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Weltbild

Kirche in der Sündenfalle

Aus: Christ & Welt Ausgabe 47/2011

Darf man mit Sex Bücher machen oder, schlimmer noch, Geld? Weil die Kirche darauf widersprüchliche Antworten gibt, hat sie nun ein Problem. Doch wer im Kapitalismus mitspielen will, sollte das ganz unverdruckst tun – oder er kommt darin um.

Verkorkster als zum Thema Sex ist das Verhältnis der Kirche nur zum Thema Geld. Man sollte also annehmen, dass die Kirche um das Thema Pornografie einen großen Bogen macht. Schließlich gilt dort: Sex meets money. Doch selbst der Papst fühlte sich neulich berufen, sich mit Pornografie zu befassen. Er dürfte dafür in Deutschland wohl ungewöhnlich breiten Zuspruch ernten, von den schwarz-grünen Milieus der neuen Werte-Euphoriker bis zu Alice Schwarzer, der Anti-Porno-Aktivistin. Trotzdem ist die katholische Kirche nicht sehr kompetent, über Pornografie zu urteilen.

Sie hat kein geklärtes Verhältnis zu Sex, denn sie hält vieles für Sünde, was kein normaler Mensch mehr als Sünde sehen kann. Damit steht sie in Gefahr, Texte und Bilder zu Pornografie zu erklären, die es gar nicht sind. Und sie hat kein geklärtes Verhältnis zu Geld, denn obwohl sie in vielerlei Weise am Kapitalismus teilhat, schweigt sie oft beschämt darüber. Dafür ist der aktuelle Streit um den milliardenschweren kircheneigenen Medienkonzern Weltbild ein Beispiel. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, ist Weltbild unter seinem Chef Carel Halff zu einem Big Player auf dem Bücher- und Versandmarkt aufgestiegen, Jahresumsatz 1,7 Milliarden Euro, Platz zwei hinter Amazon im deutschen Online-Buchvertrieb.

Weil über Weltbild auch Erotikliteratur und Charlotte-Roche-Romane vertrieben werden, hat sich eine Koalition aus kirchenkonservativen Aktivisten und sonst recht freizügigen Boulevardmedien zusammengefunden und wirft der Kirche Verrat an Auftrag und Prinzipien vor. Manche Kritiker beweisen dabei selbst eine bemerkenswerte Formulierungslust: „Wozu muss ein Bischof wissen, warum Männer so schnell kommen und Frauen nur so tun als ob?“, lautete eine polemische Frage in Anspielung auf die Titel einschlägiger Sexratgeber. Der Weltbild-Konzern, zu dem auch bekannte Publikumsverlage gehören wie Droemer Knaur, fühlt sich zu Unrecht attackiert. Bücher, die über das Stichwort „Erotik“ im Internet zu finden waren, hätten 2011 weniger als 0,02 Prozent des Umsatzes erzielt. Bei Droemer Knaur gibt man eine Quote von 0,3 Prozent an. Wie andere Online-Versandhäuser bietet Weltbild allerdings längst nicht mehr nur Bücher an, sondern ebenso Produkte wie das „vierteilige Wischmopp-Set inklusive Eimer mit Schleudereinsatz (29,99 Euro)“.

