Entweltlichung 2
Mehr beten, weniger betten?
Aus: Christ & Welt Ausgabe 49/2011
Die Caritas ist der größte Wohlfahrtsverband in Deutschland. Ist sie zu groß geworden für die Kirche?
Jeder zweite Platz in einer Behinderteneinrichtung, jedes dritte Krankenhausbett und jeder vierte Kindergarten in Deutschland wird von den Kirchen unterhalten. Die katholische Kirche hat sich, nach dem Vorbild der evangelischen, mit der Caritas einen Wohlfahrtsverband an den Hals gehängt, mit einer halben Million hauptamtlich Beschäftigten, dreimal so viele wie die Arbeiterwohlfahrt, und noch einmal so vielen ehrenamtlich Engagierten. Warum? Sie handelt sich endlose Diskussionen ein. In regelmäßigen Abständen müssen die Kirchen dagegen argumentieren, dass sich Krankenhäuser, darunter auch ihre, angeblich als größte Kostentreiber im Gesundheitswesen erwiesen hätten. Aber warum fühlen sich immer noch viele Menschen besser aufgehoben in Krankenhäusern der Diakonie und in Altenheimen der Franziskanerinnen der allerseligsten Jungfrau Maria von den Engeln? Was ist das Eigentliche? Was tut die Caritas, was andere nicht tun? Darüber wird in den knapp 30?000 Einrichtungen der Caritas und auch den 24?000 der Diakonie debattiert. Eine Antwort der Beschäftigten lautet: Dem wunden Hintern ist es eigentlich egal, wer ihn verbindet.
Das Eigentliche, sagen Patienten, Bewohner und Klienten, ist der Geist. Früher brachten Ordensschwestern und Diakonissen ihn aus ihren Klöstern und Mutterhäusern mit. Und niemand fragte, ob Deutschland oder die Welt christliche Krankenhäuser brauchen. Dann wurden Ordensfrauen und Diakonissen weniger. Gleichzeitig erlebte die Sozialarbeit, auch die kirchliche, eine ungeheure Professionalisierung. Wo früher die Gemeindeschwester bettete und betete, ist heute eine Armada unterwegs vom Schuldnerberater bis zur Dorfhelferin. Caritas und Diakonie brauchten immer mehr Personal.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden sie mitunter händeringend gebeten, marode Sozialeinrichtungen in den neuen Bundesländern zu übernehmen – mit den Beschäftigten. Die fragten, ob jetzt die christliche Ideologie die sozialistische ersetze. Caritas und Diakonie wurden so groß wie nie zuvor. Und mussten überlegen, was das Eigentliche ist. Mithilfe von Kommunikationsagenturen setzten Direktoren und Mitarbeitervertreter gemeinsam Texte auf, die das Eigentliche beschreiben sollten. Sie nannten das „Leitbildentwicklung“. Die gehört heute zur Zertifizierung, der sich jedes Krankenhaus und jeder Pflegedienst unterziehen muss, alle paar Jahre wieder. Mitunter dauert es, bis Leitbild und Leben einander ähnlich sind.
Im Leitbild des Deutschen Caritasverbandes steht: „Das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt, aber seine Gerechtigkeit muss in ihr Gestalt annehmen.“ Und: „Der Dienst der Caritas gehört wie der Gottesdienst und die Verkündigung zum Lebensvollzug der Kirche.“ Ohne Caritas und Diakonie hat also die Kirche ein Defizit an Substanz.
„Not sehen und handeln“ lautet das Motto der Caritas. Darin steckt ein Konflikt. Diakonie und Caritas wollen wie der Barmherzige Samariter in der Bibel das unter die Räuber gefallene Opfer suchen. Und ihm helfen. Der Barmherzige Samariter tut das nicht selbst, sondern bringt das Opfer zu einem Wirt und gibt ihm Geld, damit er es pflegt. Die Mitgliedswerke der Caritas pflegen aber selber. Sie sind nicht nur Samariter, sondern auch Wirt. Und schließlich machen sich Caritas und Diakonie zum Anwalt und setzen sich politisch ein – damit die Opfer erst gar nicht unter die Räuber fallen, sagen sie.
Tatsächlich stecken sie oft im Zwiespalt zwischen den Interessen der Pflegenden und der Gepflegten. Behandlung und Beratung müssen bezahlbar sein. Aber Berater und Pflegekräfte verlangen angemessene Bezahlung. Die Vorstände schon gar. Gute Behandlung kostet gutes Geld. Mancher, der ins Altenzentrum gehen muss, fühlt sich wie unter die Räuber gefallen, wenn er die Pflegesätze der Heime sieht.
Das ist zu kompliziert und zu viel, halten manche Bischöfe dagegen. Muss sich die Kirche vom Gesundheitsministerium in die Zange nehmen lassen, das generell weniger Krankenhäuser in Deutschland haben will? Muss sie sich in Verhandlungen aufreiben mit Ländern und Kommunen, die die Zuschüsse an Schulen und Kindergärten kürzen wollen? Muss sie Interessen ausgleichen zwischen Sozialkonzernen und ihren Kunden? Muss sie Tausenden von Mitarbeitern erklären, wer die Kirche ist, bei der sie arbeiten und deren Gesicht sie damit sind? Nein, entgegnet mancher Bischof, das wächst uns über den Kopf. Caritas geht nur mit überzeugten Christen. Der Papst hielt dem in seiner Freiburger Rede entgegen, Christen dürften sozial-karitative Dienste nicht einfach anderen überlassen. Aber er sagte auch: „Nur die tiefe Beziehung zu Gott ermöglicht eine vollwertige Zuwendung zum Mitmenschen, so wie ohne Zuwendung zum Nächsten die Gottesbeziehung verkümmert.“ Der Satz wird sich in ein paar Jahren wohl im Leitbild des Caritasverbandes wiederfinden.





