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Frauenspiritualität

Mutter Erde ruft ihre verlorenen Töchter

Aus: Christ & Welt Ausgabe 47/2011

Glauben Frauen anders? Christ & Welt schaut sich den Kosmos weiblicher Spiritualität an.

Mit hingebungsvollen Ritualen versuchen Frauen, Kontakt zu Mutter Erde aufzunehmen. FOTO: NADINE ZILLIGES

Ein Schrei. Es ist kein Hilfeschrei, er hat auch nichts Befreiendes. Er klingt so, als suche jemand seine eigene Stimme. Die Frau, die schreit, möchte ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Sie nennt sich Sarita. „Sarita“ bedeutet „Fluss der Liebe“, es ist ein spiritueller Name. Er verrät vielleicht mehr über das Selbstverständnis dieser Frau, die an diesem Sonntagnachmittag am Ufer der Spree in Berlin-Mitte steht und scheinbar ohne erkennbaren Anlass brüllt.

Es ist ein warmer Herbsttag. Die Sonne kippt ihr mildes Licht auf jene Stelle, wo einmal der Palast der Republik stand und wo das Berliner Schloss entstehen soll. Jetzt wächst hier eine Wiese. Jemand hat den Umriss eines Herzens ins saftige Grün des Rasens gemäht. Es gibt Menschen, die glauben, dies sei ein magischer Ort. Hier pulsiere das Herz der Stadt. Einer dieser Menschen ist Sarita. Man erkennt sie schon von Weitem. Eine geschmackvoll gekleidete Mittfünfzigerin im regenbogenfarbenen Rock und mit einem gefühlten Kilo Silberreifen um den Arm. Sie lässt sich zwar fotografieren, will von sich aber nur preisgeben, dass sie nach dem Tod des Vaters aus der katholischen Kirche ausgetreten ist. Sie sagt, die Kirche habe sich bis heute nicht für die jahrtausendelange Unterdrückung der Frau entschuldigt. Es klingt, als rede sie über sich.

Eben noch stand sie Hand in Hand mit neun Männern und Frauen im Kreis,
die Augen geschlossen, ein entrücktes Lächeln im Gesicht. Sie haben sich getroffen, um Kontakt mit Mutter Erde und den Elementen aufzunehmen. Man hörte, wie Sarita eindringlich rief: „Wir lieben dich, Wasser!“ Später wird sie sagen, dieses Ritual habe sie gereinigt. Regelrecht befreit habe sie sich nach dem Schrei gefühlt. Sie strahlt die Frau an, die zu dieser Zeremonie eingeladen hat: Christina M. Eine Lichtarbeiterin und Neo-Schamanin, so nennt sie sich selber, eine warmherzige Mittfünfzigerin mit wachem Blick und sorgenvoll zerfurchter Stirn.

Sie redet von der Welle des Maya-Kalenders, die an diesem Sonntag ende, vom Aufbruch in eine neue Zeit und davon, dass das Herz am Spree-Ufer genau der richtige Ort sei, um die nötige Energie zu tanken. Die Touristen, die träge in der Sonne dösen, schauen ihr halb belustigt, halb entgeistert bei der Arbeit zu. Doch ihre Klienten hängen gebannt an ihren Lippen. Fast könnte man meinen, diese Frau habe der Himmel geschickt. Im richtigen Leben ist Christina M. Physikerin im öffentlichen Dienst, doch will man verstehen, was sie und die anderen an diesem Ort suchen, muss man das richtige Leben ausblenden.

Willkommen in der Welt der Esoterik. Sie ist ein Planet, der auf seiner eigenen Umlaufbahn um Schlagworte wie Bewusstsein, Naturheilkunde und Psychologie kreist. Ein spiritueller Selbstbedienungsladen, in dem es Dinge gibt, die es nicht gibt. Ein Tête-à-Tête mit dem eigenen Schutzengel zum Beispiel, einen Gruß der verstorbenen Großmutter aus dem Jenseits oder eine Spontanheilung durch Handauflegen.

Es sind Dienstleistungen, die keinem Service-Check der Stiftung Warentest standhalten würden. Weder können ihre Anbieter für ihren Erfolg garantieren, noch bekommt der Kunde das Geld bei Nichtgefallen zurück. Doch Vollkaskomentalität hin, Sinnsuche her: Die Branche boomt. Der Heidelberger Konsumforscher Eike Wenzel schätzt, dass hierzulande schon heute 18 bis 25 Milliarden Euro mit esoterischen Angeboten umgesetzt werden. Ob Reiki oder Chakra-Massage, Horoskope oder Aura-Reading, die Grauzone zwischen Medizin und obskuren Heilpraktiken, zwischen Psychotherapie und Gehirnwäsche wird immer diffuser.

In der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin beobachtet man diesen Trend mit Sorge. „Die kleinen Gurus haben die großen Sekten abgelöst“, sagt Michael Utsch, der die sogenannte Psychoszene beobachtet. Er und seine Kollegen bekommen inzwischen mehr Anfragen von Esoterik-Geschädigten als von Sektenopfern. Mal beklagen sich Menschen, sie seien um fünfstellige Beträge betrogen worden, mal fühlen sie sich auch seelisch missbraucht.

