www.zeit.deProbe-Abo

Kontroverse

„Mehr Demut, bitte“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 43/2011

Mit seinem Buch „Jesus war kein Vegetarier“ und einem Interview in Christ & Welt hat der junge Theologe Sebastian Moll seine Zunft verärgert. Nun sucht er Rat bei Haltungsexpertin Petra Bahr.

Mahlzeit: Fleisch gehört dazu, zumindest in der Darstellung von Jacopo Bassano. © Fine Art Images

Sehr geehrte Frau Dr. Bahr,

als Kolumnistin bei Christ & Welt haben Sie vermutlich mein Interview, das dort vor einigen Wochen aus Anlass meines neuen Buches abgedruckt wurde, wahrgenommen. Seither erhalte ich eine riesige Menge an „Fanpost“, Einladungen zu Vorträgen, weitere Interviewanfragen et cetera. Nur an meiner Fakultät (Evangelische Theologie, Mainz) habe ich es schwer. Es begann mit einer mehrstündigen Inquisition durch den Dekan, es folgte ein offizielles Distanzierungsschreiben meiner Kollegen.

Nun weiß ich natürlich, dass mein Buch in einem satirisch-polemischen Stil verfasst ist. Es hatte auch nie den Anspruch, ein akademisches Werk zu werden, im Gegenteil, meine schriftstellerischen Vorbilder in diesem Fall waren eher Heine und Tucholsky. Dass ich damit einigen Leuten auf die Füße treten würde, war mir bewusst. Wofür ich allerdings wenig Verständnis habe, ist der Vorwurf vonseiten der Fakultät, ich sollte mich zu solchen Fragen nicht öffentlich äußern. Da kann ich nur sagen: Wenn sich ein Theologe nicht mehr öffentlich zur Rolle der Theologie äußern darf, wer dann? Wenn ich mich nicht täusche, haben Sie einmal sinngemäß geschrieben: „Der christliche Glaube gehört nicht in dunkle Gebäude, sondern an die frische Luft!“ Diesem Auftrag fühle auch ich mich verpflichtet. Wie soll ich mich in dieser Lage verhalten? Wäre ein Jobwechsel möglicherweise angebracht? Oder einfach „Augen zu und durch“?

Mit bestem Dank im Voraus

Sebastian Moll


Lieber Herr Moll,

meinen Glückwunsch. Mit Ihrem Essay „Jesus war kein Vegetarier“ haben Sie gezeigt, dass Sie alle Tricks des Debattenmarktes beherrschen. Wenn Ihnen die Karriere als Wissenschaftler zu steinig ist, werden Sie Bestsellerautor. Weil ein Blickfang auf dem Buchdeckel heute aber niemanden an die Kassen der Buchläden treibt und schon gar keine Interviewanfragen bringt, braucht es eine Aussage, die wie ein Magnet aufs Publikum wirkt: Mit ihm kann man dann in der nächsten Talkshow auch gleich einsteigen. „Man wird doch noch mal sagen dürfen…“

In dieser Zauberformel ist der Erfolg versteckt. Sie ist mit Erwartungen und Unterstellungen vollgestopft: Endlich spreche einmal einer aus, was sonst, vor allem von „denen da oben“, verschwiegen werde. Der Satz suggeriert Tapferkeit. Gegen die Schwindler, Anpasser und politisch Korrekten hält es da einer mutig mit der Wahrheit. Der Satz, mit dem auch Sie Ihr Büchlein einleiten, spricht all die an, die sich mit ihrer Position in der Defensive glauben. Natürlich haben Sie Fans!

Da Sie ein kluger Kopf sind, wissen Sie, dass Provokationen einen Rahmen brauchen. Sie leben vom Kontext. In den Achtzigerjahren war es mutig, in Bundeswehruniform auf einem Kirchentag zu erscheinen. Beim letzten Kirchentag in Dresden scharten sich um den Protestanten und Verteidigungsminister Thomas de Maizière genauso viele Fans wie um seinen Debattengegner Nikolaus Schneider. Trotzdem behaupten oft beide Seiten, sie würden in der Kirche marginalisiert.

Die Meinungsvielfalt innerhalb beider Kirchen ist größer geworden und die Stimmen werden vehementer vorgetragen, manchmal werden sogar Brandbeschleuniger in Form von Verdächtigungen oder Brüskierungen hin- und hergeworfen. Der Weg von der Polemik zur Beschimpfung ist leider oft kurz. „Man wird doch noch mal sagen dürfen…“ Die Gegner sind in diesem Satz gleich auf ihre Plätze der Propagandisten oder Angsthasen verwiesen, die sich in den Netzen ihrer politischen Korrektheit verfangen haben.

