Rainer Maria Woelki
Mann von Welt
Aus: Christ & Welt Ausgabe 49/2011
Seit 100 Tagen ist der Berliner Erzbischof im Amt. Die soziale Wirklichkeit in der Hauptstadt ist hart: Gewalt, Obdachlose, verarmte Kinder. Wird eine entweltlichte Kirche davor die Augen verschließen? Und was haben Töpferkurse mit der Offenbarung zu tun?

Wedding, Berlins wirkliche Mitte. Gegenüber eine Bauschlosserei, links bietet ein Kosmetikstudio Permanent Make-up an, daneben ein kleines Hotel, zum Kulturzentrum „Fabrik Osloer Straße“ sind es ein paar Schritte. Autos fahren nach Westen, Autos fahren nach Osten. Viele Autos. Eine Tram rattert vorüber. Rainer Maria Woelki kommt aus dem Haus: lang, schmal, intellektuelle Brille. Arbeitskleidung Soutane: schwarz, 33 violette Knöpfe, weil Jesus 33 wurde. Das Scheitelkäppchen heißt Pileolus. Eine Mappe in der einen Hand, in der anderen das Brevier. Schwarzes Leder. Chauffeur Paul Waindok verstaut den Mantel seines Chefs im Kofferraum, großer Wagen, süddeutsch, Diesel, schwarz. Wir fahren nach Polen.
Fast hundert Tage ist der Erzbischof nun im Amt, ein klassisches Bilanzdatum. Woelki schert sich nicht drum: „Ich bin ja kein Politiker!“ Waindok hat den Beifahrersitz weit nach vorne gezogen. Woelkis Beine sind immer noch zu lang. Prinzenallee. Wir biegen ab, Richtung Pankow. Drüben, gleich hinter der S-Bahn, betreiben die Franziskaner eine Armenküche, weiß Woelki. Er kennt die Gegend. Sein Vorgänger wohnte neben der Hedwigs-Kathedrale, dort wo Berlin teuer ist und schick. So was behauptet vom Wedding niemand.
„Ich bin ein Berliner“, sagt Woelki, „auch wenn mir das noch ein wenig schwer über die Lippen kommt.“ Das Herz hängt noch an Köln, wo die Freunde wohnen, die Verwandten: „Innerhalb von drei Monaten ist es schwer, den Anzug zu wechseln.“ Wer kann schon aus seiner Haut? Noch bevor Woelki an die Spree kam, schlugen die Wellen hoch: Passt ein Schüler von Kardinal Meisner zur Hauptstadt? Ist er ein Schwulenfeind, womöglich ein Opus-Dei-Mann? Der Anfang versprach schwierig zu werden.
Der Anfang wurde einfach. „Die Gläubigen und die Verantwortlichen in der Diözese haben es mir leicht gemacht, hier anzukommen“, sagt Woelki. „Alle sind mit offenen Armen auf mich zugekommen und haben mir bei meinen ersten Schritten sehr geholfen.“ Zum Anfang gehörte auch Woelkis Auftritt bei der Amtseinführung. Der neue Erzbischof wirkte fromm und offen, theologisch firm und sozial orientiert, etwas sperrig, aber auch jovial. Seltene Mischung? Eine Stadt, in der es fast alles gibt, mag das Seltene. Und Woelki mag Berlin, die religiöse Vielfalt, das ethnische Patchwork, das Kulturleben. Zweimal schon hat er es ins Museum geschafft. Arbeit frisst Zeit.
Auf seinen Dienstort blickt Woelki nüchtern: „Berlin ist die Stadt mit den meisten Kindern, die von Sozialhilfe und anderer Unterstützung leben. Chancengerechtigkeit ist, mit Blick auf Bildung und auf das, was das Leben sonst zu bieten hat, nicht gegeben.“ Wenn er spricht, schaut er nach vorne, aufs Armaturenbrett, in die Ferne; er pflückt die Worte vom Horizont. Der Berliner Ring liegt hinter uns, freie Fahrt. Der Wagen zeigt, was er kann. Woelki hustet. Die Erkältung hat er seit zwei Wochen.
