www.zeit.deProbe-Abo

Gender

Mein Freund Vivian

Aus: Christ & Welt Ausgabe 47/2014

Michael war viele Jahre unser Kollege beim „Rheinischen Merkur“. Vor einigen Wochen outete er sich bei Facebook als transsexuell und lebt seitdem als Frau. Das sollte kein Problem sein in einer liberalen Gesellschaft. Ist es aber doch. Eine Suche nach der alltäglichen Toleranz

Thekla Ehling

Ich

Michael ist fort. Wo mich bei Facebook bis gestern das Gesicht mit den Geheimratsecken und der Brille anschaute, lächelt nun eine Brünette mit zu viel Lippenstift. „Trara“, schreibt sie, „Facebook erlaubt seit Neuestem den Geschlechtswechsel mit einem Mausklick. Ach, wäre es doch im wirklichen Leben auch so einfach!“ Das ist Vivian, die Frau, die mein Kollege war – damals beim „Rheinischen Merkur“. Sechs Jahre war ich beim „RM“ Redakteur. Michael verbrachte sein halbes Leben dort – als Mann. Nun, da der „Merkur“ Geschichte ist, möchte er endlich Frau sein dürfen. Und das mit Mitte 50. „Geist und Seele“, schreibt Vivian, „waren bei mir immer weiblich. Jetzt soll das auch jeder sehen.“

Gerne würde ich Vivian so vorbehaltlos gratulieren zu ihrem Mut, wie es mich eine Dokusoap über den Weg Transsexueller in den „richtigen Körper“ gelehrt hat. Ist doch kein Ding mehr, hieß es da, wenn dein Kollege oder Freund eine Frau sein will. Und im Fernsehen scheint es wirklich kein Ding zu sein. Da verbreiten Menschen auf dem Weg in ihre neuen Körper regelmäßig Hoffnung. Aber wenn sich mein Kollege wirklich auf den Weg macht, ist es doch ein Ding. Für mich. Dann fängt mein Finger überm Gefällt-mir-Button an zu zittern und ich frage mich: Bekommt der Spießer in mir jetzt die große Flatter? Dabei dachte ich, ich sei tolerant.

Doch wie tolerant sind wir eigentlich, und wie tolerant glauben wir nur zu sein?

Du

Das ist Köln. Das ist dein Stammcafé. Und da bist du. Der Mantel ist braun, der Rock kurz, aber nicht zu kurz, du weißt, was sich gehört. Als du mich siehst, winkst du. Ich versuche gerade an dem Tisch in der Ecke den Spießer in mir mit Selters zu ertränken. Warum habe ich dir noch mal geschrieben? Dann fällt es mir ein: Ich wollte wissen, wie es dir geht und wie du dich verändert hast. Und du hast dich verändert. Du wirfst den Mantel über die Stuhllehne und strahlst, wie Michael nie gestrahlt hat: „Sag du zu mir.“ War dein Lachen früher schon so breit? Ich erinnere mich nicht. Michael hat nie gelacht. Er hat auch nur selten geredet. Und auf einmal sitzen du und ich beisammen und reden Stunden über Dinge, die man nicht mal mit dem besten Freund so ohne Weiteres bespricht.


Michael war mir fremd. Ich sehe ihn noch schweigend über Texten brüten. Michael war Schlussredakteur. Er kannte all unsere Rechtschreibschwächen. Wir aber wussten über ihn nur, dass er eine Schwäche hat: Fahrräder und Franzosen. Denn im Sommer lief auf seinem Fernseher immer die Tour de France. „Ihr kanntet Michael nicht“, sagst du und es klingt, als meintest du einen entfernten Bekannten. Aber wollte Michael denn, dass wir ihn kennen? Er hatte Angst. Seit Anbeginn der Zeit regierten konservative Katholiken den „Rheinischen Merkur“. Nur eine Frau hat es je in die illustre Herausgeberrunde geschafft. Und ausgerechnet die war auch noch dafür berüchtigt, Artikel gegen die „wie Krebs“ wuchernde „Genderideologie“ ins Blatt zu befehlen. In den Texten, die Michael korrigieren musste, behaupteten auch schon mal Radikalkonservative wie Christl Ruth Vonholdt von der evangelikalen Offensive Junger Christen (OJC), dass Homo-, Bi- und Transsexualität nur „Empfindungen“ seien, hervorgerufen durch die „Relativierung von Ehe und Familie“. Trotzdem oder deshalb gälten sie heute als „erstrebenswert“, so Vonholdt. „Das Ergebnis einer solchen Sicht wird tiefe Verunsicherung sein, eine Identitätsverwirrung und in vielen Fällen ein zerstörtes Leben.“