Der größte Meister in der Anwendung dieses rhetorischen Tricks war Thilo Sarrazin. Droht nun auch die „Sarrazinisierung“ der kirchlichen Debatten? Dort die zahlreichen Fans, hier die, die die Parteiausschlussverfahren lancieren? Nicht erst Ihr Buch und die Reaktionen darauf deuten darauf hin. Vermutlich gibt es eine Tendenz sich verhärtender Milieus, aus der eine Art innerkirchlicher Kulturkampf erwachsen kann. In der katholischen Kirche ist dieser Konflikt mit Händen zu greifen, doch auch in der evangelischen Kirche deutet er sich an. Es wäre zu einfach, hier Konservative und dort Reformer, dort die Klerikalisierer und hier die Kulturalisierer auszumachen.

Die Suchbewegungen passen nicht in alte Schubladen. Die Kirchen befinden sich in einer Phase der Neuorientierung. Das Christentum verliert an Selbstverständlichkeit. Deshalb ist der Streit um den richtigen Weg nicht nur logisch, er ist auch wichtig. Die Frage ist nur, wie die Auseinandersetzung geführt werden soll. Ihr Buch trifft, wie vor Ihnen schon die „Kirchendämmerung“ von Friedrich Wilhelm Graf, mitten in diese Unentschiedenheit.

Auch schlechte Bücher wie das von Sarrazin können Gutes bewirken. Wenn die Resonanz so stark ist, trifft es einen Punkt. Welchen Punkt haben Sie getroffen? We wollen Sie damit umgehen? Bleiben wir beim Verhältnis von Theologie und Öffentlichkeit. Ich glaube wie Sie, dass es einen Bedarf an gut lesbarer, humorvoller, aber vor allem glaubwürdiger öffentlicher Theologie gibt. Es gibt eine Sehnsucht nach theologischer Selbstaufklärung über zentrale Fragen des Glaubens.

Für Protestantinnen und Protestanten ist das eine große Herausforderung, denn der Hinweis auf die Tradition reicht nicht. Wie folgen wir Luthers Kriterium nach einer guten theologischen Antwort, die der Reformator selbst in dem schlichten „Was Christum treibet“ fasste? Wie artikuliert sich der Glaube der Kirche angesichts der inneren und äußeren Verunsicherungen? Die großen Themen der Theologie, vom Umgang mit Schuld über die Trostlosigkeit bis zur Frage des Gerichts, gehören mitten in die gegenwärtigen Debatten. Das ist nicht nur eine Anforderung an Seelsorge und Predigt. Theologie ist gefragt. Früher haben sich Professoren als öffentliche Intellektuelle betätigt. Sie haben den biblischen und theologischen Deutungen viel zugetraut. Das Buch „Tod“ von Eberhard Jüngel war so ein Kassenschlager. Anspruchsvoll und ansprechend zugleich, hat es die Potenziale der christlichen Deutung einer Grundfrage des Lebens publikumswirksam gezeigt.

Heute gibt es mehr Quantenphysiker und Ökonomen, die ihre Stoffe massentauglich verbreiten können, als Theologen. Für Fragen nach Sinn und Ziel des Lebens sehen sich auf dem deutschen Buchmarkt längst Philosophen zuständig. Das ist beklagenswert, liegt aber auch an den tiefgreifenden Veränderungen, die die deutschen Universitäten durchmachen müssen. In den Medien haben häufig die theologischen Sonderlinge und Heißsporne das Wort, weil nur das Skurrile und das Skandalöse Quote machen.

Vielleicht zeigen Sie ja in Ihrem nächsten Buch, wie es anders gehen kann. Die angelsächsische Tradition, von der Sie inspiriert sind, ist ein gutes Vorbild. Der leichtfüßige Essay und die mit dem rhetorischen Florett vorgetragene Polemik haben es dort sogar in der Wissenschaft leichter. Doch gehört Ihr Buch wirklich in diese Reihe? Oder fordert es im Grunde etwas ein, was es selbst auch nicht leistet? Das erklärt vielleicht, warum die, die ebenfalls Bücher schreiben, Ihre Kolleginnen und Kollegen, so verärgert sind. Sie wirken unvorbereitet auf den Gegenwind, der dem um die Nase weht, der sich an die frische Luft begibt. Sie klingen mir eine Spur zu larmoyant. Deshalb tun Sie vermutlich in Ihrer Frage an mich das, was Sie in Ihrem Buch auch schon getan haben: Sie bauen sich eine Front auf, vor der Sie wie David wirken müssen, der wacker gegen Goliath kämpft, eine Front der sprachlichen Übertreibungen. Sie sprechen von „Inquisition“ – was gegenüber den so Bezichtigten an Beleidigung grenzt – und vergleichen sich selbst unbescheiden mit Heine und Tucholsky. Mit Verlaub, von Exil und Matratzengruft sind Sie weit entfernt.