Berlin erdet. Achtung vor dem anderen, Toleranz mit dem Fremden, Vielfalt als Chance – davon redet sich leicht. Woel?ki redet von Wohnungsnot und Gewalt, von Armenküchen, Kleiderkammern und Waschgelegenheiten für Obdachlose, von schrumpfenden Gemeinden in Brandenburg, von den Franziskanern in Pankow, von den missionsärztlichen Schwestern in Marzahn und anderen Ordensgemeinschaften. „Wir haben starke Angebote seitens des Caritas-Verbandes, gerade für Alleinstehende und Alleinerziehende, in der Schuldnerberatung, in der Schwangerenberatung. Wir versuchen, vieles mit unseren Möglichkeiten abzudecken. Aber es ist immer noch zu wenig.“ Katholisch sein heißt präsent sein, in den Niederungen des Alltags, jetzt, hier, immer. Neukölln ist ein Un-Ort für Frömmler und Sektierer, Marzahn und der Wedding auch. Der Tacho steht auf 180. Polen rückt näher.
Der Erzbischof ist kein Politiker, aber er ist politisch. Und unbequem. Kürzlich wurde bekannt, der neue Flughafen solle ein Abschiebegefängnis erhalten. Woelki protestierte. Er sieht Deutschland als Einwanderungsland. „Zweitens ist Deutschland ein Rechtsstaat: Die Menschen, die hierher als Verfolgte kommen, haben das Recht, entsprechend behandelt zu werden. Es wäre problematisch, sie in Haft zu nehmen und Kinder von Wachgesellschaften bewachen zu lassen. In Deutschland sollten wir mit dieser Frage großzügig umgehen, auch angesichts unserer jüngeren Geschichte.“ Deutliche Worte.
Deutlich wird Woelki auch beim Reizthema Pro Reli. Die rot-schwarzen Koalitionsverhandlungen haben ihn enttäuscht. „Wir hätten uns für Berlin eine Verbesserung für den Religionsunterricht dringend gewünscht. Die aktuelle staatliche Refinanzierung ist erst annähernd kostendeckend, wenn 13 oder 14 katholische Schüler zusammen sind“, sagt er: „Gegenwärtig unterrichten wir auch Schülergruppen von fünf, sechs oder sieben Schülern. Der Zuschuss für den Religionsunterricht ist in den vergangenen Jahren auf fast fünf Millionen Euro gestiegen.“ Katholischer Religionsunterricht ist auch ethische Bildung, ein Dienst an der Gesellschaft.
Stadt der freien Liebe: Noch frisch im Amt, traf sich der Erzbischof mit Vertretern des Berliner Lesben- und Schwulenverbands. Klärende Worte zu einem weltlichen Thema. „Es war ein offenes Gespräch, geprägt von gegenseitigem Respekt vor der Überzeugung des anderen.“ An der traditionellen Verurteilung der Homosexualität hält Woelki fest. Doch dass die katholische Kritik Homosexuelle stigmatisiere, glaubt er nicht: „Die theologische Ablehnung ist keine Diskriminierung.“ Denn: „Wir sind alle Menschen und Gottes Ebenbilder. Deshalb eignet uns allen unabhängig von unserer sexuellen Orientierung Würde und Wert. Jeder ist von Gott angenommen und geliebt.“
Es war ein feierlicher Tag, als der Erzbischof sein Amt antrat, damals, am 27. August. Nach dem Hochamt lud er den evangelischen Bischof Markus Dröge in die „Ständige Vertretung“ ein. Die „Stäv“, das Stammlokal der Rheinländer an der Spree, kennt hier jeder. In ein paar Tagen gehen sie hin, Dröge, Wölki und der orthodoxe Archimandrit Emmanuel Sfiatkos. Werden die Kollegen Knöpfe zählen? Zum Gipfeltreffen der Religionsführer geht Woelki nicht in Soutane. „Ich trage meinen normalen Anzug, so wie ich immer durch die Stadt gehe.“
Firm in der Sache, rheinisch im Ton: Woelki benennt, betont die Unterschiede zwischen den Konfessionen. „Ich nehme einen evangelischen Christen nicht ernst, wenn ich ihm mein Kirchenverständnis aufnötige. Ich finde es vollkommen in Ordnung, wenn ein evangelischer Christ sagt: ,Ich möchte nicht Kirche sein, wie ihr Katholiken das seid.‘“ Und woher kommen die Probleme? „Für die katholische und die orthodoxe Kirche ist die Eucharistie kirchenstiftend, kirchenbildend. Von daher rühren die Schwierigkeiten mit Blick auf das gemeinsame Abendmahl.“ Die Ökumene bei Kölsch, Frikadellen, halvem Hahn wird leichter sein.
