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Papstbesuch

Mein Gott, er meint ja mich

Aus: Christ & Welt Ausgabe 40/2011

Nicht die Gegner beschädigen die Kirche, sondern die lauen Katholiken, sagte Papst Benedikt XVI. Er forderte weniger Strukturdebatten und mehr Gottesliebe. Kann sich die Kirche entweltlichen? Bekenntnisse einer lauen Katholikin

Die Deutschen möchten vom Papst geliebt werden. Sogar Papstkritiker schicken ihre Schriften nach Rom, um einmal von ihm zu hören: Ich verstehe dich. Doch Benedikt XVI. ist kein Mann des Weiter-so. Er liebt die Umkehr. Das Geh-hin-und-sündige-nicht-mehr. Vier Tage hat er in seiner Heimat gepredigt und geredet, Hunderttausende haben mit ihm die heilige Messe gefeiert und innig gebetet. Begeisterte Gläubige haben ihn mit Benedetto-Rufen bedacht und ihm Babys zum Segnen gereicht. Am Ende reichte es nur zu den üblichen Schlagzeilen: Papsttreue habe er gefordert, Reformen verweigert, Reizwörter wie „wiederverheiratete Geschiedene“ vermieden. Keine päpstliche Umkehr, nirgends. Sind das nur die bösen Medien, die unfrohe Botschaften mehr lieben als frohe?

Redlichkeit hat Benedikt XVI. angemahnt. Ganz redlich: Ich habe diesen Papstbesuch anders erlebt als viele routiniert bilanzierende Kollegen. Überraschender – und doch enttäuschender. Ich habe mit hörendem Herzen gelauscht, habe vernommen, was er gepredigt hat über die Heiligen, die Zöllner und die Dirnen. Immer wieder hat er daran erinnert, dass kein Mensch makellos ist. Auch nicht er selbst. Und doch konnte er den Eindruck nicht zerstreuen, dass er die pathetischen Umkehrer mehr liebt als jene, die auf dem einmal gewählten Weg stolpern, sich verletzen, wieder aufstehen, hilfesuchend um sich schauen.

Die geläuterte Dirne ist offenbar interessanter als die ergraute Frauengemeinschaftsfunktionärin. Der Pontifex hat die vielen ratlos zurückgelassen, die weder Heilige noch Hure sind. Er spricht denen aus dem Herzen, die beim Anblick des Papamobils der Ohnmacht nahe sind; die Engagierten, die sich im kirchlichen Alltag ohnmächtig fühlen, bekommen kaum liebevolle Worte. Aus ihnen aber besteht die deutsche Kirche. Feuilletonkatholiken stellen nicht die 200 Stühle im Pfarrzentrum auf, wenn ein katholisch gewordener Agnostiker oder Marxist aus seinem neuesten Buch liest. Da packen die unscheinbaren mit den unspektakulären religiösen Biografien an.

„Der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen“, sagte der Papst bei der Freiburger Vigil. Ich fühlte mich angesprochen, nein: ertappt. „Mein Gott, er meint ja mich!“ Bei der Rede im Konzerthaus legte er nach: zu viel Struktur, zu viel Versorgerkirche, zu viel Routine, zu wenig Gott und Geist. Er setzte der Befreiungstheologie seine Theologie der Freiheit von weltlichen Zwängen entgegen. Mutter Teresa zitierte er, spätestens da müsste jede Caritas-Angestellte gemerkt haben, dass der Engel der Armen Nächstenliebe nicht von der Anlehnung an den TVöD-Tarif abhängig machte.

Anschließend, beim Sektempfang des Bistums Freiburg, war kein Smalltalk möglich, nur Big Talk. Was hatte der Papst gemeint, als er von Entweltlichung sprach? Das Ende der Kirchensteuer oder das Ende der deutschen Kirche, wie wir sie kannten? Und worin besteht genau der Skandal des Christentums, von dem er sprach? Die Runden im Foyer erinnerten an Pausengespräche bei Bayreuther Skandal-Inszenierungen. In der Schwanenoper „Lohengrin“ zum Beispiel lässt Regisseur Hans Neuenfels Ratten ausschwärmen. Ein Teil des Publikums klatscht im Namen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung trotzdem Beifall. Ein anderer Teil diskutiert: Warum müssen Regisseure immer irgendetwas anprangern? Warum gönnen sie uns nicht einfach einen schönen Abend?

Erschienen in:
Ausgabe 40/2011
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Katholisch, Papst, Lebensstil