Wo war ich, als der Text in der Redaktionskonferenz beschlossen wurde? Warum habe ich nicht mit Stühlen geschmissen aus Protest? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß heute: Nicht Empfindungen verwirrten Michael, sondern wir. Wir gaben ihm das Gefühl, nicht reden zu können über sein Ich. „Michael war keine Insel“, sagst du. „Er hatte Familie, Kollegen, Freunde, auch wenn es nicht viele Freunde waren.“ Mit seinen Freunden spielte er Fußball. Danach gingen sie duschen, rissen Männerwitze, und niemand fühlte sich komisch dabei. Und doch wussten weder Michaels Freunde noch seine Familie, dass für Michael sein Penis seit seinem achten Lebensjahr ein Fremdkörper ist. Sie wussten auch nichts über seine Sammlung schicker Damenkostüme. Oder dass er gerne eins davon anzog nach Feierabend, um eine gefühlte Ewigkeit hinter der Haustür zu stehen und sich zu fragen: Wie mag es sein dort draußen, für Vivian? Michael glaubte, ihnen das nicht erzählen zu können. Er hatte Angst, seine Freunde sähen in ihm das Monster – Angst, es selbst in sich zu sehen.

Denn wäre Transsexualität wirklich erstrebenswert heute, warum tun alle Transsexuellen sich dann nach wie vor so schwer mit dem öffentlichen Bekenntnis? Wieso müssen sie immer wieder Demütigungen, Beschimpfungen, Belästigungen im Alltag über sich ergehen lassen, sodass 30 Prozent aller Transsexuellen laut einer Studie des Landes Nordrhein-Westfalen irgendwann versuchen, sich das Leben zu nehmen? Aus welchem Grund bräuchte der Hass eigens einen Namen, „Transphobie“? Und warum definiert der Gesetzgeber Transsexualität nach wie vor als Krankheit, sodass jeder, der seinen Vornamen und Personenstand ändern will, zwei psychologische Gutachten braucht? Kurz: Es ist kein Wunder, dass Michael 50 Jahre geschwiegen hat. Das Wunder ist vielmehr, dass er heute zu hundert Prozent Vivian sein will trotz allem.

Du strahlst nicht mehr. „Ohne Margarete wäre es nicht möglich gewesen“, sagst du und wirkst vorsichtig, schüchtern, verletzlich – wie früher. Margarete war der erste Mensch, dem Michael von Vivian erzählte. Sie trafen sich im Internet und wurden kurz darauf ein Paar. Bald träumten sie von der gemeinsamen Wohnung, vom Altwerden an der Seite des anderen. Margarete glaubte daran. Michael auch. Für ihn war Margarete die erste Liebe. Alle Frauen zuvor waren nur befreundet mit ihm. Und wurde es doch mal zärtlich, bekam Michael zu hören, seine Küsse seien weich, wie die Küsse einer Frau. Bei Margarete hoffte Michael Mann sein zu können. Eines Tages aber war klar: Er konnte es nicht. Du schaust auf deine Hände. „Da hat er Margarete eben die Kostüme gezeigt.“

Eine Weile machten sie weiter. Sie schwiegen mehr, sonst änderte sich wenig. Das mit Vivian, dachte Michael, geht vorbei. Aber das war Quatsch, und das wussten beide. Als Margarete sich trennte, gab es keine Wut, nur Traurigkeit. „Geh, Vivian, und lebe“, sagte sie. Und das hast du getan. Es war wie eine Geburt, deine Geburt. Plötzlich war er da, der Mut, auch anderen die Kostüme zu zeigen – deinem besten Freund, deiner Schwester, sogar deiner Mutter. Keiner will je etwas gemerkt haben, sagst du, selbst deine Mutter nicht. Bis heute redet sie nur ungern über die neue Tochter. Es ist schwer für sie. Michael war ihr einziger Sohn. Dennoch schlägt sie sich tapfer. Sie will akzeptieren. Doch wenn sie Michael wie neulich zum Namenstag gratuliert, tut es weh. Aber da muss man durch, sagst du. Da muss man durch.

