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Parapgraf 218

Meine feministischen Schwestern, ihr vergesst etwas

Aus: Christ & Welt Ausgabe 25/2011

Die Frauenbewegung kämpfte für das Recht auf Abtreibung. Doch hat sie dabei überhaupt an das ungeborene Kind gedacht? Es ist Zeit, den Streiterinnen ins Gewissen zu reden, meint unsere Autorin.

© Theo Heimann/DAPD/DDP; Visuals Unlimited/Vario Images

Vor 40 Jahren erklärtet ihr euch öffentlich zu Gesetzesbrecherinnen. „Wir haben abgetrieben“, erklärtet ihr im „Stern“. Die Prominenten unter euch liehen einem der berühmtesten und umstrittensten Titelbilder, die das Magazin je veröffentlichte, ihr Gesicht. Helga Anders, Vera Tschechowa, Romy Schneider, Hanne Wieder und viele andere setzten ihre Prominenz ein, um gemeinsam mit euch anderen Unterzeichnerinnen gegen einen Paragrafen zu protestieren, gegen den zu dieser Zeit in der Bundesrepublik pro Jahr etwa eine halbe Million Frauen verstießen: den Abtreibungsparagrafen 218. Euer Selbstbekenntnis war zugleich Manifest – eines, das von Mut zeugte. Ihr habt riskiert, ins Gefängnis zu gehen. Dafür habe ich euch damals bewundert. Heute imponiert ihr mir nicht mehr.

Ihr habt euch, weil ihr männliche Fremdbestimmung leid wart, zu Anwältinnen eurer selbst gemacht. Doch konntet ihr es euch damals wohl nicht leisten, nach dem Recht des Kindes zu fragen. Zu bedenken, dass auch die Ungeborenen keinen Anwalt hatten. Außer euch – und ausgerechnet jenem Paragrafen, gegen den ihr so entschlossen protestiertet.

Ungewollt schwanger zu sein kann aus vielerlei Gründen eine Notlage bedeuten. Vor 40 Jahren war es für eine Frau, zumal eine unverheiratete, ein Katastrophe. Das Drama vom Gretchen, das kanntet ihr auch in den 1960er-Jahren noch gut. Es litt die Frau, es strafte der Mann. Der Paragraf 218 verhinderte Abtreibungen nicht, er zwang in die Heimlichkeit. Die Folgen waren für euch Frauen verheerend. Zum Gewissenskonflikt kam die Angst: Wem kann ich mich anvertrauen? Wer wird mir helfen, wo kann ich hin? Ungewollt Schwangere mit Geld konnten sich immerhin eine Fahrt nach Holland oder in die Schweiz leisten und den Abbruch unter ärztlicher Leitung vornehmen lassen. Ungewollt Schwangere ohne Geld hingegen mussten entweder sehen, wo sie welches auftreiben konnten, oder sich einer Engelmacher-Praxis anvertrauen und somit womöglich ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben riskieren.

Das nahmen viele von euch in ihrer Verzweiflung in Kauf, und was ihr erleben musstet in Arztpraxen und Hinterzimmern, hat bis heute keine von euch vergessen. So wenig, wie ihr vergessen habt, dass man euch „Mörderinnen“ schimpfte, als ihr euch bekanntet.

Ja, ihr hattet Mut damals, und es war nicht zuletzt Wut, die euch so mutig machte. Eine Wut, die auch Frauen teilten, die nicht unterschrieben und nicht abgetrieben hatten. Auch unter „ehrbaren Gattinnen und liebenden Müttern“ gab es viele, die den Paragrafen 218 unmenschlich fanden. Die es, wie euch, empörte, dass er Frauen entmündigte, dass er besonders die sozial schwächer gestellten bestrafte. Ihr wurdet laut gegen die Demütigungen, die Verlogenheit, die Kriminalisierung, und ich kann euch verstehen. Ihr fordertet, was überfällig war: eine Reform des damals geltenden Männer-Rechts zugunsten der Frauen – und im Sinne eines Vertrauens auf deren ethische Verlässlichkeit.

Doch Verlässlichkeit hätte auch bedeutet, nach dem Recht des Kindes zu fragen. Es ging euch, habt ihr später gesagt, nicht darum, die Abtreibung zu propagieren, es ging euch um humanere Bedingungen für Frauen in Not. Kaum zu glauben, habt ihr doch für die uneingeschränkte Fristenlösung demonstriert, getrommelt und gepfiffen, und das, was Alice Schwarzer das „fundamentale Recht der Frau“ nennt, in eine provokante Parole gefasst, die da lautete: „Mein Bauch gehört mir!“ Eure Stimmen waren schrill. Sie mussten es wohl sein, um Veränderung zu erzwingen. Vielleicht konntet ihr es euch in eurem Zorn über Doppelmoral und Ungerechtigkeit nicht leisten, die Fragen zuzulassen, die kein Protest, keine Parole, keine gesetzliche Regelung aus der Welt schafft. Könntet ihr es heute?

