Ansprache
Kommen Sie näher, Sie Hirte
Aus: Christ & Welt Ausgabe 52/2011
Wer sind diejenigen, die sogar an Weihnachten der Kirche fernbleiben? Sind sie zu arm, zu satt, zu abgeklärt? Pfarrerin Petra Bahr hat ihnen eine Predigt gewidmet.
Die Absperrgitter rund um den Berliner Dom sind aufgebaut. Die Weihnachtsfanmeile öffnet sich gleich dem Besucheransturm. Wieder wird die dicke alte Kirche in Berlin wegen Überfüllung geschlossen sein. Das Schild, das die Überfüllung ankündigt, kommt nur einmal im Jahr zum Einsatz. Nur Sie müssen das Gedränge nicht fürchten. Sie müssen nicht zwischen schweren Parfümdüften, zappelnden Kindern und zurechtgemachten Herren auf den Stufen stehen und hoffen, dass Sie zum Orgelvorspiel einen Platz gefunden haben. Sie müssen nicht verstohlen auf den Liederzetteln nach der zweiten Strophe von „O du fröhliche“ suchen.
Denn Sie sind zu Hause geblieben. Sie gehören nicht zu den Weihnachtschristen, jenen Zeitgenossen, die sich das Christfest nicht ohne Kirchgang vorstellen können, genauso wenig, wie sie auf die Idee kämen, am dritten Sonntag im Januar in den Gottesdienst zu gehen. Sie fehlen in der Festgemeinde. Sie machen nicht mit bei diesem immer noch stabilen Ritual, das vor die private Feier den Gang in die Christvesper setzt. Dass Sie alle heute einem Gottesdienst fernbleiben, macht Sie noch nicht zu einer Bewegung von Weihnachts- oder gar Religionsverächtern. Vielleicht haben Sie sich in diesem Jahr so sehr über meinesgleichen geärgert, dass Ihre Kirche mitsamt dem Profi-Personal Ihnen erst mal den Buckel runterrutschen kann.
Baumschmuck aus New York
Vielleicht schämen Sie sich, so alleine mit Ihren zwei Kindern zwischen all den heiligen Familien aus Vätern, Müttern, Kindern und Großeltern zu sitzen. Sie wissen nicht mal, wie man all die seltsamen Dinge in der Kirche tut, das Singen und das Aufstehen und das Murmeln von fremden Wörtern. Im Fernsehen haben die Leute dann immer so feine Kleider und so einen feinen Blick. Das ist nicht Ihre Welt. Und die Pfarrer reden so geschwollen. Da legen Sie lieber zu Hause eine CD mit Christmas-Songs auf und hoffen, dass der Ex nicht alkoholisiert vorbeikommt und Ihnen den Abend mit den Kindern verdirbt. Vielleicht kommen Sie aber auch nicht zur Christvesper, weil es Sie bei dem Schmuddelwetter in die Ferne zieht, nach Australien oder auf die Malediven. Über den Plastikweihnachtsbaum der deutschen Miturlauber können Sie sich nur lustig machen. Wie spießig!
Vielleicht feiern Sie auch ganz gediegen zu Hause, mit viergängigem Menü und guten Freunden, gutem Jazz aus der Bose-Anlage und dem neuen Weihnachtsbaumschmuck aus New York. Oder Sie ärgern sich über den aufgezwungenen Konsumrausch und die hohlen Versprechen der Werbung, die selbst den Kauf einer Herrenuhr noch mit Sehnsucht nach Beständigkeit und Tradition ausstattet. Wer braucht da noch mehr Versprechen? Ist die Kirche mit ihren niedrigschwelligen Weihnachtsgottesdienstangeboten trotz des alljährlich konsumkritischen und sozialkritischen Donnerwetters nicht nur eine spirituelle Werbefläche, die dem Kitschbedürfnis der nachaufgeklärten Menschen entgegenkommt? Vielleicht sind Sie abgeklärter. Sie nehmen Weihnachten als das, was es ist – ein globalisiertes Fest, in dem sich die Einflüsse überlagern: Religion und Kapitalismus, Familienrituale und eingeübte Gewohnheiten, tiefe Sehnsüchte und die oberflächliche Lust an Fülle und Verschwendung. Da nehmen Sie gleich den mehr oder weniger säkularisierten Teil und machen mit Ihrer mehr oder weniger heilen Familie eine schöne Party draus, freuen sich mehr oder weniger aufs Wiedersehen der verstreuten Lieben und genießen die Ruhe der mehr oder weniger freien Tage? Oder bleiben Sie fern, weil Sie die christliche Weihnachtsbotschaft ernsthaft als intellektuelle Zumutung empfinden?
