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Schunkelrepublik

Luther war lustig. Und basta!

Aus: Christ & Welt Ausgabe 07/2013

Einst setzten die Narren ihren Anarchismus gegen den Ernst des Glaubens, wenigstens einmal im Jahr. Heute werden die Religionendem Ganzjahreskarneval ausgesetzt. Lächelnde Buddhas und jüdische Witze machen Punkte gegen das Christentum

Glaube, Liebe, Hoffnung sind Himmelsgeschenke. Sie dienen dem Christenmenschen als Wegzehrung auf der holprigen Straße zur ewigen Seligkeit. Werden sie unterwegs aufgebraucht, können sich all die glücklich schätzen, denen als Seelenproviant noch eine vierte Gabe mitgegeben wurde: der Humor. Er nimmt schwere Lasten auf die leichte Schulter und hilft uns, die Stringenzen und Paradoxien in jeder Glaubenslehre auszuhalten. Vor allem aber ermöglicht er, dass wir uns in der Not über uns selbst erheben. Nur: Erheben wir uns damit über Gott? Einer Glaubensrichtung vorzuhalten, sie sei nicht lustig genug, ist so witzlos wie die verkniffene Regel, mit Religion dürfe man keine Späße treiben.

Gibt es einen von Gott verfügten Unvereinbarkeitsbeschluss zwischen Charisma, religiöser Emphase, Andacht und Gebet auf der einen – und Ironie auf der anderen Seite? Beide Seiten können eine befreiende Wirkung auf den Menschen haben. Doch ironisches Reden heißt: anders sagen als meinen. Fest steht: Humor und Religion sind zwei Paar Schuhe. Doch auch mit ungleichen Schuhen kann man munter über Heilspfade und Höllenpflaster spazieren.

Mit jeder neuen Karnevalssaison taucht die alte komische Frage auf: Hat Jesus gelacht? Protestantische und katholische Bibelexegeten legen sich dann witzbeflissen ins Zeug, der Heiligen Schrift auch eine heitere Seite abzugewinnen. Wie wohltuend wäre es, wenn Textstellen hergeben würden, dass die Gottesmutter nicht nur das liebe Jesuskind wiegte, sondern auch mal ihren Jupp frotzelnd auf den Arm nahm! Oder wenn irgendwo geschrieben stünde, dass ein Jünger seinem Nebenmann ein Bein stellte, als der unbedingt als Erster am Tisch seines Herrn Platz nehmen wollte.

Allzu menschlich würde dann endlich das Heilige. Dann dürfte es auch nicht mehr heißen, wenn ein Schalk die rote Linie überschreitet: „Dem ist ja gar nichts heilig.“ Wir alle hätten keinen „Heidenspaß“ mehr. Dass im Alten Testament mehr gelacht wird als im Neuen, hat sich inzwischen herumgesprochen. Als Gott Abrahams Frau Sarah offenbart, sie werde trotz ihres biblischen Alters noch ein Kind gebären, lacht sie ihn aus. Sie hält das für einen schlechten Witz. Lustiger ist es da schon, wenn ernst zu nehmende Spaßforscher in der vergleichenden Religionswissenschaft den Nachweis führen, dass Mohammed fast 50-mal mehr gelacht hat als Abraham. Ist der Islam deswegen eine lustigere Religion?

Mohammed war kein Gott, sondern ein Prophet. Propheten sind eben Menschen. Das derbe Götterlachen kennen wir eher aus der griechischen Antike. Im achten Gesang der Odyssee erklingt das „homerische Gelächter“, das für die Sterblichen als Donnergrollen vernehmbar war.


Der Olymp klatscht sich auf die Schenkel, weil Hephaistos seiner Gattin Aphrodite und deren Lover einen Streich spielt: Als sie ihn mit Ares hintergeht, zieht sich über dem Lotterbett sein aus Blitzen geknüpftes Netz zusammen, und die Vögelchen sind gefangen. Solche Heidenspäße wurden im Christentum der Welt zugeschlagen, in den mittelalterlichen Schwänken blitzen sie noch auf. Und dann hört der Spaß auch schon auf.

