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Das Wesentliche: Weihnachtsplatte

Keine Panik, ich bring`Euch `ne frohe Botschaft

Aus: Christ & Welt Ausgabe 51/2011

Ein bisschen schwanger in der wilden Ehe: Wie Udo Lindenberg die Weihnachtsgeschichte erzählt.

Wenn sich Udo Lindenberg in die Heilige Nacht des Jahres null begibt, hat die Zeile „Es begab sich zu der Zeit“ null Chance. Aber keine Panik: Auch in der Weihnachtsgeschichte nach Udo wird, wie in der nach Lukas, ein Sohn geboren. Es gibt Eltern, Engel und Esel, das bekannte Personal spricht bloß anders als im Evangelium. Da ist die Volkszählung eine Sache von „Scheißbürokraten“, der Neugeborene „tierisch wichtig“, und das Mysterium der Jungfrauengeburt kommt in Marias Satz nieder: „Du Josef, ich weiß auch nicht so genau und wieso, aber ich glaube, ich bin jetzt doch ’n bisschen schwanger.“ Es ist eine Weihnachtsgeschichte in historischer Sprache. In der Sprache der Siebziger, als das Allzumenschliche immer „tierisch“ sein musste.

Der Text ist mehr als 30 Jahre alt, aber Udo Lindenberg hat ihn fürs herannahende Fest erstmals selbst aufgesprochen. Der Erlös aus Buch- und CD-Verkauf geht an den Kleinen Michel, den katholischen Michel sozusagen, der immer im Schatten des großen, gleichnamigen evangelischen Bruders steht. Wer die Titelliste der CD engelsgleich überfliegt, verspürt einen Anflug von Angst: „Stille Nacht“, „O du fröhliche“, „Leise rieselt der Schnee“ wird da angekündigt. Ist Lindenberg jetzt wie die Kollegen von Volksmusik und Schlager ins sentimentale Saisongeschäft eingestiegen? Ein Hansi Hinterseer des Deutschrock? „Keine Panik, ich bring euch ’ne frohe Botschaft“, jubiliert Udos Engel. Wer die Platte hört, braucht sich dann doch nicht zu fürchten: Der Rockmusiker greift nicht zur „Stillen Nacht“. Das überlässt er seinem einstigen Panik-Pianisten und WG-Genossen Gottfried Böttger, einem exzellenten Jazzer. Der improvisiert mit Kollegen so locker über die Klassiker, dass die Lässig-Sprache der Siebziger dagegen verspannt wirkt.

Im Durchgangszimmer der WG habe er damals gewohnt, erzählt der Musiker. Böttger ist heute Professor für Digitale Audiotechnik. Udo will nicht mit Journalisten über Gott sprechen, aber sein ehemaliger Mitbewohner ist bereit. „Als Naturwissenschaftler gilt für mich der Energieerhaltungssatz“, sagt Böttger. „Nichts geht verloren, auch nicht, wenn ein Mensch tot ist. Christen nennen diese Energie Gott.“ Wie Udo diese Energie nennt, lässt der Pianist offen. Jedenfalls wurde im Hamburger Haupt- und Durchgangszimmer oft über Jesus gesprochen. Darüber, was wäre, wenn der Junge noch mal wiederkäme. Und es begab sich in der vorweihnachtlichen Zeit, dass Lindenberg die Geschichte so aufschrieb, wie er sie damals sah: als ungeplante Schwangerschaft, als wilde Ehe, als Herbergssuche ohne Kohle und schließlich als Party mit Lightshow im Stall.

Mehr als 180 neue Christ-, X- oder Sonstmas-CDs meldet der Internetanbieter Amazon in seiner Trefferliste. Weihnachtsmusik wird in dicklichen Geigenarrangements verpackt oder mit schmaler Bachscher Originalbesetzung allen Prunks entkleidet, diverse Liedersammlungen versprechen ein swingendes, rockendes, süßes und cooles Fest, vermummte Schlittenfahrerfamilien konkurrieren auf den Covern mit leichtbekleideten
Single-Weihnachtsmänninnen.

Warum hat einer wie Lindenberg da noch die 181. Weihnachts-CD hinzugefügt? Warum die sozialkritische Story, wenn er seine private Herbergssuche seit Langem abgeschlossen und die WG gegen ein Hamburger Luxushotel eingetauscht hat? Nobelherberge nannte man ein solches Haus im Jargon der Siebziger. Sein Ex-Pianist fürchtet solche Fragen nicht. Er spielt die Weihnachtsmelodien, als würde ihn die Botschaft des Engels tatsächlich freuen. „Weihnachten ist für mich eine guter Anlass, um mir darüber Gedanken zu machen, warum ich eigentlich Musik mache“, sagt er und fügt hinzu: „Das gilt auch für Udo.“ Am Heiligen Abend wird Böttger „O du fröhliche“ singen und anschließend darüber mit Freunden improvisieren. Früher spielte er an jedem 24. Dezember um 14 Uhr Gospels im Gottesdienst des Hochsicherheitstraktes von Santa Fu, dem Hamburger Knast. „Da habe ich gemerkt: Durch die Musik werden die Wärter zu Gefangenen und die Gefangenen werden frei.“ Weihnachten ist ’ne tierische Zeit, würde Udo sagen. 

Zum Nachhören: Udo Lindenberg liest die Weihnachtsgeschichte nach Udo. Buch und CD. Gütersloher Verlagshaus, 44 Seiten, 9,99 Euro.

Erschienen in:
Ausgabe 51/2011
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Das Wesentliche
Stichworte:
Spiritualität, Kultur