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Sexismus-Debatte

Mein Vorurteil gehört mir!

Aus: Christ & Welt Ausgabe 06/2013

Erst debattierte Deutschland über „Neger“ im Kinderbuch, nun über Frauen als Objekt männlicher Begierde. Gibt es da einen Zusammenhang? Ja, meint unser Autor. Ein bisschen Rassismus hier, ein bisschen Sexismus dort – und fertig ist der demokratische Konsens

Eine demokratische und aufgeklärte Gesellschaft fühlt sich erst dann so richtig demokratisch und aufgeklärt, wenn sie sich ein bisschen Sexismus und Rassismus leisten kann. Anders sind die Debatten der vergangenen Wochen und vor allem die Vehemenz, mit der sie geführt wurden, kaum zu erklären. Alles begann damit, dass der Thienemann Verlag eine „sprachliche Modernisierung“ des Kinderklassikers „Die kleine Hexe“ ankündigte.

Begriffe, die zu Otfried Preußlers Zeiten noch gebräuchlich waren, aber heute als abwertend empfunden werden, sollen ausgetauscht werden. „Neger“ ist so ein Begriff. Der Aufschrei in den Feuilletons war groß: In Foren, auf Podien, in Leitartikeln, auf Pressekonferenzen verteidigt der weiße Mann die alte Schule. „Das ist doch Literatur, das ändert man nicht!“ „Ich kenne einen Schwarzen, den stört das Wort nicht.“ Von Zensur war die Rede – auch in der ZEIT.

Der zweite Aufschrei besteht aus weniger als 140 Zeichen. Nutzerinnen des Nachrichtendienstes Twitter erzählen unter dem Stichwort „Aufschrei“ von sexistischen Übergriffen jedweder Couleur. 60000 Einträge gibt es bisher. Das sind 60?000 Stimmen. Mehr als doppelt so viele wie für die FDP bei der letzten Bundestagswahl im Wahlkreis 206 abgegeben wurden. Der Kandidat in diesem Wahlkreis heißt Rainer Brüderle. Der „Stern“-Artikel über Brüderles Bar-Verhalten gegenüber einer jungen Journalistin ist der Trigger all dieser Kurznachrichten.

Durch einen Trigger werden traumatische, oft verdrängte Erinnerungen ins Bewusstsein gerufen. Es kann eine Filmszene, ein Geruch, ein Geräusch oder eben ein Satz sein. Auf Webseiten, die sich mit Sexismus oder Rassismus beschäftigen, werden deshalb inzwischen oft sogenannte Triggerwarnungen vor eine Meldung gestellt. Enthält eine Seite Elemente, die Menschen erneut und ungewollt mit ihren belastenden Erlebnissen konfrontieren könnten, werden die Nutzer vorab gewarnt. Doch dieses Mal hat der Trigger dazu geführt, dass Frauen aus ganz Deutschland dazu ermutigt wurden, ihre teils traumatischen Erlebnisse in die Welt zu schreien.

Wieder diskutiert die Republik: Wer hat da eine Grenze überschritten? Rainer Brüderle mit dem, was er sagte? Oder die Journalistin mit dem, was sie schrieb und wann sie es schrieb? Öffentlich empören sich viele über den wandelnden Herrenwitz, im Privatgespräch dominiert ein anderer Tenor: Darf ein Mann einer Frau jetzt nicht einmal mehr Komplimente fürs Dekolleté machen, ohne an den feministischen Pranger gestellt zu werden? So etwas fragt sich leicht in einem bildungsbürgerlichen Diskussionsklima. Da muss sich niemand mehr schämen für seine Vorurteile, denn die sind gut abgewogen. Abgeklärte Aufklärung sozusagen. Das verbindet die Dirndl-Affäre mit der Debatte um das Kinderbuch.