Sie haben recht. Weihnachten ist eine Zumutung. In jeder Hinsicht. Denn diese Botschaft ist nicht nur was fürs Weihnachtschristentum. Sie richtet sich nicht nur an die, die sich zu dieser Stunde die Stufen zu den Domen und Dorfkirchen hochdrängeln. Die Weihnachtsbotschaft richtet sich an die, die damit nicht gerechnet haben und erst einmal eine Weile brauchten, um zu kapieren, dass sie gemeint sind. „Fürchtet euch nicht, ich verkünde euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren.“ Die Weihnachtsbotschaft, die im Lukasevangelium aufgeschrieben ist, war offensichtlich eher zum Fürchten als zum Jauchzen. Sie kommt wie ein Schock und stellt die Welt auf den Kopf. Und sie trifft zuerst die, die draußen stehen. Weder die religiöse Elite noch die bürgerlich Saturierten, nicht die, die schon lange auf ein Zeichen vom Himmel warteten, und nicht die, die mit dem Hoffen schon abgeschlossen hatten. Die Weihnachtsbotschaft erfasst zuerst die, die sich für religiöse und metaphysische Angelegenheiten genauso wenig zuständig fühlten wie für Wertefragen. Die Hirten – Nachtarbeiter, nicht sehr zimperlich im Umgang und nicht leicht zu überraschen. In der ersten Weihnachtsbotschaft wird aber niemand beschimpft oder ermahnt oder besänftigt oder zu Bekenntnissen genötigt. Geradezu lakonisch kündet sich die Zumutung des Christentums an: Gott zeigt sein wahres Gesicht in einem Menschen und verspricht in einem zappelnden Neugeborenen den Heiland der Welt. Angesichts der Heillosigkeit der Welt und der vielen falschen Heilande war das schon damals eine Botschaft, die zu höhnischem Gelächter verleitete.
Familie ohne Heiligenschein
Doch ohne die Brüskierung der religiösen Vernunft geht es an Weihnachten nicht. Gott will kein kosmisches Rätsel sein, kein anonymer Urgrund des Seins, kein Gott für Philosophen, sondern ein Gott, der ins Diesseits drängt und auf Beziehung aus ist. Er bindet sich an die Biografie eines Menschen, dazu noch eines ziemlich umstrittenen, unglamourösen Menschen, der wahrlich nicht zum Helden taugt. Auch die Geburtsszene im Stall eignet sich ja erst seit dem 19. Jahrhundert zum Idyll. Die Menschen in den früheren Zeiten dafür ahnten etwas von der Kälte und dem Gestank. Wir stellen uns den Stall mit Gasheizern ausgestattet vor, die es uns heute erlauben, noch im Oktober im Biergarten zu sitzen. Unter den wahren Umständen ist die Geburt eines Menschen aber kein Fest, sondern ein Risiko für Mutter und Kind. Vermutlich war Maria die erste Frau, die sich in der Weihnachtsnacht für ihre billige, verschmutzte Kleidung schämte, spätestens, als die fremden Männer kamen, um Geschenke zu bringen. In den alten biblischen Geschichten hat diese junge Familie auch noch keinen Heiligenschein. Sie ist alles andere als das, was das deutsche Ideal seit dem Biedermeier daraus gemacht hat. Unverheiratet, mit ungewisser Beziehungsgeschichte und einem Vater, der nicht weiß, wie ihm geschieht – Maria, Josef und das Baby sind der Schrecken kirchlicher Familienverbände.
Vermutlich wäre das Personal der ersten Weihnachtsgeschichte, ähnlich wie Sie, auch nicht zur Christvesper gegangen. Das ist die Szene, die Gott sich ausgesucht hat, um seine Nähe zu den Menschen zu zeigen. Wer das leicht glauben kann, ist entweder naiv oder macht sich was vor. Aber diese Nachricht stellt die Welt auf den Kopf, auch wenn man ihr keinen Glauben schenkt. Allein die Möglichkeit, das „Was wäre, wenn“, verändert das, was über Gott und die Welt gedacht wurde und wird. Gott lässt sich ganz auf die Welt ein, das heißt nämlich: Das Heilige und das Profane sind nicht mehr streng geschieden. Wo die Welt aufhört und das Göttliche anfängt, ist nicht mehr leicht auszumachen. Gott riskiert sich in der Weihnachtsnacht selbst. Er sucht die Nähe der Menschen bis zur Selbsthingabe. Das ist die vollkommenste und extremste Form der Liebe und erst dann ein Trost, wenn deutlich wird, dass diese Liebe Konsequenzen für unser Verständnis von der Welt und uns selbst hat.
Wenn diese ungeheure Zumutung wahr ist, dann ist all das gegenwärtige Gerede von der Alternativlosigkeit von diesem und jenem zynisches Geschwätz. Die Welt mag aus den Fugen sein, die Untergangsszenarien mögen unsere Einbildungskraft bestimmen, die Furcht vor der Zukunft mag uns in den Gliedern stecken und die Liebe wie ein ferner Sehnsuchtsort erscheinen, den immer nur die anderen erreichen. Wenn es stimmt, dass Gott die Welt nicht allein gelassen hat, dann besteht die Möglichkeit, dass nicht alles so weitergeht. „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt“, haben früher Menschen in der Adventszeit gesungen. Das klingt nicht sentimental, sondern herzzerreißend, unbotmäßig, drängend. Die christliche Botschaft von Weihnachten lautet: Gott ist schon gekommen. Auch wenn es oft schwer ist, seine Gegenwart zu erkennen. Diese Ankunft Gottes in einem kalten Stall in der Nähe der Provinzstadt Betlehem wiederholt sich nicht nur in den vollen Kirchen. Gott kommt auch ohne Orgel und Kantorei an all die Orte, an denen Sie geblieben sind, statt in die Christvesper zu gehen. Sie müssen nichts tun, außer mit der Möglichkeit zu rechnen, dass diese Nachricht wahr sein könnte. Dann kann Weihnachten werden.





