www.zeit.deProbe-Abo

CDU

Merkels Jünger bekennen

Aus: Christ & Welt Ausgabe 47/2011

Mit Artikeln über den Glauben sind C-Debatten nicht zu gewinnen.

Die Hausaufgabe war schwierig und manche haben sie offenbar nur widerwillig erledigt. „Was das C für mich bedeutet“, lautete die Fragestellung. Schulmeisterin Angela Merkel hat die Strafarbeit verhängt, nachdem im Sommer erneut die Debatte über den Mangel an Christlichkeit in der CDU aufkam. Selbstvergewisserung musste her. Die rund 50 CDU-Vorstandsmitglieder haben pflichtschuldig Texte verfasst, die nun als Broschüre für die Delegierten beim Bundesparteitag in Leipzig auslagen.

Nun lässt sich parallel lesen, was Wolfgang Schäuble, Ursula von der Leyen und etwa der bisher nicht durch Feingeistigkeit aufgefallene Roland Pofalla auf zwei Seiten aus der gleichen Aufgabenstellung machen. Lehrerin Merkel wollte persönliche Texte, nicht die übliche politische Lyrik vom christlichen Menschenbild. Das gelingt in der Tat nicht allen. Pofalla immerhin hat die originelle Idee, über sein Engagement für Christen in Weißrussland zu berichten. Bundestagspräsident Norbert Lammert bleibt im politischen Beschreiben des Staat-Kirche-Verhältnisses hängen. Klug gewiss. Aber eine gute Note gibt es dafür von der Kanzlerin wohl nicht.

Dagegen muss doch Annette Schavan als Merkels Musterschülerin gelten. Sie blüht geradezu auf in ihrem Text. Er heißt dann auch noch poetisch „Eine neue Lebensmöglichkeit“ und macht sich als einziger tatsächlich ausführlich an die Exegese des Evangeliums. Schavan spricht vom „Stachel einer Freiheit, die uns auffordert, von lieb gewonnenen Gewohnheiten und Traditionen“ Abschied zu nehmen, da sie „dem Lebensdurst und der Gottessehnsucht der Menschen nicht gerecht werden“. Wer will, kann das politisch ummünzen auf die CDU oder sogar auf die Kirchen. Aber klar ist, für Schavan gäbe es noch andere Lebensmöglichkeiten als das Ministeramt.

Viele von Merkels Christenlehre-Schülern nehmen Bezug auf die Rede von Papst Benedikt am 24. September im Deutschen Bundestag. Über 15-mal taucht das Kirchenoberhaupt in der Broschüre auf. Dicht gefolgt von Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer. Die am häufigsten zitierte Bibelstelle stammt aus dem Galaterbrief: „Ihr seid zur Freiheit befreit.“ Dafür gibt es Pluspunkte von Merkel. Richtig fromm ist kaum einer. Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht beginnt ihren Text mit einem Liedtext. „Meine Hoffnung und meine Freude…“ Der sächsische Regierungschef Stanislaw Tillich erwähnt ein Gebet von Reinhold Niebuhr. Vielen Autoren nimmt man zwar das Grübeln ab, aber über ihre Glaubenspraxis reden die wenigsten.

Bleibt noch die Frage, was mit der Arbeit von Junge-Unions-Chef Philipp Mißfelder passieren soll – „sehr gut“ oder „Thema verfehlt“. Es gibt ja bei jeder Klassenarbeit solche Zweifelsfälle. Mißfelder beginnt mit Persönlichem, sagt etwas über Glaubensvermittlung, um schließlich eine Verteidigungsrede auf die katholische Kirche zu halten. Der Papst sei ein guter Hirte, weil er nicht alle „Überzeugungen über den Haufen wirft“, die Millionen Gläubigen Halt geben. Wer hatte danach gefragt? – Mit Besinnungsaufsätzen allein ist die C-Debatte auch nicht zu gewinnen. Das merkt vielleicht jetzt die Lehrerin.

Erschienen in:
Ausgabe 47/2011
Redakteur:
Volker Resing (Freier Autor)
Thema:
Notizen für die Ewigkeit
Stichworte:
Innenpolitik