Otfried Preußlers „Kleine Hexe“ ist nicht rassistisch. Aber eine Gesellschaft, die längst tot geglaubte Ressentiments auf Gedeih und Verderb verteidigt und ein rassistisches Wort unbedingt behalten will, outet sich als rassistisch. Die Ankündigung, das N-Wort aus dem Wortschatz eines Kinderbuches zu tilgen, hat den ständig präsenten und immer kleingeredeten Rassismus der Gesellschaft ans Tageslicht befördert, diesmal getarnt als Werktreue.

Rainer Brüderles Blick aufs Dekolleté der jungen Journalistin war vielleicht einem zu tiefen Blick ins Glas geschuldet. Das entschuldigt sein Verhalten nicht. Es macht ihn aber auch nicht zum Obersexisten. Erst die Normalität, mit der sein Verhalten von der Gesellschaft behandelt und verteidigt wird, macht seine Herrenwitze zum Sexismus. Tausende Blicke, Vorurteile und schlechte Witze, gepaart mit einem Machtgefälle, sind systemgewordene Diskriminierung. Auch hier wird fleißig kleingeredet. Wieder ist es der weiße Mann, der es besser weiß. Die Deutungshoheit über das, was schlimm ist, und das, was weniger schlimm ist, behalten sich die vor, die seit jeher die Regeln machen. Weiße bestimmen, was Rassismus ist, und Männer sagen, wo Sexismus beginnt

Meistens fällt in solchen Zusammenhängen das Wort von der Political Correctness. Das Schreckbild eines gender-gemainstreamten, diversity-gemanagten, alkohol-, rauch- und CO2-freien Überwachungsstaats taucht am Deutungshorizont auf. Brüderles Parteikollege Wolfgang Kubicki hat bereits süffisant angekündigt, dass er auf Flirts mit Journalistinnen zukünftig verzichten will. Doch nicht nur Männer verteidigen den Geschlechtsgenossen, auch Frauen springen dem bedrängten Bedränger bei: Christiane Hoffmann schreibt im „Spiegel“, sie habe keine Lust, „in einem moralpolizeilich gesicherten Umfeld zu arbeiten“.

Das klingt verdächtig nach dem Spruch: Ein kleiner Klaps auf den Hintern hat noch keinem geschadet. Das galt früher für Kinder, heute gilt es für Frauen. Doch stimmt das? Sexismus schadet allen, auch denjenigen, die nun so selbstgewiss ihren Spott über eine sexuell überkorrekte Gesellschaft kundtun. Er ist herabwürdigend für alle Beteiligten und steht konträr zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Für Frauen ist er beleidigend, und er bedeutet, wenn es nicht beim Blick bleibt, oft Schmerzen, Depressionen, Qualen.

Für Männer ist Sexismus ebenso herabwürdigend, wenn auch nicht mit solch weitreichenden Folgen. Spätestens beim Konsum handelsüblicher Pornografie wird das deutlich. Da werden alle Überzeugungen beim Klick auf den Über-18-Button über Bord geworfen. Alle Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, die Gymnasialbildung und der Doktortitel, der Wickeltisch auf der Männertoilette und der gepflegte Beziehungsdiskurs spielen dann keine Rolle mehr. Hier herrschen noch die guten alten Machtstrukturen: Mann herrscht über Frau.

Und Weiß herrscht über Schwarz. Der Feuilletonist mit dem großen Bücherschrank im Rücken und Friedrich Schillers Mohren im Kopf bestimmt, ob der Witz rassistisch ist oder nicht und ob darüber gelacht werden darf oder nicht. In einer demokratischen Gesellschaft, die Sexismus und Rassismus duldet, haben alle Anteil an einem erniedrigenden und unwürdigen System. Funktioniert Demokratie am Ende gar nicht ohne Ressentiments und Machtgefälle? Die Chance besteht, das Gegenteil zu beweisen. Jetzt.


Siehe auch Seite 3.

Erschienen in:
Ausgabe 06/2013
Redakteur:
Hannes Leitlein ()
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Innenpolitik, Ethik, Medien, Sexualität, Lebensstil