Stichworte:
Kultur, Sexualität, Lebensstil