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Der diskriminierte Mann

Mein Vaterland

Aus: Christ & Welt Ausgabe 07/2012

Die Ehe unseres Autors ging in die Brüche, er hat um das gemeinsame Sorgerecht für seine drei Kinder gekämpft. Nun leben sie die Hälfte der Woche bei ihm, die anderen Tage bei der Mutter. Ist das gerecht?

© Jens Kalaene/dpa

Es ist schwer, den Traum vom Familienglück aufzugeben und sich einzugestehen, dass man gescheitert ist. Kein Kind will, dass die Eltern sich trennen. Kinder wollen aber auch keinen Streit und sie wollen nicht, dass die Eltern ihnen etwas vormachen. Sie spüren genau, wenn der Vater oder die Mutter unglücklich ist.

Mir es ist wichtig, ehrlich zu mir selbst zu sein. Ich war lange unglücklich in meiner Ehe und hatte mich schon aufgegeben. Irgendwann ist mir klar geworden, dass es falsch ist, das den Kindern vorzuleben. Heute erleben mich meine Kinder so, wie ich wirklich bin. Ich jammere ihnen nichts vor, sondern ich will ihnen zeigen, dass man etwas tun kann für sein Glück. Freiheit ist mir wichtig. Die Freiheit, sich zu entwickeln, sich zu verändern. Das will ich ihnen vorleben.

Sind sie bei ihrer Mutter, bin ich Single, sind sie bei mir, bin ich alleinerziehender Vater. Mit drei Kindern ist es schwer, eine Frau zu finden, die sich auf eine Beziehung einlässt. Ich kann das verstehen. Von alleinerziehenden Müttern halte ich mich fern. Ich habe einfach nicht die Kraft, andere Kinder in mein Herz zu schließen und für sie zu sorgen.

Einige Zeit nach der Trennung sagte meine älteste Tochter zu mir: „Papa, ich bin froh, dass du es geschafft hast, dich von Mama zu trennen.“ Meine Tochter hat gespürt, dass ich in der Ehe nicht mehr ich selber war, dass wir nur eine Fassade gelebt haben. Sie wollte mir wohl damit sagen, dass so niemand glücklich wird. Es hat mich erleichtert und gefreut. Trotzdem: Kinder wollen nicht, dass Eltern sich trennen. Es bedeutet Schmerz, es bedeutet Veränderung. Kinder wollen Geborgenheit. Erwachsene auch.

Ich habe drei Töchter. Sie sind 18, 16 und acht Jahre alt. In den ungeraden Kalenderwochen leben sie bei mir von Mittwoch bis Freitag, in den geraden von Mittwoch bis Sonntag. Sogar die Abholzeiten sind fixiert. Kein Elternteil soll mehr Zeit mit den Kindern verbringen dürfen als vorher besprochen. Es muss gerecht zugehen.

Die Übergabe erfolgt an der Wohnungstür der Mutter. Anfangs waren das schwierige Momente, inzwischen haben wir Routine. Wenn eines der Kinder Geburtstag hat, essen wir zusammen Kuchen. Die ersten Monate nach der Trennung sind die Kinder immer mit großen Rucksäcken zwischen den Wohnungen hin- und hergereist. Mittlerweile haben sie in beiden Wohnungen Sachen. So hat meine Kleine etwa zwei Lieblingskuscheltiere – für jedes Bett eins. Wenn man die Ferien, die die Kinder zur Hälfte mit ihrer Mutter und zur anderen Hälfte mit mir verbringen, hinzurechnet, sind die Kinder 45 Prozent der Zeit bei mir.

Seit knapp zwei Jahren bin ich teilzeitalleinerziehend. Den Umgang mit meinen Kindern musste ich mir vor Gericht erstreiten. Die Mutter wollte meinen Umgang auf die Wochenenden reduzieren. Vielleicht wollte sie damit Konflikte im Alltag vermeiden. Eine aktuelle Studie über Mütter von nichtehelichen Kindern, die
im Auftrag des Bundesjustizministeriums erstellt wurde, zeigt, dass Mütter den Vätern das Sorgerecht aus diesem Grund häufig verweigern. Ein konfliktfreier, geregelter Alltag – das ist es, was Kinder brauchen. So wird – auch von den Jugendämtern – häufig argumentiert. Und häufig folgen die Familiengerichte dieser Argumentation.

