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Machtkampf

Meine Ehe, deine Ehe

Aus: Christ & Welt Ausgabe 41/2014

Von dieser Woche an beraten im Vatikan Bischöfe darüber, ob die katholische Kirche ihre Lehraussagen zu Ehe, Partnerschaft und Sexualmoral ändern muss. Aus Sachfragen sind Machtfragen geworden

Als sich Franziskus über die Limousinen der Kleriker ärgerte, sagte er: „Mir tut es weh, wenn ich einen Priester mit dem allerneuesten Modell sehe.“ Er sagte nicht: „Ich verpflichte alle, vom Küster bis zum Erzbischof, in klapprigen Kisten über die Dörfer zu fahren.“ Jeder im Kirchendienst möge selbst entscheiden, ob sein Gefährt noch praktisch oder schon peinlich ist.

Mit der Liebe ist das wie mit der Limousine: Vom 5.Oktober an werden sich in Rom 200 Bischöfe treffen, um darüber nachzudenken, warum die katholische Lehre zu Familie, Partnerschaft und Sexualität für die Gläubigen weltweit irrelevant geworden ist. Franziskus wird deutliche Worte finden, aber bisher hat er keinen Ergebnisbefehl für die Synode ausgegeben. Er hofft auch hier auf einen Erkenntnisgewinn oder wenigstens einen Peinlichkeitsvermeidungsprozess.

Dabei sehnen sich viele Bischöfe, geprüft durch eineinhalb wilde Jahre mit dem Argentinier, nach einem Basta-Papst, der sie vom Selberdenkenmüssen erlöst. Als tiefste Überzeugung wird in der katholischen Kirche gern das ausgegeben, was die nächsthöhere Hierarchiestufe hören will. Überzeugung und Unterordnung bedingen einander. Dieses System wankt, seit sich das Oberhaupt unter den Gläubigen umhört. Sollen etwa die da oben denen da unten gehorchen?

Peinlich sind die zahlreichen Versuche, die Umfrage in eine Machtfrage zu verwandeln. Gerhard Kardinal Müller müht sich hier am eifrigsten. „Ich bin der Präfekt der Glaubenskongregation. Ich kann die katholische Glaubenslehre nicht verändern, der Papst kann sie nicht verändern, und die Bischöfe insgesamt können sie auch nicht verändern“, sagt er in vielen Interviews. Die Ehe wird durch solche Worte zum blank polierten S-Klasse-Mercedes aus dem katholischen Fuhrpark. Das Modell glitzert, es verspricht Langlebigkeit, sanft federt es alle Schlaglöcher ab, und wenn trotzdem einer der Insassen raus will, weil ihm schlecht wird, aktiviert der Präfekt schnell die Zentralverriegelung. In der Causa Franz-Peter Tebartz-van Elst hat Müller sein kirchenpolitisches Ziel verfehlt. Der Bischof musste gehen, das Amt hat an Glanz verloren; jetzt könnte auch noch das Sakrament der Ehe Beulen abbekommen.

Die deutschen Anti-Müllers sind nicht weniger peinlich. Wiederverheiratete Geschiedene (WVG) müssten zur Kommunion zugelassen werden, das haben die organisierten Reformer als das wichtigste Ziel der Synode ausgegeben. Diese Vorgabe ist der VW Golf im katholischen Fuhrpark, nicht besonders sexy, nicht fantasievoll, aber bewährt in vielen Crash-Tests. „Komm uns bloß nicht nach Hause, bevor der Weg zur Eucharistie nicht allen offen steht“, wird dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, signalisiert. Die Geduld der Volkswagenkirchler ist zu Ende, denn ihre Forderung ist schon älter als Joseph Ratzingers grauer Golf. Wie vielen Menschen eine solche Änderung aus tiefster Not hilft, wie viele innere Verletzungen sie heilt, scheint nebensächlich. Franziskus soll Barmherzigkeit vom Band liefern. Auch beim WVG-VW geht es um Macht und Prestige.