Nach meinen Recherchen gilt auch in Mainz die Freiheit von Wissenschaft und Lehre. Sie fragen nach Haltung? Verzichten Sie auf den dritten Trick, der zum Manual erfolgreicher Provokateure gehört. Stilisieren Sie sich nicht zum Märtyrer. Das mag kurzfristig erfolgversprechend sein, ist aber schlicht unchristlich. Sokrates und Paulus sind sich in einer Frage einig: Wer glaubt, die Wahrheit sagen zu müssen, der nimmt dafür auch Nachteile in Kauf. Wenn Sie überzeugt sind, dass die Thesen in Ihrem Buch stimmen und Kirche und Theologie sich mit Unwesentlichem aufhalten, müssen Sie für das streiten, was Sie für das Wesentliche halten.

Dazu braucht es Argumente und die Leidenschaft an inhaltlicher Auseinandersetzung. Dann wird Theologie zu einer Form der Existenz und ist nicht länger ein „Job“. Der französische Philosoph Michel Foucault, der viele unbequeme Fragen stellte, machte sich gegen Ende seines Lebens Gedanken über seinen unerwarteten Erfolg. Seine Vorlesungen waren brechend voll. Alle wollten hören, was der Denker Provokantes zu sagen hätte. Foucault war das unheimlich. In einem Beitrag unter dem Titel „Vom Mut, die Wahrheit zu sagen“, macht er sich Gedanken, die Ihnen vielleicht auch weiterhelfen. Offenbar, so Foucault, gehöre es heute zum guten Ton der Erfolgsmenschen, vermeintliche Tabus zu brechen, jemand zu sein, der sich von der lauen Masse unterscheide, einer, der den Glutkern von was auch immer in sich trägt. Am besten sei es da, man verteidige die eine oder andere Orthodoxie gegen das liberale Justemilieu: den Papst, den Kommunismus, das Hausfrauendasein oder die Prügelstrafe. So säßen auf den öffentlichen Bühnen lauter vermeintlich unangepasste Geister, die sich schrecklich ähnlich sind. „Man wird doch noch mal sagen dürfen…“

Kommt Ihnen diese Beschreibung bekannt vor? Foucault setzt gegen diese Versuchung die selbstkritische Überlegung, dass die, die gezielt das Gegenteil von diesem und jenem behaupten, noch keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit haben. Zu leicht geht ihnen die Bereitschaft ab, zuzuhören, weil sie auf Verteidigung aus sind. Freimut, sagt er, gibt es nicht ohne Risiko, auch nicht ohne das Risiko, dann und wann selbst zu irren. Zeigen Sie Haltung: Gehen Sie demütiger in die nun fälligen Diskussionen, vermuten Sie die Wahrheit mal auf der Seite des anderen und vervollkommnen Sie den Humor um eine wichtige Pointe: Humor lebt nämlich vom Vermögen, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Erst dann wird das Gelächter wirklich erlösend sein.


Zum Hintergrund:

Christliche Polemik

Ist die Streitlust im deutschen Protestantismus vom Aussterben bedroht? Haben sich Theologen und Pastoren aus der gesellschaftlichen Debatte verabschiedet? Die beiden Theologen Sebastian Moll, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Mainz, und Johann Hinrich Claussen, Hauptpastor an der Hamburger St.-Nikolai-Kirche, beantworten die Frage eindeutig mit Ja. Doch dies ist die einzige Übereinstimmung zwischen den beiden theologischen und ideologischen Widersachern, die mit ihren Beiträgen in Christ & Welt eine Kontroverse auslösten.

Sebastian Moll warf der evangelischen Theologie kürzlich in einem Interview (Nr. 36 vom 1.9.2011) vor, sie wolle vor allem politisch korrekt sein und vernachlässige dabei die erlösende Botschaft des Evangeliums. Es sei nicht die Hauptaufgabe der Christen, gegen Klimawandel, Tiertransporte sowie gegen die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen vorzugehen, lautet die provokante These seines Buches „Jesus war kein Vegetarier“.

Propst Johann Hinrich Claussen lässt die Kritik nicht gelten. Er wirft dem Nachwuchswissenschaftler mangelnde Kohärenz, Frühvergreisung und Mutlosigkeit vor (Nr. 37 vom 8.9.2011). Moll traue sich nicht zu fordern, die von ihm kritisierten Modernisierungen wieder rückgängig zu machen und zum Beispiel die Abschaffung der Frauenordination oder die Entlassung von Homosexuellen einzuklagen, so Claussen. Schlimmer noch: Es sei ihm gar nicht aufgefallen, dass es den Linksprotestantismus, gegen den er wettert, gar nicht mehr gebe.

Erschienen in:
Ausgabe 43/2011
Redakteur:
Petra Bahr und Sebastian Moll (Theologen)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Kirchen, Kultur, Lebensstil, Ökumene