Als Vater von ehelichen Kindern teile ich mir zwar weiterhin das Sorgerecht mit der Mutter, aber was würde mir das nützen, wenn ich meine Kinder im Alltag nicht mehr sehen würde? Natürlich ging es auch um Geld. Als ich nach meinem Auszug ankündigte, dass ich selbstverständlich meine Kinder zur Hälfte bei mir haben werde, musste meine Frau befürchten, dass sie keinen Unterhalt für die Kinder bekommt. Wenn die Eltern tatsächlich ein Wechselmodell praktizieren, dann bestehen keine gegenseitigen Unterhaltspflichten, weil beide dann ja im Prinzip die gleichen Kosten haben. Aber mir ging es nicht ums Geld – ich wollte nicht aus dem Alltag der Kinder verschwinden.

Bis heute ist es so: Wenn die Kinder bei mir sind, lebe ich wie früher. Wenn sie nicht bei mir sind, vermisse ich sie. Erst nach und nach gelingt es mir, meine Freizeit sinnvoll auszufüllen. Meiner Exfrau geht es nicht anders.

Kurz nach der Trennung habe ich sogar der Kinderärztin geschrieben, weil die nach Aussage meiner Exfrau der Auffassung war, dass es im Interesse der Kinder sei, wenn sie nicht aus der „gewohnten Umgebung“ gerissen würden. Ich befürchtete, dass sie das dem Gericht mitteilen würde. Deshalb schrieb ich ihr: „Ich als der Vater bin auch ein Teil der ,gewohnten Umgebung‘. Ich habe mich jahrelang um die alltäglichen Dinge gekümmert, die Kinder von der Schule abgeholt und bin mit ihnen zum Turnen gegangen, habe für sie eingekauft, gekocht, ihnen vorgelesen, sie ins Bett gebracht, mit ihnen Arztbesuche erledigt, Elternabende besucht und so weiter. Warum sollte es für das Kindeswohl gut sein, wenn ich nun von all diesen Dingen abgeschnitten bin? Auch mir machen die Bauchschmerzen der Kleinen Sorgen, aber ich glaube nicht, dass es eine gute Lösung für sie wäre, nicht mehr an einigen Wochentagen mit dem Vater zusammenzusein.“

Die Kinderärztin rief mich einige Wochen später an und versicherte mir, dass sie selbst auch davon überzeugt sei, dass Väter für die Entwicklung der Kinder notwendig seien.

Meine Töchter sprechen oftmals von Freundinnen, die ihre Väter nur an den Wochenenden oder gar nicht sehen. Heutzutage kommt das öfter vor. Eine Klassenkameradin meiner jüngsten Tochter hat angeblich „drei Väter“. Wer davon der richtige ist, weiß das Mädchen vielleicht nicht mal selbst. Meine Kinder erzählen auch häufiger von Vätern, die eine neue Familie gründeten und den Kontakt zu ihren leiblichen Kindern verloren haben. Es mag veraltet klingen, aber ich glaube, Blut ist dicker als Wasser. Ich werde mit einer anderen Frau nie das teilen, was ich mit der Mutter meiner Kinder teile. Die Erinnerungen nicht. Die Liebe nicht.

Nie werde ich die Kinder anderer Eltern so lieben können wie meine eigenen. Und ich erwarte von keiner Frau, dass sie meine Kinder so liebt, wie ihre Mutter unsere Kinder liebt. Für mich gibt es kein Patchwork-Glück. Vielleicht hänge ich insgeheim noch am Traum von der heilen Familie. Vielleicht brauche ich aber auch keinen Traum mehr, um glücklich zu sein. Ich weiß es nicht.

Meine Frau hat einen neuen Partner, glücklicherweise erhebt er nicht den Anspruch, ein neuer Papa für meine Töchter zu sein. Er hat genug mit seinen eigenen beiden Töchtern zu tun. Ich bin glücklich, dass ich meine Kinder regelmäßig bei mir habe. Verantwortung kann man nur übernehmen, wenn man auch den Alltag teilt: Bleibt das Kind heute zu Hause, weil es sich schlecht fühlt, oder geht es in die Schule, weil es eine Klassenarbeit schreibt? Gehen wir zum Arzt, oder ist das nicht nötig? Welcher Arzt ist der richtige? Braucht das Kind Nachhilfeunterricht in Mathematik, oder kann ich ihm selber helfen? Bis wann darf meine pubertierende Tochter abends unterwegs sein? Ich will diese Dinge mitentscheiden und mit meinen Kindern darüber sprechen, ich will auch mal mit ihnen streiten. So mache ich es nun seit Jahren.

Oft treffe ich Frauen, die voller Stolz von ihren Kindern erzählen. Diese Frauen wissen, was sie geleistet haben, wenn ihre Kinder groß sind. Ich empfinde diesen Stolz auch. Lässt sich eine ähnliche Befriedigung aus der Arbeit ziehen? Wenn ich lese, dass Männer, wenn sie Väter werden, durchschnittlich mehr Stunden arbeiten als vorher, finde ich das traurig. Diese Männer wissen nicht, was sie verpassen.