Der Wagen schnurrt über die Piste. Es kann nicht mehr lange dauern bis Polen. Ein gutes Auto, schnell, leise, bequem. Oberklasse. Ist das noch katholisch? Hat nicht Papst Benedikt XVI. in Freiburg gefordert, die Kirche müsse sich von ihrer „politischen und weltlichen Last“ befreien? „Ich glaube nicht, dass der Papst gefordert hat, dass wir uns von der politischen und weltlichen Last befreien sollten“, meint Woelki. „Wir sind in der Welt und leben in der Welt.“ Was der Papst gesagt hat, hat er gesagt. Das bindet. Besonders einen Erzbischof.
In einer Stadt wie Berlin lässt sich die vatikanische Weisung nur schwierig vermitteln. Doch Woelki liest die Freiburger Rede als Aufruf zur Besinnung: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Papst gemeint hat, dass wir uns der Politik oder der Gesellschaft entledigen sollen. Wir müssen schauen, wie wir unsere Güter gebrauchen. Indem wir als Kirche in der Bundesrepublik immer noch relativ gut gestellt sind, können wir für die Gesellschaft viel Positives tun. Ich denke an unsere Sozial- und Bildungseinrichtungen, mit denen wir wichtige Aufgaben für unsere Gesellschaft übernommen haben.“ Darum auch solle die Kirchensteuer bleiben. Sie ermöglicht den Dienst am Bürger, den Dienst am Staat.
Und die Sache mit Weltbild? Woelki kann gut damit leben, dass sich die Kirche von ihrem Medienunternehmen trennt: „Es ist eine Glaubwürdigkeitsfalle. Kardinal Meisner hat ja gesagt, wir können nicht am Sonntag gegen das predigen, womit wir am Montag unser Geld verdienen. Ein sehr schönes Bild, auch ein idealistisches Bild. Wir leben in der Welt, und die hat bestimmte Gesetzmäßigkeiten. Wer sich in diese Welt begibt, wird nicht ohne Beulen aus ihr herauskommen.“ Realisten wissen das. Realisten kennen den Wedding besser als andere. Wer ohne Beulen durchs Leben kommen will, muss zu Hause bleiben. Ganz bei sich.
Die Weltbild-Debatte hinterlässt Spuren. Es gab Eiferer, es gab Verletzte, es gibt Opfer. Woelki sieht das kritisch: „Die Diskussion hatte kampagnenartige Aus?formungen. Ich fand teilweise bedenklich, was dazu, leider auch von der innerkirchlichen Presse oder der Kirche nahestehenden Presseorganen, geäußert wurde. Niemand, der darum weiß, wie die Bischöfe denken, kann ihnen unterstellen, es ginge ihnen darum, Pornografie zu vertreiben oder mit Pornografie Geschäfte zu machen. Ich fand das nicht in Ordnung.“
Vielleicht war Weltbild ja nur ein Anfang, vielleicht wird der Ethik-Check nun erst so richtig beginnen, in den Pfarrbibliotheken und bei der Caritas, in Altenheimen und Gemeinden. Wo liegt die Grenze? Werden Ethikkommissare die Bücherborde von Kindergärten inspizieren? Wer meldet Fehler? Wer entscheidet? Woelki will, dass sich die Leitungsebenen der katholischen Verbände mit der Kirche identifizieren. Sie sollen aus dem Geist des Evangeliums heraus leben, privat wie beruflich. Das werde, hofft Woelki, ausstrahlen, auch auf Mitarbeiter, die der Kirche fernerstehen.