Nicht nur der jüdische Witz spielt noch mit den Absurditäten göttlichen Handelns. Auch in fernöstlichen Regionen kugelt sich ein kichernder Buddha. Und hinduistische Gottheiten gehen zum Lachen auch nicht gerade in den Tempelkeller. Doch zurück zum Karneval: Aus dem jahrhundertealten rheinischen Saisonanarchismus ist längst eine Dauerschleife geworden: Der gefeierte Jeck, der eben noch die Stunksitzung gerockt hat, macht im restlichen Jahr nahtlos weiter als Comedian.

Mit Aschermittwoch assoziiert man inzwischen keinen Bußtag mehr, sondern den bierseligen Parteiauftritt mit Kabarett-Einlage. Die Kirchen scheinen auf diese schwindende Wirkungsmacht mit unterschiedlichen Strategien zu reagieren: Die katholische Kirche möchte zunehmend der Verwässerung des Glaubens in der Spaßkultur Einhalt gebieten. In der Entweltlichung soll der Katholik zu sich selbst finden. Die anmutige Strenge der alten liturgischen Formen soll dabei helfen. Zu dieser neuen Erweckungsinitiative gehört auch die in Köln ausgerufene Wiederbelebung der Eucharistie.

Ob Reinheitsgebote die Glaubenskernschmelze stoppen können, ist genauso unsicher wie die Gegenstrategie. Viele protestantische Strömungen setzen auf die Stilmittel der Popindustrie, indem sie die Ausgießung des Heiligen Geistes als Massenevent inszenieren. Alles scheint besser, als unter sauertöpfischen Puritanismusverdacht zu geraten, der so sittenstrenge Merkverse hervorgebracht hat wie: „Das Bein, das sich zum Tanze regt, wird im Himmel abgesägt.“

Die Vorträge, die bis zum Luther-Jubiläum 2017 über evangelischen Humor gehalten werden, stehen wohl zahlenmäßig den himmlischen Heerscharen in nichts nach: Darin wird dann Luthers rustikaler Humor gepriesen und abermals seine 457. Tischrede bemüht, in der er festlegte: „Denn wo der Glaube ist, da ist auch das Lachen.“ In katholischen Ohren mag dieser rigorose Satz klingen, als sei die Deutsche Rheuma-Liga überraschend mit dem Verein zur Förderung des Stepptanzes eine Fusion eingegangen.

Eine Volkskirche, die keinen Spaß versteht, kommt bei den Menschen nicht an. Eine Volkskirche, die zu viel Spaß versteht, wird nicht mehr ernst genommen in ihrem theologischen Uranliegen. Glaubensinhalte zu dick angerührt oder zu dünn aufgetragen – um diesen Spagat auszuhalten, braucht es unter Gläubigen Humor. Humor ist jedoch eine Gemütsverfassung und keine Geisteshaltung, die man einnehmen kann wie eine dogmatische Position.

„Humor ist nicht der Glaube“, schrieb der dänische Philosoph Sören Kierkegaard in seiner Dissertation, „sondern er liegt vor dem Glauben.“ Er schafft eine Verbindung zwischen Endlichem und Unendlichem. Ist Humor also eine Vorstufe auf dem Sprung vom ethischen zum religiösen Stadium? Unter Menschen gilt er als Tugend. Jedes Götterlachen empfänden wir als böse Häme, als schamloses Hohngelächter des Überlegenen. Es weiß nichts von der Tragik der Kämpfe, in die wir Menschen uns immer wieder verstricken. Oder etwa doch?

Erschienen in:
Ausgabe 07/2013
Redakteur:
Andreas Öhler (Redakteur)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Judentum, Kultur, Ethik, Lebensstil