Für meinen regelmäßigen Umgang mit den Kindern muss ich bezahlen. Ich überweise der Mutter monatlich knapp 1200 Euro Kindesunterhalt, rund 400 Euro pro Kind gemäß Düsseldorfer Tabelle. Das Kindergeld erhält ebenfalls die Mutter. Mir bleiben für meine Kinder und mich 1500 Euro zum Leben. Ich will mich nicht beklagen, trotzdem finde ich eine Sache ungerecht: Die Ausgaben, die bei mir anfallen, weil die Kinder fast die Hälfte der Zeit bei mir leben, werden auf den Barunterhalt nicht angerechnet. Im Jahre 2005 entschied der Bundesgerichtshof, dass ein Vater den vollständigen Unterhalt gemäß Düsseldorfer Tabelle zahlen muss, obwohl er zu 36 Prozent das Kind mitbetreut. Ab welcher Grenze die täglichen Ausgaben für Essen, Kleidung und Aktivitäten auf den Unterhalt angerechnet werden, entscheiden die Gerichte ganz unterschiedlich, je nach Einzelfall. Es lässt sich aber auf jeden Fall sagen, dass Männer, die gut verdienen, eher eine Chance haben, ihre Kinder regelmäßig zu sehen, als Väter mit geringem Einkommen, weil die sich Unterhalt und Umgang häufig nicht leisten können.

Im siebten Familienbericht der Bundesregierung aus dem Jahre 2006 steht: „35 Prozent der Scheidungskinder haben zu Beginn des Erwachsenenalters eine relativ schwache Beziehung zu ihrem Vater. Dies ist auch bei Kindern mit einer vormals guten Vaterbeziehung der Fall. Hiervon ist besonders die Vater-Tochter-Beziehung betroffen.“ Obwohl es inzwischen wissenschaftlich belegt ist, dass eine stabile Beziehung zu einer primären Bezugsperson, in der Regel der Mutter, als ausreichende Bedingung für eine positive Bewältigung des Scheidungsgeschehens nicht ausreicht, erleiden sehr viele Trennungs- und Scheidungskinder den faktischen Verlust ihres Vaters – daran können offenbar die vielen Patchworkfamilien auch nichts ändern.

Nachdem ich ausgezogen war, hat meine kleine Tochter oft geweint. Ich solle zurückkommen, hat sie oft gesagt. Was sagt man da? Ich antwortete ihr, dass ich es nicht mehr aushalte, den Streit, die Verletzungen. Sie habe jetzt zwei Zuhause, sagte ich ihr. Und sie habe immer noch Mama und Papa, die sie sehr lieb haben, und ihre Schwestern, die immer bei ihr sind. Nach und nach haben die Mädchen verstanden, dass die Veränderung in ihrem Leben nicht nur ein Verlust ist. Und dass sie das, was sie lieben, nicht verloren haben.

Meine Exfrau und ich kümmern uns seit der Trennung – jeder wie er kann – um die Kinder. Vorher waren wir mit unseren Beziehungsproblemen beschäftigt. Nicht jede Veränderung ist schlecht.

In dem Familienbericht der Bundesregierung steht ein für mich tröstlicher Satz: „Die Forschung zeigt, dass es für Kinder besser ist, eine Scheidung mitzumachen, als permanenten ungelösten Konflikten ausgesetzt zu sein.“ Und an einer anderen Stelle heißt es: „Eine Ehescheidung beendet ein Familiensystem nicht, sie reorganisiert es tiefgreifend.“ Wenn eine Kommission im Auftrag der Bundesregierung so etwas schreibt, zeigt dies, dass sich etwas tut in Deutschland. Ich betrachte meine Trennung inzwischen nicht mehr nur als ein Scheitern, sondern auch als eine neue Chance. Das Leben ist wieder offener geworden. Ich glaube, dass ich diese Sicht auch meinen Kindern vermittle und ihnen auf diese Weise vielleicht ein Vorbild sein kann. Aber ein schlechtes Gewissen bleibt.

Letzte Woche war ich mit meiner Exfrau bei der Familienberatung des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf. Solche Hilfen sollte es mehr geben, damit mehr Kinder die Möglichkeit haben, mit beiden Elternteilen aufzuwachsen. Die Tatsache, dass mein eigener Vater seinen Vater nur wenig erlebt hat, war eine Folge des Krieges, denn mein Großvater war – wie viele andere – fünf Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Als er von dort wiederkam, war mein Vater neun Jahre alt und erkannte seinen Vater nicht mehr. Mir ist dieses Schicksal erspart geblieben. Und meinen Kindern wird das auch nicht passieren.

Erschienen in:
Ausgabe 07/2012
Redakteur:
Tim Köhler-Rama (Freier Autor)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Familie