Herrgottswinkel
Kramecke des Metaphysischen
Aus: Christ & Welt Ausgabe 12/2011
Warum der Mensch seinen ganz persönlichen Altar braucht.

Kettchen, Ring, Pressblume: Im Talisman kehrt das überwunden geglaubte Religiöse mit Macht zurück – auch wenn kanonische Religionen in der Nachmoderne an Zulauf verlieren mögen. Während die Welt immer „rationaler“ (Jürgen Habermas) wird, lädt sie sich mit irrationalen Momenten auf. Heute glaubt fast jeder: Wer sein Schicksal nicht beschwört, fordert es heraus. Doch es wäre allzu leicht, das Festhalten am Außervernünftigen als bloße Verirrung zu geißeln. Wer sorgsam mit seinem Talisman umgeht, bewahrt und beweist so etwas wie lebenspraktische Demut. Nicht alles lässt sich steuern, nicht alles kontrollieren. Ein Talisman bildet, Pars pro Toto, einen Ersatz für größere Mächte und stellt zugleich deren metaphorische Verdichtung dar. Ohne magische Rituale ist das Leben für viele schwierig. Herrgottswinkel können solcher Praxis eine Bühne geben.
Wie sehen sie aus, die Herrgottswinkel von heute? Eine Gruppe studentischer Feldforscher aus Hildesheim hat sich auf die Suche nach den Talismanen, Glücksbringern, Schatzkästlein und Kleinfetischen der Gegenwart gemacht. Dabei haben die Nachwuchsrechercheure neben Nippes, Kitsch und Memorabilien auch die Magie des Alltags entdeckt. In der sogenannten Moderne muss man etwas tun für sein Glück; früher hieß dieses Etwas beten. Heute kommt allerlei hinzu.
Ein kleines Buch stellt die Ergebnisse der Hildesheimer Herrgottswinkelei vor. Passanten erzählen, mit welchen persönlich wichtigen Gegenständen sie unterwegs sind; manche verbergen sie auch. Die Frage der Studenten an alle lautet: „Was ist das Heiligste, das Sie mit sich herumtragen?“ Waltraud, 70, antwortet: „Ach, ihr stellt Fragen. Das Heiligste… höchstens einige Fotos von meinen Enkelkindern. Sie sind noch sehr klein…“ Und Schwester Walburga, 69, gibt zu Protokoll: „Das Kreuz an meinem Hals. Das ist mein Lebensinhalt, die Zugehörigkeit, das ist die Berufung. Sie ist einem geschenkt.“ Es gibt auch scheinbar profanere Dinge: einen Mini-Salzstreuer, einen Ehering, das Deo („Niemand soll riechen, dass ich Fleischertochter bin!“), Zigaretten („Dadurch werde ich unantastbar“), eine Stoffschildkröte, Rosenseife, Amulette, eine „Bild“-Zeitung. Was alle diese und andere Schutzbringer und Glückszieher gemein haben, ist: Ohne sie geht es nicht.
Die eigentlichen Herrgottswinkel – die Kramecken des Metaphysischen – befinden sich in realen Innenräumen. An diesen Orten vergewissern sich die Bewohner des Wichtigsten in ihrem Leben. Manche tun das sehr ernsthaft, andere mit leichter Selbstironie, einige auch mit dem Habitus eines Archivars, nicht wenige auch schlicht fromm. Der persönliche Miniaturschrein im Zelt eines Landstreichers, die Buddhastatuen eines vietnamesischen Zuwanderers, der Walter-Kempowski-Altar im Haus eines Universitätsprofessors, eine selbst gemalte Ikone, der Koran im Taxi, die Familienfotos im Pizza-Restaurant – all diese Dinge verweisen auf eine Transzendenz, die den Alltag zu bewältigen hilft. Ethnologen würden von rituellen Praktiken sprechen, Psychoanalytiker von Fetischen, tatsächlich wirkt in diesen Gegenständen etwas elementar Religiöses. Viele Religionen bedienen sich der magischen Aura der Dinge, um die Mächte des Erhabenen zu mobilisieren. Mit Reliquien macht Glaube mehr her.
Die jungen Hildesheimer Herrgottswinkelforscher gehen all das gelassen an: Mit Mikrofon und Schreibblock erwecken sie die Trouvaillen des Alltags zum Leben, sie sammeln Geschichten und Geheimnisse aus der Gegenwart, sie ergründen sogar das rituelle Leben von Fernfahrern und den Einsatz von Voodoo-Puppen bei der Bundeswehr. All das ist im besten Sinne erstaunlich. Es gibt wohl Dinge zwischen Himmel und Erde, deren Wahrheit nicht in der Rationalität allein gründet. Dennoch müssen sie nicht notwendig Unfug sein. Denn: Ohne sie geht gar nichts.
Das von Annett Gröschner und Stephanie Drees herausgegebene Buch „Hildesheimer Herrgottswinkel“ ist im Verlag Edition Pæchterhaus, Hildesheim, erschienen, es hat 157 Seiten und kostet 9,90 Euro.