Sprichwörtlich ist in Kirchenkreisen das Angebot eines Katzenklos geworden, selbst wenn die aktuelle Webseite die Auskunft erteilt: „Die Suche nach Katzenklo hat keine Treffer erzielt.“ Ist Kirche dazu da?, fragen auch ernst zu nehmende Kritiker. Und darf Kirche das? ist zur zentralen Frage hinter der aktuellen Aufregung geworden. Übertrieben ist der Wirbel um Weltbild, denn dort geht es bloß um Katzenklos, nicht Kokain, und um Softpornos, nicht um Stinger-Raketen. Trotzdem muss sich die Kirche über die Anti-Weltbild-Kampagne nicht wundern – mit ihrer verdrucksten Haltung zum Geldverdienen lädt sie die Spötter vom Boulevard wie die Heuchler-Rufer in den eigenen Reihen förmlich zur Attacke ein. Denn sie traut sich nicht, den Zweck ihrer Weltbild-Beteiligung klar zu benennen: Die Kirche liebt die Rendite, nicht das Programm. Ein Ausweg aus dem Dilemma kann mehr Entweltlichung sein, wie sie der Papst bei seinem Deutschlandbesuch gefordert hat. Doch Renditestreben ist nicht per se verwerflich. Warum also bekennt sich die Kirche nicht dazu? Die Heuchelei liegt nicht im Vertrieb geschmackloser Produkte, sondern im fehlenden Eingeständnis der eigenen Motive. Zu oft tut die Kirche so, als dienten ihre materiellen Investitionen ideellen Zwecken. Doch von Katzenklos wird die Welt nicht heiler und die Menschheit nicht heiliger. Hier rächt sich nun, dass die Kirche viel von Gott und Geist, aber wenig vom Geld versteht. Das ist insofern ironisch, als zu den beliebtesten Vorurteilen von Gegnern der katholischen Kirche der Vorwurf zählt, sie ziele auf raffinierteste Weise auf die Vermehrung von Macht und Münze. Nicht nur in der Praxis beweisen ihre Funktionäre oft eher das Gegenteil. Auch in der Theorie gibt es Mängel. Die katholische Soziallehre ist für den Kapitalismus, was die Pillen-Enzyklika „Humanae vitae“ für das Triebleben ist: Sie soll dämpfend wirken, aber man hat nicht den Eindruck, dass sie das Problem richtig zu fassen bekommt.

Für die katholische Kirche ist der Kapitalismus oft nur Ausdruck von Knechtschaft und Mammon. Seine dynamische Kraft, seine oft befreiende und allemal beschleunigende Wirkung für den Austausch von Waren und Ideen ist ihr fremd geblieben. Natürlich – und wer wollte das bestreiten in Zeiten von Bankenhybris und Finanzwahnsinn – bedarf der Kapitalismus der Zähmung. Aber er ist auch eine Triebfeder für Innovation, Ideenaustausch und Weltverbesserung. Die Wunderwelt von Apple oder die Befreiung von Erdteilen aus Elend und Abhängigkeit – nichts davon wäre geschehen ohne die wirbelnde Wirkung der Märkte.

Selbst die Deutsche Bahn ist zumindest freundlicher geworden, seit sie nicht mehr wie eine Behörde geführt wird. Der gepflegt-katholische Antikapitalismus macht es sich zu einfach. Demokratie, Menschenrechte und Marktwirtschaft machen den Dreierkanon der westlichen Moderne aus. Die Kirche hat sich lange damit schwergetan. Demokratie und Menschenrechte, die Sprösslinge der Aufklärung, hat sie nach langen Kämpfen an Kindes statt angenommen. Die Marktwirtschaft gilt ihr bis heute als Bastard, den sie lieber nicht im eigenen Haus sieht. Ein Unternehmen aber dient dem Profit, nicht der Mission. Wer das nicht will, sollte am Markt nicht mitspielen.

Soll die Kirche darüber von ihren biblischen Ansprüchen zur Verbesserung der Welt lassen? Natürlich nicht. Aber sie soll Gott geben, was Gottes ist – und dem Markt, was des Marktes ist. Solange nicht Kokain oder Stinger-Raketen gehandelt werden, kommt es auch bei Unternehmen in kirchlichem Besitz nicht darauf an, dass jedes Geschäft der Verbreitung der Zehn Gebote dient. Wichtiger ist, wie das derart gewonnene Geld eingesetzt wird. Weniger die Einnahmen- als die Ausgabenseite der Kirche muss biblischen Anforderungen genügen. Dort bleibt genügend zu tun.

Erschienen in:
Ausgabe 47/2011
Redakteur:
Patrik Schwarz (Redakteur Die Zeit)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Katholisch, Ethik, Medien, Wirtschaft