In Deutschland ist keine ungewollt Schwangere mehr gezwungen, sich heimlich in Hinterzimmern behandeln und mit Stricknadeln halb tot malträtieren zu lassen. Aber duldet bitte auch, wenn Beraterinnen sich als Advokatinnen des Kindes verstehen. Was ist falsch daran? „Zwingt“ die Beratung Frauen wirklich dazu, „vor Fremden immer wieder wortreich ihre Seele auszuschütten, ihre Bedrängnis, ihr Intimstes gebetsmühlenhaft auszubreiten“, wie es Gisela Friedrichsen in ihrer Nachbetrachtung zum Memminger Prozess formulierte? Das Kind kann nicht sprechen.

Über die Präimplantationsdiagnostik, den Schutz des Embryos in der Petrischale, wird gerade gestritten. Politiker müssen darüber entscheiden, wo die Grenze zwischen Vorsorge und Selektion verläuft. Die Debatten werden gewissenhaft geführt. Ich kann mit euch, ihr feministischen Schwestern, wunderbar über PID diskutieren. Aber warum nicht über Abtreibung? Darüber zu diskutieren fällt vielen von euch heute schwer, wie ich feststelle. Die rechtliche Situation ist weitgehend klar, die modifizierte Fristenlösung gesetzlich verankert. Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche ist heute weitaus niedriger als vor 40, ja noch vor zehn Jahren. Gibt es also nichts mehr zu diskutieren, sind die moralischen Fragen um den Paragrafen 218 Schnee von gestern, die Anwaltschaft für den Embryo abgehakt?

Eine Abtreibung ist kein Akt der Leichtfertigkeit, sondern einer der Not. Ein Leben steht dabei gegen das andere – manchmal nicht nur das der Frau, sondern auch das oder die Leben jener Kinder, die sie schon hat. Das war es, das ihr anerkannt wissen wolltet, ihr fordertet Hilfe statt Strafe. Aber eine Abtreibung ist, und ich weiß, dass ihr es ebenfalls wisst, zugleich ein Tötungsakt. Das auszublenden ist so wenig human wie ein Sündenparagraf.

Wer von euch hat die Stunde der Entscheidung vergessen, als es um Ja oder Nein ging? Und dieses Ja oder Nein bezieht sich eben nicht nur auf ein Leben, sondern auf zwei. Der Bauch „gehört“ zu diesem Zeitpunkt eben nicht nur „mir“. Ein Geschöpf, das im Werden ist, lebt spürbar auch darin. Leider zur Unzeit. Das ist der Konflikt, der auch dann noch entsetzlich bleibt, wenn er keine strafrechtlichen Konsequenzen hat. Was hat Straffreiheit mit Gewissen zu tun? Was Feminismus mit der Hoheit über ein werdendes Kind?

Es bleibt für jede Frau, die abtreibt, ein Trauma: Ihre Entscheidung löscht ein Leben aus. Sie kann die ethische Frage abspalten, kann päpstliche, weltliche, ärztliche Definitionen bemühen, nach der „ein Zellhaufen“ bis zum soundsovielten Tag noch kein Mensch sei – und weiß doch: Das Nein entscheidet sie. Sie erlebt es, sie verantwortet es. Und es stirbt durch ihre Entscheidung ein Wesen. Dieser Konflikt ist nicht auflösbar.


Hintergrund:

So wenig wie nie


Die Zahl der gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland ist in den ersten drei Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 2,8 Prozent oder 800 auf rund 29?000 zurückgegangen. Das teilte das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden mit. Laut Statistik waren 74 Prozent der Frauen, die im ersten Quartal 2011 abtreiben ließen, zwischen 18 und 34 Jahren alt. Jünger als 18 Jahre waren 4 Prozent. 97 Prozent der Schwangerschaftsabbrüche wurden gemäß der Beratungsregelung vorgenommen, die übrigen aufgrund einer medizinischen oder kriminologischen Indikation. Bei 15 Prozent der Abbrüche wurde die sogenannte Abtreibungspille Mifegyne verwendet. Die Eingriffe erfolgten zu etwa 98 Prozent ambulant. Knapp 6 Prozent der Frauen ließen den Eingriff in einem Bundesland vornehmen, in dem sie nicht wohnten. Im vergangenen Jahr waren mit etwa 110?400 Abtreibungen so wenige gezählt worden wie noch nie seit der gesetzlichen Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs im Jahr 1996. Die Zahl der Abbrüche je 1000 geborene Kinder lag bei 165,4. (KNA)

Erschienen in:
Ausgabe 25/2011
Redakteur:
Gitta List (Freie Autorin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Ethik, Sexualität, Abtreibung