Der belgische Bischof Johan Bonny träumt in seinem Papier zur Synode von der Kirche als Wegbegleiterin. Er hat klarer als viele seiner Kollegen und als viele Laien erkannt: Wer jedes Thema auf die Frage S-Klasse oder VW reduziert, wer blecherne Positionen verteidigt, verliert den Begleiteten und den Weg aus den Augen. Genau das ist in der katholischen Kirche jahrzehntelang beim Thema Familie geschehen.

Die Enzyklika „Humanae vitae“ war nichts anderes als ein klerikaler Karrierebeschleuniger, an Menschen ohne geistliche Ambitionen ging sie vorbei. Nirgends sonst wurde die angebliche familiäre Wirklichkeit so schlechtgeredet wie in den mahnenden Predigten zur Ehe. Hohe Scheidungszahlen galten als Folge der sexuellen Libertinage, des Feminismus und der Schwulenbewegung nach 1968. Jede Abweichung von einer vermeintlich guten alten Zeit mit stabilen Ehen, vielen Kindern und mariengleichen Müttern wurde als Sittenverfall gedeutet.

Dabei geriet aus dem Blick, wie Familien wirklich leben. Die angeblich so libertären Menschen ordnen sich sehr wohl autoritären Anweisungen unter. Es sind allerdings nicht mehr die der Kirche, sondern die der Marktwirtschaft. Eine Familie made in Germany wird gegründet wie ein Unternehmen: Erst wenn die Partnerschaft getestet ist und die Finanzen solide sind, kommt ein Kind auf die Welt. Wer wie viele Stunden berufstätig ist, wer wie viel zur Haushaltskasse beisteuert, wer die Hausaufgaben der Kinder kontrolliert und wer die Abrechnungen des Pflegediestes für Oma – all das sind geschäftliche Aushandlungsprozesse.

Ein Kind ist nicht, wie noch im Diskurs der 1960er- bis 1980er Jahre, das Gegenteil von Emanzipation, das Kind ist heute die Selbstverwirklichung seiner Eltern. Familie riecht deshalb in Deutschland nach dem Schweiß von Extremsport, nicht nach Verfall. Sie gilt als Abenteuer, glückshormonausschüttend und übermenschlich anstrengend.

In anderen Teilen der Welt sehen solche Perfektionssorgen wie Luxusleiden aus. Dort halten und zerbrechen Familien aus anderen Gründen, einer davon ist Armut. Doch der Verweis auf die Weltkirche war viel zu lange nur ein Vorwand dafür, nirgendwo genau hinzuschauen. Eine Kirche als Geschlechtsverkehrspolizistin braucht kein Mensch, weder in Europa noch auf den anderen Kontinenten. Die Macht der Prälaten über die Betten ist ohnehin verloren, ganz gleich, wie die Synode ausgeht.

Franziskus wird, wenn er seinem Kurs treu bleibt, den Bischöfen die Peinlichkeit ersparen, sich in Unterleibsdetails zu verlieren. Die ernst zu nehmenden Fragen einer Wegbegleiterin sind zwischen Herz und Verstand angesiedelt: Was hilft, damit der Mensch nicht allein bleibt? Was hält Paare zusammen, auch wenn die Verhältnisse dagegen sprechen? Und: Was bleibt von der Ehe, wenn die Liebe geht und das Leben laut Statistik noch mindestens 30 Jahre weitergeht?

Franziskus hat Österreichs Bischöfe ermuntert, sich ans Fließband zu stellen, anstatt jammernd im Bischofshaus auf Kundschaft zu warten. Gut möglich, dass er seine ehelos lebenden Synodenteilnehmer in real existierende Familien abkommandiert, wenn ihm die Machtspiele auf die Nerven gehen.

In einer gefühlsechten Familie ließe sich entdecken, dass weder Eltern noch Kinder sich Liebe, Vergebung und Lebensfreude verdienen müssen. Man könnte glatt auf den Gedanken kommen, dass, wer die Sakramente nur denen gibt, die sie durch Wohlverhalten erarbeitet haben, nichts von Familie verstanden hat. Aber viel von liberaler Marktlogik.

 

 

Erschienen in:
Ausgabe 41/2014
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Katholisch, Kultur, Ethik, Medien, Papst, Lebensstil