50 Jahre hat Michael darauf gewartet, dass sich sein Leben irgendwie ergibt. Du dagegen eroberst es dir und verteidigst es gegen alle, die versuchen, es dir zu nehmen – gegen die Gutachter, die über deinen Personenstand befinden wollen; gegen die Männer, die dir auf der Straße Löcher in den Rücken starren; gegen die Ärzte, die dich am liebsten für immer bärtig, flachbrüstig und männlich durchs Leben gehen lassen würden. Und es geht dir gut dabei. Du strahlst, lachst und bist aufgeregt. Die Euphorie des Aufbruchs macht dich glauben, du könntest jedes Hindernis im Sturm nehmen. Und bislang ist ja auch alles gut gegangen. Keine Belästigung, Demütigung, Beschimpfung. Okay, du spielst nicht mehr Fußball, aber nur, weil deine Knie nicht mehr wollen, nicht weil deine Freunde dich nicht wollen. Auf einmal sind sie es, sagst du, die Angst haben – Angst, dich zu verlieren. Plötzlich interessiert es sie, ob du glücklich bist, wirklich glücklich. Das ist die Hauptsache aus ihrer Sicht. Und so eine Sicht führt bestimmt nicht zu zerstörten Leben. Im Gegenteil: Dein zerstörtes Leben liegt hinter dir. Und egal, was wird, ob du dich operieren lassen wirst oder nicht. Ein richtiger Mann wird eh nicht mehr aus dir.

Er, sie, es

Männer. Warum bin ich einer? Nie habe ich nachgedacht darüber. Und doch bin ich es: ein Mann. Aber was ist das, wann fing es an? Mit dem Ultraschallbild, auf dem der Arzt mein Geschlecht erspähte, wo ich nur graue Schatten sehe? Früher, sagen Soziologen. Der Schatten, glauben sie, definiert mein biologisches Geschlecht, der soziale Mann in mir jedoch sei älter, älter gar als ich. Er besteht aus Konventionen, Traditionen und Erwartungen der Gesellschaft an das Männliche sowie der Bereitschaft jedes Mannes, diese Erwartungen zu erfüllen – etwa wenn wir links gehen auf dem Kneipen-Klo, nur weil rechts ein Strichmännchen mit Röckchen an der Tür klebt. Oder wenn wir arbeiten, statt bei den Kindern zu sein, während unsere Frauen bei den Kindern sind und lieber öfter arbeiten würden.

Wie alles Soziale, glauben die Soziologen, ist auch der soziale Mann wandelbar. Ein Penis mag ein Penis sein, aber ein sozialer Penis ist eine Konstruktion der Gesellschaft. Die Gesellschaft kann ihn umgestalten, wenn sie will. Doch genau das sei der Punkt, sagt Udo Rauchfleisch, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Basel und der renommierteste deutschsprachige Experte zum Thema: Die Gesellschaft will nicht. Die „unüberwindliche Trennung der Menschheit in Männer und Frauen“, so Rauchfleisch, „ist immer noch eine Grundfeste unserer Kultur.“ An dieser Konstante des Zusammenlebens dürfe und könne der Mensch angeblich nicht rütteln. „Doch Transmenschen tun genau das, wenn sie sagen, dass die innere Wahrnehmung ihres Geschlechts nicht ihrer biologischen Disposition entspricht.“

Wer hätte das gedacht: Du bist eine Rebellin im Geschlechterkampf. Dabei siehst du gar nicht danach aus. Du kleidest dich schicker, schminkst dich doller als viele der „Biofrauen“, die du beneidest ums Echthaar. Zudem eroberst du dir gerade in Bett und Küche deine neue Weiblichkeit. Du verabredest dich mit Männern aus dem Internet und würdest gerne einem die Pantoffeln vors Bett und das Essen auf den Tisch stellen. Weiß Margarete davon? „Sie weiß es“, sagst du. Aber sie redet nicht gern darüber – nicht mit dir. Vielleicht liebt sie Michael noch immer.