Denn wer nach dem Evangelium entscheide, entscheide anders als andere: „Dass wir entweltlicht sind, zeigen wir dadurch, dass wir nicht nach den kommerziellen Maßstäben dieser Welt handeln, sondern aus dem Geist Jesu heraus. Wir leben in der Welt, das Unternehmen muss wirtschaftlich vernünftig aufgestellt sein, wir wollen auch in zehn Jahren noch helfen können. Doch die Not der Menschen muss uns leiten, nicht der Profit.“ Solidarität ist wichtiger als Refinanzierung. Das klingt plausibel und sehr politisch. Doch geht es noch konkreter?
Was ist mit der Musikgruppe und dem Bastelnachmittag? Sollen Pfarreien noch Töpferkurse anbieten? Woelki zögert nicht. Er hält auch solche kreativen Angebote für wichtig. Sie bringen Menschen zusammen. Und: „In das Töpfern einer Schale kann man auch eine religiöse Dimension bringen, indem man sich darüber austauscht, was diese Schale bedeutet – dass ich selbst wie eine Schale bin, geöffnet nach oben hin, dass man etwas in mich hineinlegen kann, dass ich ein Beschenkter bin.“ Was, wenn die Töpferin im Wedding oder in Marzahn nicht fromm töpfern mag? Fällt der Kurs dann aus? Woelki setzt auf geistliche Mitarbeiterschulung, auf Fortbildung: „Wir müssen die, die solche Kurse leiten, entsprechend begleiten und dafür werben, dass sie mit dem, was sie tun, auch auf die tiefer liegenden Schichten jedes Menschen verweisen, darauf, dass der Mensch auf Transzendenz ausgerichtet ist.“ Töpfern als Stresstest für die Glaubwürdigkeit der Kirche.
Wir sind da. Waindok schwenkt nach links. Neben einer Kirche kommt der Wagen zum Stehen. Spätgotik, Backstein, Johannes dem Täufer gewidmet. Es ist kalt in Polen, das wird ein harter Arbeitstag. Vor seiner Schrankwand serviert der Pfarrer Nescafé. Zucker? Woelki lehnt ab, fragt nach den Gemeinden in Stettin und im Umland, lässt sich übersetzen, hört zu. Gleich geht es los: Kleiderwechsel, danach drei Stunden Hochamt auf Polnisch, Latein, Deutsch. Der Anlass: die Seligsprechung des Nazi-Opfers und Märtyrers Carl Lampert. Woelki wird predigen. „Zur Heiligkeit sind wir alle berufen, alle ohne Ausnahme“, wird er sagen. Und er wird husten.
Erst später dann, wieder im Wagen, ist es warm. Die Kilometer gleiten dahin. Neulich meinte Kardinal Meisner, es sei doch egal, ob man im Panda oder im Benz ins himmlische Jerusalem komme. Hat er je einen Fiat gefahren? Warum sitzen wir heute nicht in einem Panda? „Es ist ein Privileg, ein solches Auto zu fahren, dessen bin ich mir bewusst“, sagt Woelki über den Wagen. „Ich bin viel unterwegs und lege lange Strecken zurück, nicht nur im flächenmäßig großen Erzbistum Berlin, sondern bundesweit.“ Gibt es Alternativen? „Ich habe für kurze Strecken ein Fahrrad und nutze auch die U-Bahn, ich habe auch eine Bahncard und nutze die Bahn, wo es geht, aber es geht nicht so oft, wie ich möchte. Mein Dienstwagen ist auch ein Arbeitsplatz, ein rollendes Büro.“ Das sieht aus wie weltlicher Luxus. Aber der Wagen ist geleast. Sehr günstig. Es wäre teurer, etwa einen Opel zu kaufen. Ein Opel, das wäre eine Investition ins Image: Understatement, Bescheidenheit, Kleine-Leute-Prestige. Nach außen. Aber für Kosmetik ist die Kirche zu arm.





