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Haltung, bitte!

Mehr Europa

Aus: Christ & Welt Ausgabe 19/2014

„Bald ist Europawahl. Müssen die Christen im Land der Reformation sich nicht viel klarer gegen diesen bürokratischen Moloch wenden, der die christlichen Werte durch Materialismus, Dekadenz und Gleichmacherei ersetzt, dazu nur Unsummen Geldes verschlingt?“ anonym

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, keine Haltungsfragen zu beantworten, bei denen die Frage nur rhetorisch ist und die Fragesteller ihren Namen verbergen, um dann umso forscher Position zu beziehen. Heute juckt es mich zu sehr in den Fingern. Wissen Sie, welche Sprachen bei den berühmten Tischgesellschaften des Reformators in Wittenberg gesprochen wurden?

Nachgewiesen sind neben anderen Englisch, Russisch, Polnisch, Slowenisch, Niederländisch, Dänisch, Französisch, Türkisch, Finnisch und natürlich Latein, die europäische Gelehrtensprache. Die Reformation war von Anfang an eine europäische Bewegung. Nationalkirchen sind Zugeständnisse an Macht und Recht, Erfindungen des Heiligen Geistes sind sie nicht.

Vor hundert Jahren sind Soldaten aller europäischen Nationen mit dem Vaterunser auf den Lippen in die Schützengräben gegangen und haben einander erschossen, Christen töteten Christen, allesamt glaubten sie der Nation mehr als Gott. Nun haben wir seit Jahrzehnten Frieden.

Mag sein, dass die alten Geschichten für viele kein Argument mehr sind. Aber Ihre Kritik am europäischen Projekt klingt wie die Häme Wladimir Putins gegen den Westen. Ein unheimlicher Bündnispartner, finden Sie nicht? Die Kirchen können Europafeinde in den eigenen Reihen ertragen. Doch wer ein Europa aus dem „Geist des christlichen Abendlandes“ ersehnt, als das noch kein Kampfbegriff war, setzt sich für ein menschlicheres Europa ein.

Zugegeben, es gibt viel zu tun. Es ist noch ein langer Weg bis zur gleichen Würde für alle. Über Wege aus der europäischen Schuldenkrise soll heftig gestritten werden, so wie für mehr Demokratie, für klarere politische Strukturen, für ein Europa, das sich gegen den Rest der Welt nicht
abschotten muss, weil die Grundüberzeugungen aus Christentum und Aufklärung festen Halt geben. In diesem Punkt lasse ich nicht nach: Ich hoffe auf europäische Kirchen, die mutiger werden und diese Ideen aus den eigenen Quellen verteidigen. Es ist Zeit.






Erschienen in:
Ausgabe 19/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Außenpolitik