So bieder, so konservativ kann Rebellion sein. Vielleicht ist sie deshalb vielen Konservativen ein Dorn im Auge: Du lebst mit deinen Pantoffeln, was moderne Frauen nicht leben wollen. Christl Ruth Vonholdt hat recht: So eine Rebellion muss zu tiefer Verunsicherung und Identitätsverwirrung führen – unter Konservativen. Anders lässt sich der Furor nicht erklären, mit dem Konservative wie Vonholdt, Gabriele Kuby oder Christa Meves (alle ehemalige „RM“-Autorinnen) bis heute gegen die „Genderideologie“ ankämpfen und dabei deren Unbeweisbarkeit mit einer Wahrheit widerlegen wollen, die für sie keines Beweises bedarf.

Natürlich stimme es, sagt Udo Rauchfleisch: Selbst die Wissenschaft könne Transsexualität nicht erklären. Im Kern gehe es wohl nicht um Sex, sondern um Identität, nicht um Krankheit, sondern um „Normvarianten“, um seltene, nicht pathologische Facetten der menschlichen Natur. Und in der, so Rauchfleisch, scheine es eben auch zu liegen, für krankhaft zu halten, was man nicht versteht. Der Glaube an unveränderliche Wahrheiten hilft da, mit dem Unverständnis zu leben. Wobei wir – es musste ja so kommen – bei Ratzinger wären. Jahrelang näherte sich schließlich in jeder Diskussion über die Wahrheit die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ratzinger-Zitat fällt, mit zunehmender Dauer dem Wert eins an. Und Ratzinger hat sich als Präfekt der Glaubenskongregation und später als Papst ja auch mehrfach zu den Themen Gender und Transsexualität geäußert. Gerne sprach er dabei vom „Tatbestand“ des „Transsexualismus“, von Menschen, die nur „phänotypisch“ das andere Geschlecht „darstellen“, weshalb er diese Menschen vom Sakrament der Ehe und der Weihe ausschloss.

Das unvermeidliche Ratzinger-Zitat dieses Textes stammt aus einer Papstansprache einen Tag vor Heiligabend 2008: „Das, was mit dem Wort ,Gender‘ gemeint ist“, sagte Benedikt XVI. da, „führt unweigerlich zu einer Selbstemanzipation des Menschen von der Schöpfung und vom Schöpfer. Der Mensch will immer und ausschließlich über sich selbst entscheiden. So lebt er gegen die Wahrheit und den Schöpfergeist. Dessen Missachtung ist eine Selbstzerstörung des Menschen und damit eine Zerstörung des Werkes Gottes.“ Verletzt dich das? Du zuckst mit den Schultern. Es ist dir egal. „Ich bin Realistin. Ich glaube an keinen Schöpfergeist.“ Du glaubst an dich, an die eine große Entscheidung deines Lebens. Michael war da anders. Er musste es sein. Für ihn als Redakteur waren Glaube und konservative Grundierung Arbeitsvoraussetzungen. Du sagst: „Aber nie konnte irgendwer reinschauen in ihn.“ Wie auch? Er hat nichts gesagt, sich nie gewehrt gegen alles allzu Konservative. „Du auch nicht.“