Utsch seufzt. Er spricht von der Scham der Betroffenen und darüber, dass es eine Klientel sei, die die meisten Psychotherapeuten überfordere. Er redet von Scharlatanen und davon, wie schwierig es sei, ihnen das Handwerk zu legen. Viele firmierten als Heilpraktiker – nach einem Gesetz, das aus einer Zeit stammt, als der Begriff Esoterik noch gar nicht geläufig war, aus dem Jahr 1939.

Wer wissen will, wie Menschen ticken, die den Heilsversprechen dieser Branche erliegen, der findet sie dort, wo Wunderheiler, Wahrsager und Weltverbesserer ihre Klientel umgarnen: auf einer Esoterikmesse. Der Münchner Kaufmann Franz Prohaska, 63, veranstaltet diese Messen seit 1987 in deutschen Großstädten. Fragt man den Geschäftsführer der Eso-Team GmbH, woher die Faszination für die Angebote aus dem spirituellen Tante-Emma-Laden rührt, macht er eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung auf.

Er sagt, wer nicht daran glaube, dass die eigene Zukunft eingraviert im Handteller stehe, der würde auch keinen Handleser aufsuchen. So sei das mit dem Glauben. „Ohne den würde auch die Kirche nicht funktionieren.“ Prohaska, Katholik mit Leib und Seele, lacht. Als Mittler zwischen Angebot und Nachfrage, so sieht er sich selber. Nach der Gewerbeordnung steht seine Tür allen offen. „Nur schwarze Magier und Scientologen müssen draußen bleiben“, sagt er.

Doch woran erkennt man sie? Ortstermin bei der Esoterikmesse in Berlin. Schon die Adresse lässt Raum für Spekulationen. Der Weg führt in die Räume von Berlins größter Freimaurer-Loge. Es ist eine trutzige Jugendstilvilla in einer Seitenstraße in Charlottenburg. Nach außen hin versprüht sie den diskreten Charme der Bourgeoisie, innen geht es zu wie auf einem orientalischen Basar.

Ein süßlich-herber Duft nach Räucherstäbchen liegt in der Luft. Er unterstreicht den konspirativen Charakter dieser Verkaufsshow. Es gibt Halbedelsteine und Magnetarmbänder, Chakra-Fotografien und biologische Hirsekekse, und wer mag, kann in einer Probesitzung bei einer weiß gewandeten Schamanin testen, ob der eigene Geist bereit ist, den Körper auf ihr Kommando zu verlassen.

Man braucht allerdings ein wenig Geduld. An diesem Tag hat die Schamanin alle Hände voll zu tun. Während man ihr halb erschrocken, halb fasziniert dabei zuschaut, wie sie einer erschöpft wirkenden Mittsechzigerin kehlige Laute entlockt, fragt die Inhaberin eines benachbarten Standes: „Darf ich Sie zur Mitgefühlsübung einladen?“

Sie hat ein offenes Gesicht, doch sie strahlt die sanfte Autorität einer Samariterin aus, die sich selbst nicht schonen würde, um ihre Mission zu vollenden. Noch bevor man protestieren kann, hat sie einem eine Postkarte in die Hand gedrückt: „Mitgefühl lernen – in fünf Schritten.“ Der Name des Absenders steht auf der Rückseite: Avatar. Nein, das ist keine 3-D-Figur, die von der Kinoleinwand herabgestiegen ist, um Menschen aus Fleisch und Blut Empathie beizubringen. Es ist der Name der Organisation des umstrittenen Ex-Scientologen Harry Palmer, die Kunden für Psychokurse ködert.

Auf der Esoterikmesse trifft sie auf eine dankbare Klientel. Es sind zu 80 Prozent Frauen, die meisten ab Mitte 40 aufwärts, viele geschieden oder alleinstehend und auf der Suche nach dem, was man den Sinn des Lebens nennt. Der Regensburger Psychologieprofessor Helmut Lukesch glaubt, diesen Typus charakterisieren zu können. Lukesch gehört zu den größten Kritikern des Wildwuchses an pseudopsychologischen Behandlungsmethoden. Schon 1999 hatte er zusammen mit drei Kollegen an seine Zunft appelliert, sich von Verfahren wie Urschrei-Therapie, Feuerlaufen oder Rebirthing zu distanzieren, statt sie selber zu praktizieren und ihnen mit einem akademischen Titel noch einen seriösen Anstrich zu verleihen. Er sagt, es seien in der Regel introvertierte Frauen, die sich emotional überfordert fühlten und pessimistisch in die Zukunft schauten. Viele litten unter psychosomatischen Problemen. Der Psychologe und Wissenschaftsjournalist Colin Goldner hat viele von ihnen in einer Beratungsstelle für Therapie- und Psychokultgeschädigte in der Nähe von München kennengelernt. Seit er die Psychoszene vor elf Jahren in dem gleichnamigen Buch durchleuchtet hat, laden ihn TV-Talkshows gerne als Kritiker ein. Er sagt, die esoterischen Angebote seien deshalb so beliebt, weil sie „eine schnelle Problemlösung ohne große Eigenbeteiligung“ versprächen. Anstatt an sich selber zu arbeiten, flüchte sich die Klientel lieber in die Illusion, sie müsse nur höhere Wesen anrufen oder irgendwelche Energien anzapfen, aus dem Kosmos, dem Weltall – oder woher auch immer. Partnerschafts-, Job- oder Finanzprobleme würden sich im Handumdrehen in Luft auflösen. „Je bedrohlicher die Krise, desto größer die Regressionstendenz.“

