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Perfektion

Kunst am Körperbau

Aus: Christ & Welt Ausgabe 04/2012

Der Schöpfer bekommt Konkurrenz: Am Leib wird ästhetisch, chemisch und chirurgisch laboriert, was das Zeug hält. Und was ist, wenn das Zeug nicht hält?

© Roderick Chen/alamy/mauritius images

Mitten in die Weihnachtsfeiertage 2011 platzte eine Nachricht, die Abertausende von Frauen in Panik versetzte: Von einer französischen Firma angebotene, kostengünstige Implantate zur Brustvergrößerung entpuppen sich als minderwertig, neigen dazu, zu platzen, und setzen dabei möglicherweise krank machende Stoffe frei. Der Produzent hat gestanden, dass ihn bei seinen Unternehmungen vor allem Gewinnaussichten leiteten. Weltweit sollen etwa 300 000 Frauen betroffen sein. Diese Zahl lässt aufhorchen. Mit Sicherheit handelt es sich dabei nicht ausschließlich um Patientinnen, die mit einer Prothese die Folgen einer Brustamputation mindern. Implantiert wurde das Silikon auch aus Gründen des Lifestyles. Viele Frauen wünschen sich ordentlich „Holz vor der Hütt’n“, wie man in Bayern zu sagen pflegt.

Körper ist auf exzessive Weise Kult. Am Körper wird ästhetisch, chemisch und chirurgisch laboriert, was das Zeug hält. Nur so wird und bleibt der Körper – und mit ihm seine Bewohnerin/sein Bewohner – marktfähig in der Konkurrenz der Schönen und Fitten um die Schönen und Fitten. Und dass es darum zuerst geht, das träufeln von früh bis spät die Werbung, die Beauty-Magazine, die Partnerbörsen und vermutlich nicht zuletzt die Leistungsschauen der medialen Erotikseiten ins Hirn vieler Zeitgenossen.

In solcher Arbeit am Körper bringt sich über Lifestyle-Attitüden hinaus eine Philosophie zur Geltung. Auf einem Berliner Kongress im Mai 2003 machte die These die Runde: „‚In Fitnesskult und Risikosport, gebräunten Urlaubsleibern und Cyberpunks sowie pornografischen und biotechnologischen Phantasien scheinen sich alte Menschheitsträume zu realisieren“ (so Ulrike Knöfel im „Spiegel“ Nr. 23/2003). Neurowissenschaften, Medizin und Pharmakologie spielen dabei eine herausragende Rolle. Das Natürliche genügt nicht mehr: Man will den perfekten Menschen. Seit der Renaissance ist das ein Ideal mit christlichem Hintergrund, das am menschgewordenen Gottessohn Maß nimmt.

Aber woran bemessen wir, was perfekt ist? Warum soll Körbchengröße 75 C besser als 75 B sein? Und warum bedarf das „Natürliche“ einer Korrektur? Evolutionsbiologen würden schnell antworten: Weil das bei der Partnerwahl eine positive Rolle spielt. Genau besehen haben wir es beim Leib nie mit Natur „pur“ zu tun. Gerade weil er in vielfältiger Weise und konstitutiv der Erhaltung seitens seines „Bewohners“ bedarf, kann er uns gar nicht als natürlicher begegnen. Von Anfang seines Auftretens an wird der Leib manipuliert – durch Art und Menge der Nahrungszufuhr etwa. Genauso handelt es sich bei Körpertraining, sei es aus sportlichen, aus überlebenstaktischen oder aus phänotypischen Gründen, um Manipulation und Künstlichkeit. Einschlägige Beispiele: Militär und Bodybuilding-Szene. Auch Mode wirkt normstiftend, längst nicht erst heute.

Es gibt so gut wie keine Kultur, die sich nicht am Körper zu schaffen machte, um ihn zu prägen, zu schmücken, zu modellieren, für bestimmte Absichten zu präparieren: Ob sich die einen Eingeborenenstämme kunstvolle Muster in die Haut ritzen, die anderen die Ohrläppchen durch Anbringen von Gewichten schon in der Kindheitsphase auf zehn Zentimeter verlängern, Frauen sich bis zum Ohnmächtigwerden in Mieder einschnüren oder Zeitgenossinnen heute eben mit Silikon den Anschein der Vollbusigkeit erwecken, macht nicht viel Unterschied. Alle diese Techniken dienen nichts anderem als der Selbsterhaltung: Sie machen den Leib widerstandsfähiger, überlebenstüchtiger oder attraktiver – Letzteres, um bei potenziellen Partnern Erhaltungsinteresse zu wecken.

Erschienen in:
Ausgabe 04/2012
Redakteur:
Klaus Müller (Freier Autor)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Kultur, Lebensstil