Heute frage ich mich: Woher wusste Benedikt so viel über den Menschen? Mit wie vielen gegen die Wahrheit Lebenden hat er gesprochen, mit wie vielen Transsexualismus-Tätern und Phänotypen ist er durch die Vatikanischen Gärten geschritten, bevor er sie der Zerstörung des Werkes Gottes bezichtigte? Die Zahl dürfte überschaubar sein. Selbst als Papst blieb Ratzinger Gelehrter. Statt sich der Natur des Menschen auszusetzen wie sein Nachfolger Franziskus, versuchte er sie in seinem Studierzimmer zu ergründen. Dort wurde er möglicherweise ein Opfer dessen, was der US-Schriftsteller David Foster Wallace in einer Rede über den Wert wahrer Bildung mal die persönliche „Standardeinstellung“ nannte, „jene im wahrsten Sinne des Wortes zu verstehende Ichbezogenheit, derentwegen wir alles durch die Linse des Selbst sehen und interpretieren“ und uns so das Leben leicht machen. Eine ausschließlich auf Büchern und Fußnoten beruhende Bildung sei gefährlich, so Wallace: „Das Gefährlichste an akademischer Bildung ist, dass es die Neigung zur Überinterpretation verstärkt. Ich verliere mich in Abstraktionen, statt auf das zu achten, was sich vor meiner Nase abspielt. Statt auf das zu achten, was sich in mir abspielt.“ Die einfachsten Wahrheiten sind eben am schwersten zu erkennen – gerade in der Studierstube. Da muss man die eigene Standardeinstellung hinterfragen – die Standardeinstellung etwa, dass die Natur reine Kopfsache ist oder dass der Satz „Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Junge“ alles übers Geschlecht sagt, was gesagt werden kann. Und man sollte auch alle fremden Standardeinstellungen hinterfragen, wobei einem immer die verdächtig sein sollten, die die Welt spalten, in Schwarz-Weiß, Gut-Böse, Drinnen-Draußen …

Wir, ihr

Journalisten wissen: Nichts ist schwarz, nichts weiß. Es gibt nur Facetten von Grau. Wir haben gelernt, Wahrheiten zu misstrauen. Gerade deshalb gelten wir bei vielen Menschen als Zyniker, als haltungsloses Gesindel. Und ein wenig stimmt es ja: Keiner warf beim „RM“ mit Stühlen, als Haltung gefragt war am Konferenztisch. Zugegeben: Wir wussten nicht, dass eines der „zerstörten Leben“, die Christl Ruth Vonholdt meint, in unserer Mitte saß und auf Texte starrte. Doch wir konnten es uns auch nicht vorstellen – das ist das eigentliche Problem. Keines der Leben war uns je begegnet, und wir waren froh darüber. Weil wir Transsexualität nur aus dem Fernsehen kannten, dachten wir, es gäbe nur dort ein Problem – ein Problem, wie uns die Kollegen auf der Mattscheibe eintrichterten, das eh von gestern ist. Wer sich da fragt, ob das stimmt, zieht schnell den Schwanz ein, so wie ich. Oder er stellt sich, wie Ratzinger, die Wahrheit als freudlosen Salat vor: Man pickt die labbrigen Blätter heraus und ist verärgert, wenn nichts Genießbares mehr übrig bleibt.

Für Mutige gibt es noch einen dritten Weg, den Fox-Mulder-Weg: „Die Wahrheit ist irgendwo dort draußen“, wusste der FBI-Agent fürs Übersinnliche in der Serie „Akte X“. Man muss sie suchen, auch wenn man sie vielleicht nie findet. Deshalb bin ich hier, sitze dir gegenüber – Lippenstift, falsche Haare, Männerbeine – und versuche den Spießer in mir in Selters zu ertränken. Und ja, du hast dich verändert. Du wirkst größer, selbstbewusster, stärker. Dir sind die Blicke der anderen Gäste egal. Du lebst dein Leben. Oder bilde ich mir nur ein, dass die anderen schauen? Ich komme mir kleinbürgerlich vor. Du dagegen bist die Souveränität in Person. Dennoch sagst du: „Ich hatte Angst, als ich reinkam – Angst, wie du reagierst.“ Ich auch, denke ich. Ich auch.

Ja, man erlebt die tollsten Dinge dort draußen auf Wahrheitssuche. Da entpuppen sich die konservativsten Katholiken des „RM“ am Telefon als mitfühlende Ex-Arbeitgeber, zu denen Vivian jederzeit hätte kommen können. Während die Gerechtigkeitsaktivistin beim Plausch in der Mittagspause froh ist, dass Michael sie früher nie belästigt hat mit seiner Weiblichkeit. Da wird, seit Benedikt als Pensionär in den Vatikanischen Gärten die Blumen wässert, aus dem konservativen Wiener Kardinal Schönborn sogar ein verständnisvoller Hirte – er zollt Conchita Wurst nach Österreichs Sieg beim Eurovision Song Contest öffentlich „Respekt“ und „Hochachtung“ und entpuppt sich auf Nachfrage von Christ & Welt beim Wiener Erzbistum sogar als idealer Arbeitgeber für Identitätssucher: „Eine Anstellung wäre möglich, die sexuelle Identität eines Menschen allein ist kein Grund, eine Anstellung zu verweigern.“