Dieser Satz spukt einem durch den Kopf, wenn man auf der Esoterikmesse in Berlin beobachtet, wie ein bezopfter Herr, der sich als Reinkarnationstherapeut Chris Hohlstamm von Dehnen vorstellt, mit einer Mittfünfzigerin „Liebe macht“. Gerade hat der Therapeut in einem voll besetzten Seminarraum vor 120 Menschen erklärt, wie man es schafft, den eigenen Schutzengel auf die Bettkante zu locken. Seine Zuschauer erfahren, dass das nur gelinge, wenn man die eigene Liebesfähigkeit trainiere.

Zum Beispiel, indem man täglich drei fremde Menschen in den Arm nehme. „Einmal fest drücken, die Augen schließen. So geht Liebe machen.“ Ein verlockendes Angebot, findet Ilona Wolf, die auch in Wirklichkeit anders heißt. Ilona trägt ein geblümtes Kleid, dazu rote Gesundheitsschuhe. Ein großes Mädchen. Im nichtesoterischen Leben ist sie Erzieherin im Vorruhestand, geschieden, ein Sohn. „Mit Engeln habe ich es nicht so“, sagt sie. Sie sei in der DDR aufgewachsen, in einem atheistischen Elternhaus. Ein Vakuum, nein, das habe ihre Erziehung nicht hinterlassen. Sie sei geboren worden, ihren eigenen Weg zu finden, unabhängig von der evangelischen oder katholischen Kirche.

Wann immer sie Rat suche, frage sie „Gottgöttin“. Ilona Wolf lächelt versonnen. Wenn sie das höhere weibliche Wesen beschreibt, kann der Zuhörer die „Gottgöttin“ vor sich sehen: eine schon leicht verknitterte Lichtgestalt, halb Mutter Beimer, halb heilige Maria. Ilona Wolf sagt, Gottgöttin habe ihr geholfen, sich von ihrer Alkoholabhängigkeit zu befreien. Sie fühle sich noch immer einsam, aber sie sei nicht mehr traurig darüber.

Sie hat diese Geschichte auch dem Reinkarnationstherapeuten erzählt, jenem Herrn, der eine gebührenpflichtige Hotline zu den Engeln unterhält und weiß, wie man Liebe zu Geld macht. Und jetzt liegt sie in seinen Armen, und es sieht so aus, als wolle sie ihn gar nicht wieder loslassen.

Der Körperkontakt, er spielt auch in der Praxis von Christina M. eine wichtige Rolle. Sie trägt den Namen „Schöpfungsflamme“, und wer 80 Euro übrig hat, kann dort eintägige Seminare buchen, zur „Heilung der Verbindung zu unserer Schöpfungsebene“, um „dein Traumprojekt in die Welt zu bringen“.

Fragt man Christina M. nach ihrer Qualifikation, holt sie weit aus. Die Geschichte beginnt mit ihrer Scheidung, führt über eine Psychotherapie, eine Sufi-Gruppe und einen Reiki-Kurs zu der Erkenntnis, dass sie ein drittes Auge habe, mit dem sie Bilder der Seele sieht, die andere nicht sehen. Sie sagt, in diesem Moment habe sie gedacht: „Jetzt sind bei mir endgültig die Sicherungen durchgeknallt.“ Aber ihre spirituellen Lehrer hätten ihr bestätigt, dass das ganz normal sei. Der Wille, ihre besondere Gabe zu nutzen, um anderen zu helfen, sei stärker gewesen. Ihre ganzen Ersparnisse hat sie in ihre Ausbildung investiert. Am Ende, so sagt sie, sei sie auch noch in die USA gereist, um sich zur Lichtarbeiterin ausbilden zu lassen von dem bekannten Meditationslehrer Drunvalo Melchizedek, einem Naturwissenschaftler wie sie.

Inzwischen ist die Sonne hinter dem würfelförmigen Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz verschwunden. Die Teilnehmer der Zeremonie zur kosmischen Konvergenz fassen sich an den Händen, um „Licht in ihre Herzen“ zu lassen und der „Negativität abzuschwören“. Erschöpft, aber glücklich liegen sie sich in den Armen. Sarita sagt, sie sei ihr Leben lang gereist, um ihr Zuhause zu finden. Man weiß nicht, wie Mutter Erde das sieht. Aber es scheint, als hätte Sarita ihr Ziel erreicht.

Erschienen in:
Ausgabe 47/2011
Redakteur:
Antje Hildebrandt (Freie Autorin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Spiritualität, Lebensstil