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Arbeitgeber Kirche

Meistens Mittelmaß

Aus: Christ & Welt Ausgabe 47/2012

Was es für die Kirchen bedeuten würde, wenn ihre Mitarbeiter plötzlich streiken dürften

Am 20. November entscheidet das Bundesarbeitsgericht über die Zulässigkeit von Streiks in kirchlichen Einrichtungen. Träten zum Beispiel die 500 Beschäftigten des Kölner Generalvikariats in den Streik, müsste der Kölner Dom schließen, und 50 000 Mitarbeiter des Erzbistums bekämen ihr Gehalt verspätet. Gingen Altenpflegerinnen auf die Straße, müssten sie einen Notdienst organisieren, damit sich niemand wundliegt, damit Beatmungspatienten Luft bekommen und demente Heimbewohner diesseits des Zaunes bleiben. Schlössen Kindergärtnerinnen ihre Kindergärten und zögen mit Trillerpfeifen und Plastikwesten vor die Zentrale der Caritas, würden die mittleren Führungsebenen der ganzen Region ausgedünnt. Väter und Mütter kämen später und gingen früh. Das täte richtig weh. Antworteten das Generalvikariat oder die Caritas mit Aussperrungen, hätte die Kirche ein Problem.

Streiks und Aussperrungen sind ein Mittel der industriellen Frühzeit. Längst beziehen Arbeitskämpfe ihre Kraft daraus, dass sie nicht den Industriebaron, sondern Bahnfahrer, Müllproduzenten und Urlauber treffen. Da ist das Konzept der Kirchen klüger und effizienter: In paritätisch besetzten Kommissionen handeln Arbeitnehmer und Arbeitgeber Tarifverträge und Arbeitsregelungen aus. Keine Seite kann gegen die andere agieren. Von Anfang bis Ende herrscht Friedenspflicht. Am Ende steht die Schlichtungsstelle. Kein Patient muss um seine Schmerzspritze bangen. Tatsächlich hat keine Gewerkschaft viel bessere Tarife ausgehandelt als die kirchlichen Kommissionen. Ohne Streik.

Das Konzept der Kirchen ist zukunftsfähig, es hat in der Gesellschaft noch keine Parallele. Sein Name lautet „Dienstgemeinschaft“, und der lässt ahnen, dass die Kirchen auf die innere Zustimmung ihrer Beschäftigten bauen. Sekretärinnen, Kirchmeister, Kantorinnen und Oberkirchenräte fühlen sich ihrem Arbeitgeber meist enger verbunden als ihre weltlichen Kollegen.

Wie gut wirtschaften die Kirchen mit diesem Kapital? Sie könnten bei so viel Motivation Maßstäbe setzen, was die Arbeitszeiten, Abläufe und Hierarchien angeht. Tatsächlich sind Kirchen als Arbeitgeber meist bloß Mittelmaß und fordern mehr, als sie fördern. Die Arbeitnehmer haben in den paritätisch besetzten Kommissionen weniger Gewicht, als es das Konzept vorsieht.

Als ob der Ursprung des Begriffs „Dienstgemeinschaft“ in der Nazizeit seinen heutigen Nutzern einen späten Streich spielte. Er taucht zum ersten Mal in einem Caritas-Tarif von 1936 auf und soll eine NS-Regelung übernehmen: „Betriebsleitung und Gefolgschaft bilden eine Dienstgemeinschaft im Sinne des Gesetzes zur Ordnung der Arbeit in öffentlichen Verwaltungen und Betrieben.“ Bis heute, so scheint es, denken mehr Juristen als Theologen über den Begriff nach.

Gleichberechtigung steht in kirchlichen Papieren. Aber jahrelang haben etwa die Diakonischen Werke der evangelischen Kirchen zugesehen, wie Mitgliedseinrichtungen das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen beansprucht haben, um kirchliche Tarife zu unterlaufen. Küche und Reinigung wurden aus dem Altenheim in separate Betriebe ausgegliedert, die nicht zur Diakonie gehörten und daher aus der Tarifbindung fielen. Die katholische Kirche strapaziert die Dienstgemeinschaft anders. Sie umstellt Mitarbeiter mit Reglementierungen, die ein Klima des Misstrauens fördern. Und der Bischof hat immer das letzte Wort. Den Vertretern der Beschäftigten wird per Gesetz haarklein vorgeschrieben, wo sie sich fortbilden dürfen. Mitarbeiter sollen im Arbeitsvertrag und mit einem Gelöbnis versprechen, dass sie die Wertvorstellungen der Kirche im persönlichen Leben umsetzen. Angestellte eines katholischen Krankenhauses müssen – eigentlich – entlassen werden, wenn ihre Ehe in die Brüche geht und sie einen neuen Partner heiraten, wenn sie Verständnis für eine Abtreibung äußern, sich „kirchenfeindlich“ verhalten oder „Hass und Verachtung gegen Religion und Kirche hervorrufen“ – wer auch immer bestimmt, was das ist. Personalgespräche in bester Absicht verschlimmern das Problem, wenn sie Bewerber damit beruhigen wollen, im Arbeitsalltag werde nichts so heiß gegessen, wie es in der Gesetzesküche auf Temperatur gebracht worden sei. Und kündigt die Kirche einem genial operierenden illoyalen Chefarzt, der die Bettenbelegung sichert, ebenso leicht wie einer renitenten Pflegekraft? Solche Beobachtungen zersetzen die Motivation. Und sie beschäftigen immer stärker die Gerichte. Kommunen haben der Kirche Betreiberverträge gekündigt.

Jetzt versuchen beide Kirchen, ihr kluges Konzept zu kitten. Die evangelische Kirche stärkt im neuen „Arbeitsrechtsregelungsgrundsätzegesetz“ die Position der Arbeitnehmer und diszipliniert diakonische Unternehmen. Die katholische Kirche pocht noch auf ihr Selbstbestimmungsrecht. Doch sehen die ersten Bischöfe öffentlich ein, dass die Moral ihrer Kirche von der Mitte an den Rand der Gesellschaft gerückt ist. Und dass weder Kündigungen noch Gelöbnisse sie wieder in Richtung Mitte befördern.

Erschienen in:
Ausgabe 47/2012
Redakteur:
Wolfgang Thielmann (Redakteur)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Kirchen, Wirtschaft