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Das Unwesentliche

Marx kam nur bis Castrop-Rauxel

Aus: Christ & Welt Ausgabe 3/2011

Raoul Löbbert rät Gesine Lötzsch, das Wort Kommunismus durch Costrop-Rauxel zu ersetzen

Linken-Chefin Gesine Lötzsch ist vielleicht keine große Politikerin, aber eine große Dichterin, das hat ihr viel diskutierter Kommunismus-Satz gezeigt. Überhaupt, der „Kommunismus“, er ist doch eh nur ein Statthalter im Satz für einen nie zu erreichenden Ort, einen Locus amoenus. Man ersetze ihn an den passenden Stellen durch ein etwas profaneres Ziel, sagen wir, Castrop-Rauxel, schon zeigt sich auch dem ungeschulten Leser in der CSU die Gegenwärtigkeit und Schönheit einer an Arno Schmidt geschulten linken Hochsprache: „Die Wege nach Castrop-Rauxel können wir nur finden, wenn wir uns nach Castrop-Rauxel auf den Weg machen und sie ausprobieren, die Wege nach Castrop-Rauxel. Doch viel zu lange stehen wir in Castrop-Rauxel an Weggabelungen, streiten über den richtigen Weg nach Castrop-Rauxel, anstatt die verschiedenen Wege Richtung Castrop-Rauxel auszuprobieren.“ Phänomenal: Losfahren, ohne das Ziel zu kennen, unterwegs sein, selbst wenn man stillsteht, ankommen und nicht wissen, wo man ist – schöner hätte man das Dilemma des demokratischen Sozialismus und der Deutschen Bahn nicht in ein Paradoxon kleiden können. Warum steht das nicht im DB-Magazin? Man muss diese Lyrik statt Decken austeilen, wenn beim nächsten ICE Richtung „Kommunismus“ in einer Schneewehe wieder einmal die Heizung ausfällt. Daran kann man sich wärmen, das ist wie Leerlauf fürs Hirn: Der Motor brummt, auch wenn es kein Stück vor oder zurück geht.

Erschienen in:
Ausgabe 3/2011
Redakteur:
Raoul Löbbert (Redakteur)
Thema:
Das Unwesentliche
Stichworte:
Innenpolitik