Und natürlich trifft man Franziskus draußen über den Wolken, wie er Interviews gibt auf seinem Weg von A nach B. Denn wird die Luft dünn, sagt Franziskus die interessantesten Sachen. So wie 2013 auf dem Rückweg von Rio de Janeiro: „Wenn jemand schwul ist“, überraschte er da die Journalisten, „und guten Glaubens den Herrn sucht – wer bin ich, über ihn zu richten?“ Ja, wer? Kein Aussortierer und Blättchenpicker, eher ein Sucher, ein Umarmer, ein Lass-uns-drüber-reden-Typ. Und in ein paar Tagen, da will Franziskus wieder reden. Da gibt es im Vatikan ein Arbeitstreffen von 14 Religionsgemeinschaften mit dem Titel „Die Komplementarität von Mann und Frau“. Das klingt nach Ratzinger, nur hätte der das Ausrufezeichen im Titel sicher nicht vergessen. Franziskus haut andere Pflöcke ein: „Es ist der Wunsch der Kirche“, ließ er verlauten, „mit allen Menschen guten Willens über solch existenzielle Fragen der Menschheit zu sprechen.“

Manchmal aber fällt reden schwer, unendlich schwer. Man muss sich zwingen, sich mit aller Kraft entscheiden dafür. Dann ist es wurscht, wie tolerant man ist oder zu sein glaubt. Dann zählt, wie tolerant man sein will. Und auch wenn der Wille keine Berge versetzt: Ein Hügel ist drin. So wie bei uns. Toleranz, sagst du, als wir uns verabschieden, ist dir zu wenig. Du willst akzeptiert werden von mir. Und ich will ja. Ich gebe mir Mühe.

Sich entscheiden heißt Freiheit, sagt David Foster Wallace. Sie „erfordert Aufmerksamkeit und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weise, völlig unsexy, Tag für Tag.“ Diese Freiheit will ich mir nehmen. Wer sich so befreit, kann auch zugeben, wenn er etwas nicht weiß. So wie Udo Rauchfleisch, der Psychologe der Universität Basel. Seit 40 Jahren liegen Menschen wie du bei ihm auf der Couch, und dennoch hat er keinen Schimmer, warum sie sind, wie sie sind. Er weiß nur: Sie sind da. Deshalb ist er da für sie. Und auch wenn wir den ganzen Abend geredet haben, weiß ich nicht, warum ich Mann bin und du nicht. Oder ob mein Penis aus dem Himmel kommt oder aus dem Soziologieseminar. Aber ich weiß, ich bin nicht allein mit dem Nichtwissen, weshalb die letzten Worte Margaret A. Farley gehören, einer suchenden Ordensschwester und Professorin für christliche Ethik an der Universität Yale. Ihr Buch „Verdammter Sex“ gefiel Benedikt vor einigen Jahren so wenig, dass er es gerne verboten hätte, vergebens. Dabei kann selbst ein Jahrhunderttheologe nicht schöner, ehrlicher, wahrer über Genitalien schreiben als …

Sie

„Wir wissen nicht, was danach kommt. Das Geschlecht ist in dieser Welt wichtig, also können wir davon ausgehen, dass es auch in der nächsten wichtig sein wird. Wenn dem so ist, wird es nicht mit den Stereotypen dieser Welt beladen sein und auch nicht mit unseren Urteilen und Fehlurteilen. In einer neuen Welt werden wir begrenzte Möglichkeiten nicht mit unbegrenzten verwechseln; wir werden unterschiedlich sein, aber das wird uns nicht zu Fremden machen; wir werden nicht zu viel oder zu wenig von unserer Identität als Frau oder Mann erwarten. Hier und jetzt können unsere Augen nicht so weit blicken, und unsere Ohren können noch nicht hören, was uns dort erwartet. Aber hier und jetzt wird von uns Gerechtigkeit und Sorge füreinander gefordert, in einer Welt, die besser geordnet werden kann.“

Erschienen in:
Ausgabe 47/2014
Redakteur:
Raoul Löbbert (Redakteur)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Medien, Papst, Sexualität, Lebensstil