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Entweltlichung 3

Mehr denken, weniger handeln?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 49/2011

In den Aufsichtsräten der Kirchenbanken sitzen Generalvikare. Sind sie da am richtigen Platz?

Der Name ist irreführend und richtungweisend zugleich. Kirchenbanken pflegen Verbindungen zu Kirchen, doch sie sind keine kircheneigenen Unternehmen. Als Genossenschaftsbanken müssen sie im kirchlichen Bereich wie weltliche Finanzinstitute um die Gunst von Entscheidungsträgern buhlen. Schließlich geht es um die Anlage eines geschätzten Vermögens von rund 100 Milliarden Euro.

Die Branche ist überschaubar. Sie umfasst insgesamt zwölf Kirchenbanken, darunter sieben katholische und fünf evangelische Finanzinstitute. Zu den größeren katholischen Banken gehören unter anderem die Pax-Bank aus Köln, die Bank im Bistum Essen, die Bank für Kirche und Caritas in Paderborn und die DKM Darlehenskasse Münster. Bei den evangelischen Geldhäusern dominieren die Kreditgenossenschaft Kassel und die KD Bank für Kirche und Diakonie aus Dortmund. Gemeinsam kommen die zwölf Kirchenbanken auf eine Bilanzsumme von rund 30 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Deutsche Apotheker- und Ärztebank, die ebenfalls im Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) organisiert ist, brachte es 2010 auf eine Bilanzsumme von 39 Milliarden Euro.

Wozu brauchen Kirchen überhaupt Banken? Schließlich mangelt es in Deutschland nicht an Geldhäusern, die bereit wären, kirchliches Vermögen anzulegen oder kirchliche Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Kindergärten mit Krediten zu versorgen. Auch Kleinkredite oder die Förderung von sozialen Projekten sind kein Alleinstellungsmerkmal mehr von Kirchenbanken. Bei dem wachsenden Geschäftsfeld des ethischen Investments bekommen die Kirchenbanken zunehmend Konkurrenz von traditionellen Geldhäusern.

Die Frage stellt sich zunehmend in entgegengesetzter Richtung. Nicht die Kirchen brauchen die Kirchenbanken, sondern die Kirchenbanken die Kirchen. Denn der Markt für kirchliche Dienstleistungen schrumpft – und damit auch das Geschäftsfeld der Kirchenbanken. So ist allein im Bistum Essen die Zahl der Pfarreien durch die Strukturreformen der vergangenen Jahre von 264 auf 49 Körperschaften des öffentlichen Rechts geschrumpft. Für die Bank im Bistum Essen bedeutet das: weniger Kunden. Und es geht weiter abwärts. Folglich bietet die Kirchenbank – wie andere auch – ihre Dienstleistungen nun Kunden an, die keine direkte Verbindung mehr zur Kirche haben. Sie öffnet sich mehr und mehr der Welt.

In den Gründerjahren war das noch anders: Die meisten kirchlichen Banken wurden als Selbsthilfeeinrichtungen gegründet, um die Altersvorsorge von Priestern zu ermöglichen, den Bau von Kirchengebäuden und die Arbeit karitativer Einrichtungen zu finanzieren. Nur kirchliche Mitarbeiter, Mitglieder der jeweiligen Kirche und ihre Familienangehörigen konnten ein Konto bei einer Kirchenbank errichten. Schließlich sollte das Vermögen von Pfarreien, Bistümern, Gemeindegliedern und kirchlichen Mitarbeitern gemäß den Prinzipien der katholischen Soziallehre angelegt werden und nicht der Gewinnmaximierung traditioneller Geldhäuser dienen.

Durch das Genossenschaftsmodell wurde die Arbeit der kirchlichen Dienstleister auf eine weltliche Basis gestellt. Sowohl Privatpersonen als auch Institutionen wie Gemeinden, Pfarreien, Wohlfahrtseinrichtungen und Kindergärten können Anteile zeichnen. Jedes Mitglied hat eine Stimme, unabhängig davon, wie hoch sein Anteil ist. Die finanzkräftigen Genossen machen ihren Einfluss dafür auf einem anderen Weg geltend: Ihre Vertreter sitzen im Aufsichtsrat und kontrollieren die Arbeit des Bankvorstandes.

Noch haben die Kirchenbanken einen entscheidenden Vorteil gegenüber ihrer weltlichen Konkurrenz: Sie können Kredite günstiger anbieten. Denn sie müssen weder ein teures Filialnetz unterhalten, noch bergen ihre Bilanzen Risiken, die bei der Vergabe von Darlehen an kleine und mittlere Unternehmen entstehen können. Bei Vermögensanlagen sieht es allerdings anders aus. „Ich würde mir wünschen, dass die Bischöfe mehr Geld bei den Kirchenbanken anlegen und nicht da, wo die höchste Rendite ist“, klagt ein Branchenkenner. Auch Kirchenbanken sind keine Wohltätigkeitseinrichtungen. Doch gemäß ihrer Philosophie unterscheiden sie zwischen Gewinnmaximierung und Gewinnoptimierung. Während Ersteres als hemmungslose Gier kritisiert wird, ist Letzteres ausdrücklich erwünscht. Profit ist willkommen, aber nicht auf Kosten anderer.

Was heißt nun Entweltlichung: keine Gemeinden als Bankgenossen, keine Generalvikare im Aufsichtsrat. Und vielleicht auch: keine Kirchenbanken. Dann wäre Geld das Geschäft der Welt.

Erschienen in:
Ausgabe 49/2011
Redakteur:
Astrid Prange (Redakteurin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Wirtschaft